Inhalt
Iván verliebt sich in Hadoum in dem Gewächshaus, in dem sie arbeiten. Doch seine lang ersehnte Beförderung gefährdet die Beziehung und zwingt ihn, sich zu entscheiden, was für ein Mann er sein will.
Kritik
Fragen der Identität, äußeren Akzeptanz und Selbstwahrnehmung von trans Menschen, individuelle Ideale vor einem Hintergrund ökonomischen Drucks und struktureller Benachteiligung sowie keimende Liebe in einem harschen Umfeld thematisierte Ian de la Rosa (The Dashed Lines) bereits in seinen Kurzfilm-Arbeiten. In seinem ambitionierten Spielfilm-Debüt vereint der spanische Regisseur und Drehbuchautor diese Elemente zu einer mitunter unebenen, doch emotional authentischen Romanze im Zwiespalt zwischen solidarischer Integrität und familiären Ansprüchen. Ein doppelter Erfolg auf privater und professioneller Ebene wird für den jungen trans Mann Iván (Silver) unvermittelt zur Zerreißprobe.
Gerade als der Fabrikarbeiter sich in seine spanisch-marokkanische Kollegin Hadoum (Herminia Loh Moreno) verliebt hat und zwischen den beiden eine innige Liebesbeziehung wächst, erhält er die überfällige Beförderung. Seine alleinerziehende Schwester Carmen (Esperanza Guardado, Valeria) und ihre Kinder, mit denen Iván in einer beengte Wohnung lebt, sind voller Hoffnung angesichts der materiellen Erleichterung. Doch um die zu behalten, muss Iván die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen in der Gemüsefabrik erzwingen. Seine ehemaligen Kolleg*innen sind enttäuscht über seinen Seitenwechsel, der ihn eine lange ersehnte Selbstbestätigung spüren lässt.
Wenn Iván gegenüber Carmen scherzt, er sei mit der neuen Position nun der Hausherr, deutet dies an die Identitätsstärkende Wirkung der traditionellen Männerrolle des Versorgers. Während die unvereinbaren gefühlten Verpflichtungen gegenüber seiner Familie und den Fließbandarbeiterinnen seine Beziehung zu Hadoum immer mehr belastet, lässt de la Rosa durchblicken, dass die Akzeptanz der Fabrikleitung eine Illusion bleibt. Dieser nüchterne Blick auf soziale Hierarchien, das falsche Versprechen wirtschaftlichen Aufstiegs sowie zumindest partiell sichtbare Armut verankert das kantige Beziehungsdrama in einem zeitgemäßen Sozialrealismus, der den Identitätskonflikt im Klassenkontext spiegelt.
Fazit
Zugehörigkeit im Kontext von Gender, Gemeinschaft und Gesellschaft ist das übergreifende Motiv Ian de la Rosas gradlinigen Debüt-Dramas, das die Schwierigkeit der eigenen Identitätsfindung als vielschichtiges universelles Problem aufzeigt. Die Frage nach dem Selbstbild wird in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten und an unterschiedlichen Punkten der Biographie anders beantwortet und kann in Eigen- und Fremdwahrnehmung radikal variieren. Weite Landschaften und beengte Innenräume kontrastieren sinnbildlich die Sehnsüchte der Figuren mit deren trister Realität. Kleine Unsicherheiten des naturalistischen Schauspiels fügen sich organisch in die lebensnahen Charakterbilder.
Autor: Lida Bach