7.3

MB-Kritik

The Bride! - Es lebe die Braut 2025

7.3

Jessie Buckley
Christian Bale
Annette Bening
Penélope Cruz
Peter Sarsgaard
Jake Gyllenhaal
John Magaro
Matthew Maher
Jeannie Berlin
Zlatko Burić
Louis Cancelmi
Julianne Hough
Linda Emond
Ben Green
Massiel Mordan
Stephanie Troyak

Inhalt

Der einsame Frankenstein (Bale) reist ins Chicago der 1930er-Jahre, um die geniale Wissenschaftlerin Dr. Euphronious (gespielt von der für fünf Oscars nominierten Annette Bening) zu bitten, eine Gefährtin für ihn zu erschaffen. Die beiden reanimieren eine ermordete junge Frau – „die Braut“ (Buckley) ist geboren. Doch was sich daraufhin entfaltet, sprengt all ihre Erwartungen: Mord! Besessenheit! Eine entfesselte, radikale Kulturbewegung! Und mitten in diesem Strudel ein geächtetes Paar, verstrickt in eine Romanze, deren heiße Glut zugleich entflammt und zerstört.

Kritik

Der Frankenstein-Mythos lebt – oder genauer: Er musste nie wiederbelebt werden. Kaum eine literarische Figur hat sich als derart wandlungsfähig erwiesen wie Mary Shelleys moderner Prometheus, dessen Motive in den vergangenen Jahren auffallend häufig neu interpretiert wurden. Ob Guillermo del Toros Version, die grotesk-verspielte Variation in Poor Things, der klinische Birth/Rebirth oder die poppige Neuinterpretation Lisa Frankenstein – stets ging es weniger um Horror als um Identität, Schöpfung und Selbstbestimmung. Nun legt Schauspielerin und Regisseurin  mit The Bride! - Es lebe die Braut ihre zweite Regiearbeit vor und nähert sich dem Stoff auf radikal eigene Weise. Herausgekommen ist ein Film, der sich konsequent jeder Erwartungshaltung entzieht: ein visuell überwältigendes, stilistisch überbordendes Werk zwischen Gothic-Drama, Punk-Ästhetik, Art-Déco-Fantasie und Gangsterromanze.

Stilrausch statt klassischer Erzählung

The Bride! - Es lebe die Braut ist kein Film, der sein Publikum sanft an die Hand nimmt. Gyllenhaal interessiert sich sichtbar stärker für Atmosphäre, Symbolik und Bedeutungsebenen als für klassische Dramaturgie oder emotionale Zugänglichkeit. Die Handlung wirkt bewusst fragmentiert, springt zwischen Tonlagen und Motiven, als wolle sie jede Form erzählerischer Sicherheit vermeiden. Das Ergebnis gleicht einem Rauschzustand: faszinierend, irritierend und gelegentlich anstrengend zugleich.

Die opulente Ausstattung und die expressive Bildsprache machen das Budget jederzeit sichtbar. Räume wirken wie lebendig gewordene Kunstinstallationen, Figuren erscheinen oft eher als Ideen denn als psychologisch greifbare Menschen. Gerade darin liegt jedoch ein Teil der Faszination. Die Inszenierung besitzt eine magnetische Qualität, die auch dann fesselt, wenn die Geschichte ins Stolpern gerät.

Wenn Jessie Buckley (Hamnet) als titelgebende Braut irgendwann fragt, ob in der vergangenen Nacht vielleicht zu viel Absinth im Spiel gewesen sei, fühlt man sich als Zuschauer*in direkt angesprochen. Diese Szene beschreibt treffend das gesamte Filmerlebnis: berauschend, leicht desorientierend und nie vollständig erklärbar. Antworten liefert der Film kaum – und genau das scheint gewollt. Statt Klarheit setzt Gyllenhaal auf Subtext, Haltung und stilistische Provokation.

Zwischen Schöpfung und Selbstbestimmung

Buckley verkörpert nicht nur die wiederbelebte Braut, sondern zugleich Mary Shelley selbst. Daraus entsteht ein faszinierender, wenn auch bewusst diffuser Dialog zwischen Autorin und eigener Figur. Beide suchen nach Autonomie, beide kämpfen gegen Zuschreibungen von außen. Die Idee ist klug gedacht und verleiht dem Film eine zusätzliche Metaebene, die sich jedoch nicht immer organisch in die Handlung einfügt.

