MB-Kritik

Gelbe Briefe 2026

Drama

Özgü Namal
Tansu Biçer
Leyla Smyrna Cabas
Şiir Eloğlu
Eray Egilmez
Marco Kühn
Yusuf Akgün
Kerem Can
Aziz Çapkurt

Inhalt

Derya und Aziz, ein gefeiertes Künstlerehepaar aus Ankara, führen mit ihrer 13-jährigen Tochter Ezgi ein erfülltes Leben, bis ein Vorfall bei der Premiere ihres neuen Theaterstücks alles verändert. Über Nacht geraten sie ins Visier des Staates und verlieren ihre Arbeit und ihre Wohnung. 

Kritik

Formal präzise und durchdacht komponiert vereint Ilker Çatak (Das Lehrerzimmer) psychologische Studie und gesellschaftspolitisches Gleichnis zu einem herausfordernden Drama um individuelle Integrität, Autoritarismus und den Zerfall einer trügerischen institutionellen Sicherheit. Der symbolreiche Schlüsselort des Theaters, an dem das Künstlerpaar Derya (eine hervorragende Özgü Namal, Gunesin Oglu) und Aziz (Tansu Biçer) zu Beginn einen gemeinsamen Triumph feiern, wird zur Parallele einer gesellschaftlichen Bühne. Jeder Schritt darauf steht unter wachsamer Beobachtung seitens eines Systems, das kritische Positionen rigoros bestraft. Diese bittere Erfahrung erschüttert unvermittelt die stabile Existenz und Ehe des Protagonisten-Paares. 

Nach der gefeierten Premiere einer zeitkritischen Theateraufführung, da Derya als Hauptdarstellerin und Aziz als Autor unter breitem öffentlichem Interesse in Ankara gemeinsam realisiert haben, erhalten beide unvermittelt die titelgebenden Schriftstücke. Ihr Stück wird trotz ausverkaufter Vorstellungen abgesetzt, Aziz verliert seine Stelle als Universitätsdozent und Derya ihr Engagement. Selbst ihre jugendliche Tochter Ezgi (Leyla Smyrna Cabas) bleibt von den Repressionen nicht ausgenommen. Der doppelte Einkommensverlust erodiert beider scheinbar stabile Bildungsbürger-Existenz. Bei Daryas Verwandten in Istanbul hoffen sie sich wieder zu fangen und driften in der erzwungenen häuslichen Enge emotional auseinander. 

Der abrupte Kollapse des sozialen Status steht gegenüber einer schleichenden Erosion ethischer Ideale. Familiäre Spannungen und wachsender finanzieller Druck während des zermürbenden Ringens um ihre künstlerischen Stimmen und soziale Existenz zeigen den hohen Preis politischen Engagements in einem repressiven System. Das jenes sich nicht auf die Türkei beschränkt, unterstreicht die klare Vorstellung von Berlin und Hamburg als Ankara und Istanbul. Nationen scheinen zunehmend austauschbar. Ein Wort zum Gaza-Konflikt, der am Rand des Geschehens durch Demonstrationen präsent ist, genügt, um ins Visier des Staatsschutzes zu geraten. 

Die meta-textuelle Überlagerung der Schauplätze verstärkt das Gefühl der Entfremdung, das Darya und Aziz in ihrer radikal veränderten Situation teilen. Zugleich bedeutet ihr notgedrungener Umzug in eine andere Stadt ein kleines Exil; einen Neuanfang ohne die gewohnten Privilegien und prominentes Prestige. Dass der für die Attacke gegen die Hauptfiguren verantwortliche Minister nur ein flüchtiges Gesicht in der Publikumsmenge bleibt, betont das Machtgefälle zwischen Kunstschaffenden und Staatsvertretenden. Für die Politik sind Menschen wie Darya und Aziz nur Publicity-Instrumente, die eingesetzte werden - oder ausgesondert. 

Fazit

Nach das "Lehrerzimmer" schärft Ilker Çatak weiter seinen Fokus auf Machtmissbrauch, systematische Schikane und ihre Auswirkungen auf ideelle Überzeugungen. Sein diffiziles Drama über die tiefgreifenden persönlichen und familiären Auswirkungen systemischer Schikane zeigt die künstlerische Freiheit als fragiles Konstrukt, das beständig neu errungen werden muss. Starke Darstellungen, insbesondere von Özgü Namal, verleihen der emotionalen Ebene der konzentrierten Komposition aus Beziehungsdrama und Polit-Parabel ebenso viel Resonanz wie der hochaktuelle Kommentar zu staatlicher Zensur und individueller Verantwortung. Es bleibt nachhaltige Verunsicherung, selbst in hoffnungsvollen Momenten.

Autor: Lida Bach
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