MB-Kritik

In A Whisper 2026

Drama

6.9

Eya Bouteraa
Hiam Abbass
Marion Barbeau
Feriel Chamari

Inhalt

Lilia kehrt zur Beerdigung ihres Onkels in ihre Heimat Tunesien zurück und trifft dort auf ihre Familie, die nichts über ihr Leben in Paris weiß, insbesondere nichts über die Frau, die sie liebt. Sie dagegen ist entschlossen, sich den Geheimnissen in der Familie zu stellen. Während die Verwandtschaft zusammenkommt und alte Freunde auftauchen, um in Erinnerungen zu schwelgen, wird Lilia erneut bewusst, warum sie Tunesien verlassen hat, und sie macht sich daran, das Rätsel um den plötzlichen Tod ihres Onkels aufzuklären.

Kritik

Von den leisen Andeutungen, die der Titel Leyla Bouzids (Eine Geschichte von Liebe und Leidenschaft) dritten Spielfilms evoziert, gibt es wenig in einer Story, die sowohl emotional als auch dramatisch auf allzu deutliche Ansagen setzt. Das nuancierte Schauspiel Hiam Abbas (Palestine 36) als Mutter der in Paris lebenden Lilia (Eya Bouteraa), die zur Beerdigung ihres Onkels in ihr Familienheim zurückkehrt, ist einer der einnehmenden künstlerischen Kontrastpunkte in einer unsicheren Komposition aus öffentlichem und privatem Sittenstück. Die Kriminalisierung männlicher Homosexualität und das Ringen der jungen Protagonistin um familiäre Akzeptanz bilden das melodramatische Momentum.

Jenes holt gleich zu Beginn weit aus, um die zentralen Figuren ins emotionale Wanken zu bringen. Lilia hört schockiert, dass ihr Onkel Daly (Karim Rmadi) nackt auf offener Straße gefunden wurde. Ihre beschämten Angehörigen sind bemüht, den Skandal einzudämmen, was dank ihres Wohlstands und politischen Einflusses augenscheinlich gelingt. Bereits hier verliert sich das holprige Drehbuch in Widersprüchen. Mal scheint Lilias Familie die polizeilichen Ermittlungen beenden zu wollen, dann wieder steht die behördliche Vertuschung eines Verbrechens im Raum. Ähnlich verworren sind die Charaktere und ihre Aktionen.

Dalys sexuelle Orientierung ist ein offenes Geheimnis; so offen, dass von dem angedeuteten Mysterium nicht viel übrig bleibt. Trotzdem wird die Tatsache nichtmal unter seinen Geschwistern benannt. Lilia selbst hat ihre französische Partnerin Alice (Marion Barbeau) mitgebracht, um sie vorzustellen, ist aber verärgert, als Alice zum Geburtstag Lilias Großmutter (Salma Baccar) erscheint. Individuelle und gemeinschaftliche Motive bleiben schemenhaft. Umso plakativer belehren plumpe Expositions-Szenen über die gesetzliche Position zu Queerness. Deren Verheimlichung wird indes still konsolidiert. Ein mutlose Message-Melodrama, dessen dramatische Ausblendung die inszenatorische spiegelt. 

Fazit

So wie Leyla Bouzid die überzeugendsten darstellerischen Leistungen an den Rand ihres konventionellen Familiendramas drängt, übergeht der beflissene Plot die relevanten Themen zugunsten seichten Soap-Szenarien. Warme, sonnige Einstellungen, leichter Soundtrack und Lilias und Alice ästhetisierte Leidenschaft bagatellisieren systematisch die politische Verfolgung und soziale Ächtung queerer Neigungen. Patriarchalische Strukturen werden nie in ihrer ursächlichen Wirkung auf Homophobie untersucht. Familiäre Eintracht wertet die hinter der progressiven filmischen Fassade enttäuschend konformistische Handlung höher als individuelle Authentizität. In sonniger Optik und versöhnlicher Atmosphäre wird heteronormativer Traditionalismus zementiert. 

Autor: Lida Bach
Diese Seite verwendet Cookies. Akzeptieren.