Oscar-Preisträger Christian Bale (Le Mans 66: Gegen jede Chance) sorgt als ungewöhnlich sanft gezeichnete Version der Frankenstein-Kreatur für einige der zugänglichsten Momente. Seine Darstellung verleiht dem Film überraschende Wärme, besonders wenn seine Figur ihre Liebe zum Kino entdeckt oder einem verehrten Hollywood-Star begegnet. In solchen Augenblicken zeigt The Bride! - Es lebe die Braut, wie emotional berührend das Projekt hätte sein können, würde es häufiger innehalten.

Doch genau diese Ruhe gönnt sich der Film selten. Immer wieder werden intime Szenen von stilistischen Eskalationen oder abrupten Richtungswechseln überlagert. Die Braut selbst bleibt dabei bewusst widersprüchlich angelegt: rebellisch, suchend, zugleich Projektionsfläche männlicher Erwartungen. Weil sie ihre eigene Identität nicht kennt, versuchen andere Figuren, sie zu definieren – ein erzählerischer Kern, der sich klar als Geschichte über Emanzipation lesen lässt.

Zwischen Kunstanspruch und Überforderung

Das zentrale Thema ist die Befreiung aus Einsamkeit und Fremdbestimmung. Allerdings wird dieser Gedanke von einer Fülle an Eindrücken, Genres und Ideen überlagert. Gyllenhaals Drehbuch ist randvoll, manchmal überladen. Der Weg von einer Neuinterpretation der Frankenstein-Braut hin zu einer Bonnie-und-Clyde-artigen Mobster-Erzählung wirkt stellenweise holprig und von erzählerischen Umwegen geprägt. Übergänge erscheinen abrupt, Motive werden eingeführt und wieder fallen gelassen, bevor sie ihre volle Wirkung entfalten können.

Gerade hierin liegt der größte Schwachpunkt des Films: Eleganz sucht man im narrativen Aufbau vergeblich. Viele Szenen wirken eher aneinandergereiht als organisch entwickelt. Wer klare Dramaturgie erwartet, dürfte schnell die Geduld verlieren. Gleichzeitig entsteht aus dieser Unruhe eine eigentümliche Energie. The Bride! - Es lebe die Braut lebt von seiner Rastlosigkeit, von der Lust am Risiko und der offensichtlichen Weigerung, gefällig zu sein.

Man hat letztlich zwei Möglichkeiten: sich von dieser Welle tragen zu lassen oder an ihr zu scheitern. Wer sich darauf einlässt, entdeckt ein Werk voller ungewöhnlicher Einfälle und eindrucksvoller Bilder. Wer hingegen erzählerische Kohärenz sucht, wird vermutlich Abstand halten.

Kino als kompromisslose Vision

Dass The Bride! - Es lebe die Braut die Meinungen spalten wird, scheint unausweichlich. Der Film lädt zu leidenschaftlicher Begeisterung ebenso ein wie zu entschiedener Ablehnung. Gerade die sperrige Erzählweise liefert Kritikerinnen nachvollziehbare Argumente, während Befürworterinnen die künstlerische Konsequenz feiern dürften.

Gyllenhaal beweist Mut zur eigenen Handschrift und inszeniert ein Kino, das sich ausdrücklich auch als Kunstwerk versteht. Es ist ein Film, der fordert, manchmal überfordert und selten den einfachen Weg wählt. Nicht jede Idee zündet, nicht jede emotionale Spur erreicht ihr Ziel, doch die Entschlossenheit hinter dem Projekt ist jederzeit spürbar.

Am Ende bleibt ein widersprüchliches, leidenschaftliches Werk, das Herz und Verstand nicht immer gleichermaßen erreicht, dafür aber lange nachhallt. The Bride! - Es lebe die Braut richtet sich eindeutig nicht an die breite Masse, sondern an Zuschauer*innen, die sich auf eigenwillige filmische Erfahrungen einlassen möchten. Wer bereit ist, Kontrolle gegen Intensität einzutauschen, wird hier ein ungewöhnliches, visuell betörendes Kinoerlebnis finden, das gerade in seiner Unvollkommenheit eine bemerkenswerte Anziehungskraft entwickelt.

Fazit

Ein berauschender, widerspenstiger Bildersturm: erzählerisch überladen, emotional auf Distanz, aber voller künstlerischer Entschlossenheit. Kein Film für alle – doch wer sich seinem Stilrausch hingibt, erlebt ein faszinierend ungezähmtes Stück Kino. Bedingungslos im Guten wie im Schlechten.

Autor: Sebastian Groß
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