Inhalt
Eine Frau, die sich auf einen Handel einlässt, um einem alten Bekannten zu helfen. Sie folgt dem Helden auf sein Abenteuer und betritt gefährliches Terrain, wo sie schließlich mit ihrem eigenen Verlangen konfrontiert wird.
Kritik
Zu ihrem filmischen Vorgänger Western zeigt Valeska Grisebachs eigenwilliger Beitrag zum Wettbewerb von Cannes eine Reihe auffälliger Parallelen. Schauplatz ist erneut Bulgariens malerische, doch einsame und entlegene Provinz. Der Cast besteht zu großen Teilen aus Menschen der lokalen Bevölkerung, darunter Syuleyman Letifov, der bereits in Western auftrat. Wieder ist das Tempo mehr eine meditative Langsamkeit und wieder spielt die Handlung geschickt mit Charakteristika des Genre-Kinos. Diesmal sind es Krimi und Mystery-Thriller, in denen sich die aparte Protagonistin (Yana Radeva) verstrickt.
War das vorherige Werk der deutschen Regisseurin auch eine Studie von Männlichkeit, so ist ihre immersive Beziehungsstudie dessen weibliches Pendant. Diesen analytischen Fokus verbirgt ein prologartiger Auftakt um Autohändler Said (Letifov), der nach langen Jahren in seinen Heimatort Svilengrad zurückkehrt. Dort begegnet er durch Zufall seiner Jugendliebe Veska (Radeva), die mit Saids unerklärlichem Verschwinden ins Zentrum der Handlung rückt. Die archäologischen Ausgrabungen, die sie dort leitet, fungieren als elegante Allegorie der schichtenweisen Aufdeckung vergangener Verbindungen.
Eine solche hatte die selbstsichere Forscherin auch mit dem örtlichen Crime-Boss Iliya (Stoicho Kostadinov). Ein ominöser Geschäftsmann namens The Raven scheint das Bindeglied zwischen ihm und Said, dessen vergrabene Gefühle für Veska neu erwachen. Dass eine ältere Frau Leidenschaft erlebt und erweckt, ist Teil Grisebachs instinktiver Revision filmischer Konventionen. Der kriminalistische Handlungsstrang entspinnt sich ebenso unspektakulär wie Veskas Investigation. Entscheidender als die finale Auflösung ist der Prozess der (Selbst)Verortung; im emotionalen, biographischen und soziologischen Kontext.
Fazit
Ausgebleichte Kamerabilder in Sand- und Steinfarben, aufgenommen und stimmungsvoll geschnitten von Bernhard Keller und Bettina Böhler, verstärken die Aura schleichender Erosion in Valeska Grisebachs differenziertem Drama. Dessen vielschichtige Handlung lässt sich organisch vor dem imposanten Landschaftspanorama treiben, stets geneigt, sich in geselligen Momenten zu verlieren. Subtiler Symbolismus untermalt die intuitive Inszenierung, die den Übergangsstatus vom Schatten der Sowjetära zur Assimilation an die EU mit kritischem Blick einfängt. Orts- und Befindlichkeits-Studie bilden ein atmosphärisches Amalgam, das Geduld fordert, aber auch belohnt.
Autor: Lida Bach