MB-Kritik

Queen of Chess 2026

Biography, Documentary

Inhalt

Die ungarische Schachwunderkind Judit Polgár fordert über einen Zeitraum von 15 Jahren den Schachweltmeister Garry Kasparov und ihren kontrollierenden Vater heraus, überwindet Geschlechterbarrieren und wird zur größten Schachspielerin aller Zeiten und zu einer der besten Spielerinnen der Geschichte.

Kritik

Eine Prise Popkultur-Geschichte, Psycho-Duelle und Patriarchats-Kritik verleihen s biographischem Doku-Drama genug Verve und Vielseitigkeit, um die politischen und persönlichen Leerstellen gekonnt zu überspielen. Auf dramaturgischer Ebene reicht es dennoch zum Patt für das pointierte Porträt einer jugendlichen Schachmeisterin, die nicht nur gegen weltberühmte Gegenspieler antrat, sondern die sexistischen Prinzipien eines männerdominierten Metiers. Dessen Geschichte und Gender-Restriktion überspringt die kondensierte Chronik des kometenhaften Aufstiegs der ungarischen Schachikone Judit Polgár und ihrer legendären Spiele gegen Garry Kasparov.

In den späten 80ern und 90ern brach das gemeinsam mit ihren Schwestern von ihrem Vater gedrillte „Wunderkind“ sämtliche Rekorde in einem Denksport, der traditionell als männliches Spielfeld betrachtet wurde. Dass sich daran wenig geändert hat, bleibt ebenso unerwähnt wie die elitären und rassistischen Facetten des Sports. Ein Teil der Faszination und Bedeutung Polgars Aufstiegs, der neben Gender-Bildern auch klassistische Konstrukte herausforderte, verliert sich somit in der konventionell konzipierten Mischung aus Interviews, Archivmaterial und nachgestellten Szenen. 

Von ihrer Kindheit in der ambitionierten Arbeiterschicht des kommunistischen Ungarns über ihre ersten internationalen Erfolge bis zu ihrem historischen Durchbruch als jüngste Großmeisterin aller Zeiten im Alter von 15 Jahren folgt die straffe Struktur klassischen Mustern. Frühe und aktuelle Interviews der Protagonistin und ihrer Schwester geben Einblicke in die Mentalität, Motivation und Methodik einer eindrucksvollen Persönlichkeit. Leistungsdruck und Selbstzweifel liefern taktisch portioniert und platziert Drama und Spannung, ohne je in hinter die professionelle Fassade der Schwestern zu dringen.

Fazit

Familienfotos, TV-Ausschnitte und Zeitungsartikel, die visuell vorführen, wie Polgar Geschichte (um)schrieb, geben Rory Kennedys historischer Heldinnen-Saga Dynamik und Zeitkolorit. Während Grundzüge des Schachspiels sich in der routinierten Kombination kinematischer Bildsprache und dokumentarischer Sachlichkeit beiläufig erschließen, haben kritische Zwischentöne kaum Platz. Die gegenwartspolitische Relevanz Polgars Entschlusses statt gegen die männliche Weltelite anzutreten, wird beflissen ignoriert. Statt binäre Gender-Konstrukt zu dekonstruieren, wird Chancengleichheit als erreicht dargestellt. Die Überschneidung sportlicher und gesellschaftlicher Kämpfe bleibt in einer historischen Bubble, losgelöst von Gegenwartspolitik und globalem Kontext. 

Autor: Lida Bach
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