5.8

MB-Kritik

Send Help 2026

Horror, Thriller

5.8

Rachel McAdams
Dylan O'Brien
Edyll Ismail
Xavier Samuel
Chris Pang
Thaneth Warakulnukroh
Emma Raimi
Bruce Campbell
Dennis Haysbert

Inhalt

Linda Liddle wird von ihrem sexistischen Chef Bradley Preston schikaniert, dessen Vater eigentlich wollte, dass er sie befördert, sobald er die Firmenleitung übernimmt. Stattdessen fordert Bradley sie auf, sich auf einer Geschäftsreise nach Bangkok zu beweisen, bei der es um eine Firmenfusion geht. Die Situation eskaliert, als ein Flugzeug während eines Sturms abstürzt und die beiden auf einer einsamen Insel stranden. In einem verzweifelten Kampf ums Überleben spitzen sich die Spannungen zwischen ihnen immer weiter zu.

Kritik

17 Jahre sind vergangen, seit Sam Raimi mit Drag Me to Hell seinen bislang letzten reinen Horrorfilm vorgelegt hat. Eine bemerkenswerte Zeitspanne, gerade wenn man bedenkt, wie sehr Raimis Name bis heute mit Dämonen, Flüchen und groteskem Schrecken verbunden wird. Zwar hatte der Regisseur schon vor seiner immens erfolgreichen Spider-Man-Trilogie (2002 - 2007) immer wieder Genrewechsel vollzogen, doch als Schöpfer von Tanz der Teufel (1981) bleibt er vor allem eine feste Größe des Spuks und der makabren Eskalation. Umso weniger überrascht es, dass die Ankündigung von Send Help eine gewisse Erwartungshaltung erzeugte – nicht nur bei eingefleischten Fans. Nach den eher nüchtern aufgenommenen Blockbustern Die fantastische Welt von Oz (2013)  und Doctor Strange in the Multiverse of Madness (2021) markiert der Film Raimis Rückkehr zu überschaubaren Mitteln und vertrauteren Tonlagen.

Insel der Machtverschiebungen

Im Zentrum steht Firmenchef Bradley, ein wohlhabender, selbstverliebter Erbe, der seine neue Position vor allem als Bestätigung der eigenen Überlegenheit begreift. An seiner Seite befindet sich Linda, eine kompetente Mitarbeiterin, die von Bradley systematisch unterschätzt und bevormundet wird. Auf dem Weg zu einer Geschäftsreise nach Thailand kommt es jedoch zum Bruch mit der gewohnten Machtordnung: Ein Flugzeugabsturz während eines Sturms lässt die beiden auf einer einsamen Insel stranden – als einzige Überlebende. Was zunächst wie ein klassisches Survival-Szenario beginnt, entwickelt sich rasch zu einem psychologischen Kräftemessen, bei dem alte Hierarchien keinen Bestand mehr haben.

Während Bradley mit einem verletzten Bein und angeknackstem Ego kaum handlungsfähig ist, blüht Linda regelrecht auf. Überleben in der Wildnis ist für sie kein abstraktes Konzept, sondern ein gelebtes Hobby. Der Film nutzt diese Konstellation geschickt, um die Figuren neu zu vermessen. Die Rollenverteilung verschiebt sich sichtbar, ohne dabei allzu überraschende Wege einzuschlagen. Gerade darin liegt eine der größten Stärken, aber auch Schwächen von „Send Help“: Die Abfolge der Ereignisse folgt bekannten Mustern, funktioniert jedoch dank klarer Figurenzeichnung und präzisem Timing zuverlässig.

Das Drehbuch, verfasst von den Autoren von Freddy vs. Jason (2003), bemüht sich spürbar darum, beide Hauptfiguren nicht auf eindimensionale Funktionen zu reduzieren. Immer wieder werden neue Facetten freigelegt, die Sympathien herausfordern oder neu sortieren sollen. Zwar liegt die emotionale Nähe eindeutig auf Lindas Seite, doch der Film streut bewusst Momente ein, in denen auch Bradley zumindest Ansätze von Reflexion zeigt. Diese Verschiebungen gelingen solide, auch wenn Bradley nie eine echte innere Läuterung durchläuft. Das scheint allerdings kalkuliert, denn Send Help will weniger moralische Abrechnung sein als ein kurzweiliger Genre-Mix.

Kurzweiliger Genre-Mix mit Sonnenschein und Wahnsinn

Raimis Inszenierung trägt diesen Ansatz mit sichtbarer Spielfreude. Immer wieder blitzen visuelle Einfälle auf, die an seine frühen Arbeiten erinnern: extreme Großaufnahmen, abrupte Perspektivwechsel, ein Sinn für körperliche Komik, der Schmerz und Slapstick bewusst ineinanderfließen lässt. In einzelnen Momenten huldigt der Film offen der überzeichneten Gewaltästhetik und dem exzessiven Humor, die Raimi einst ausgezeichnet haben. Dennoch bleibt das Gefühl, dass diese Ausbrüche eher punktuell gesetzt sind. Der ganz große, entfesselte Wahnsinn, der Drag Me to Hell noch durchzog, stellt sich hier nicht dauerhaft ein. In dieser Hinsicht wirkt Send Help wie eine bewusst dosierte Variante bekannter Tugenden. Selbst der traditionelle Cameo von Tanz der Teufel-Held  Bruce Campbell wirkt eher bescheiden (hier könnt ihr erfahren, wie der Gastauftritt aussieht).

Großen Anteil an der konstanten Unterhaltung haben die beiden Hauptdarsteller.  (Game Night) verleiht der vergleichsweise schematisch angelegten Linda eine sympathische Natürlichkeit, die den Film emotional erdet. Selbst in überzeichneten Situationen bleibt ihre Figur glaubwürdig und zugänglich.  (Love and Monsters) wiederum trifft den Ton des arroganten Chefs erstaunlich sicher. Seine Darstellung balanciert Unsympathie und leise Selbstironie, ohne die Figur zu sehr zu entschärfen. Auch die angedeuteten Veränderungen im Verhalten Bradleys wirken nachvollziehbar, ohne seine grundlegenden Charakterzüge zu verleugnen.

Würde Send Help als Debüt eines neuen Filmemachers laufen, ließe sich darin eine interessante, kecke und leidenschaftliche Handschrift erkennen. Im Kontext von Raimis Karriere wirkt der Film jedoch zurückhaltender, wenn auch nicht vorsichtig. Wer bereit ist, die Erwartungen an frühere Großtaten auszublenden, erhält eine durchgehend unterhaltsame Genrearbeit mit Humor, etwas Horror und punktuellen Exzessmomenten. Außer man kann mit Raimis Frühwerken nicht viel anfangen – dann könnte Send Help wie der reinste Trip in den Wahnsinn wirken, auch wenn es letztlich nicht mehr als ein nett gemeinter Ausflug mit dem Schlauchboot.

Fazit

Souverän inszeniert, punktuell verspielt und getragen von zwei starken Hauptdarsteller*innen, bleibt "Send Help" unter seinen Möglichkeiten. Raimis Handschrift ist klar erkennbar, entfesselt sich jedoch nie so weit, dass sich der blutige Wahnsinn vollständig entfalten kann – unterhaltsam, charmant und kurzweilig, mit einer deutlichen Neigung zur pervertierten Moral.

Autor: Sebastian Groß
Diese Seite verwendet Cookies. Akzeptieren.