MB-Kritik

Everybody Digs Bill Evans 2026

Drama, Biography, Music

Anders Danielsen Lie
Bill Pullman
Laurie Metcalf
Isabelle Harriet

Inhalt

New York im Juni 1961: Der legendäre Jazz-Pianist Bill Evans hat seinen Stil gefunden und das perfekte Trio gegründet – zusammen mit seinem musikalischen Seelenverwandten, dem Bassisten Scott LaFaro. Im New Yorker Jazz-Club Village Vanguard werden an einem einzigen Tag Live-Aufnahmen gemacht, aus denen zwei der besten Jazz-Platten aller Zeiten entstehen. Nur wenige Tage später stirbt LaFaro bei einem Autounfall.

Kritik

“Sometimes an intermission is part of the music.”, sagt die Mutter des prominenten Protagonisten (Anders Danielsen Lie, Sentimental Value) in Grant Gees (Innocence of Memories) melancholischer Musiker-Biographie. Jene ist übervoll mit solchen Szenen, die sich etwas zu glatt und gescripted anfühlen, um emotional oder psychologisch glaubhaft zu sein. Dennoch ist die erste Spielfilm-Arbeit des britischen Regisseurs, der bereits in seinen dokumentarischen Arbeit mehrfach sein Faible für Musikgeschichte bewiesen, überraschend nah a den Fakten über ihren Titelcharakter. Er nimmt im Handlungsjahr 1961 erschüttert vom Unfalltod seines Bassisten Scott LeFaro eine kreative Auszeit.

Diese temporäre Abkehr von der Musik, die für den 32-jährigen Bill Evans zugleich Lebenselixier und aufzehrende Passion ist, umspannt das elegische Persönlichkeitsporträt. In kontrasttarkem Schwarz-Weiß, durchsetzt von farbigem Format, begleitet die impressionistische Kamera Evans, LaFaro nicht nur einen musikalischen Partner, sondern einen Seelenverwandten verliert, durch die existenzielle Krise. Mit introvertierter Intensität transportiert Lie die psychische Zerrissenheit und Zerbrechlichkeit des ikonischen Hauptcharakters, der zwischen seiner ebenfalls heroinsüchtigen Freundin Elaine (Valene Kane, The Winter King) und seinen gealterten Eltern (Bill Pullman, David Lynch, der Meister des Rätselhaften, und eine famose Laurie MetcalfSomewhere in Queens) pendelt. 

Unausgesprochene Konflikte gären unter der Maske harmonischer Routine. Evans emotionale Verschlossenheit findet ein weltliches Pendant in seinem Bruder Harry Evans Jr. (Barry Ward, Ungrateful Beings), dessen bürgerliche Existenz jedes musische Talent schleichend erstickt. Mark O'Hallorans frei nach Owen Martells biographischem Roman “Intermission” verfasstes Drehbuch verzichtet auf eine lineare Struktur zugunsten intuitiver Sprunghaftigkeit. Rückblenden, Zeitsprünge und stilisierte Montagen streben nach einer inszenatorischen Interpretation der Spielweise des Protagonisten. Ästhetisierte Optik akzentuiert die zentralen Themen von Selbstentfremdung, Verlust und künstlerischer Bewältigung, verwurzelt im megaomanischen Mythos vom weißen männlichen Genie.

Fazit

Untermalt von Roger Goulas sonorem Soundtrack entwirft Grant Gee ein hyperstilisiertes Porträt, das sich sowohl als Abbild des legendären Jazz-Musikers Bill Evans begreift wie auch als abstrahierte Quintessenz eines Schaffens. Dessen spätere Jahre fallen ebenso aus dem bluesigen Bildrahmen wie die schöpferischen Brüche seine Laufbahn. Trotz des überzeugenden Schauspiels bleibt die narrative Verdichtung auch psychologisch verkürzt; gefangen im Trope tragischer männlicher Brillanz. Formale Elaboration wird zum expressiven Ersatz psychischer Differenzierung. Immersive Atmosphäre prallt auf unterkühlte seelische Distanz in einer artifiziellen Apotheose von ephemerer Eleganz. 

Autor: Lida Bach
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