Inhalt
In den endlosen Berliner Nächten fährt der 55-jährige palästinensische Uber-Fahrer Hassan Nachtschwärmer*innen von einer Party zur nächsten. Zu seiner ältesten Tochter, die fest entschlossen ist, ihren deutschen Freund zu heiraten, besteht kein Kontakt mehr. Oft fährt Hassan ziellos durch die Straßen. Eines Nachts stolpert der 25-jährige israelische Tourist Amir, der fern der Heimat seine sexuelle Identität erforscht, in Hassans Wagen. Einige Monate später taucht Amir erneut auf. Er lebt mittlerweile in Berlin und leidet nach dem schmerzlichen Ende einer Beziehung unter schwerem Liebeskummer.
Kritik
Sowohl lokal als auch politisch bleibt Assaf Machnes idealistisches Debüt-Drama trügerisch weit weg von den brutalen Konflikten, die im Handlungsjahr der episodischen Geschichte urbaner Isolation und Verbundenheit noch bevorstehen. In einem Uber-Wagen in Berlin begegnen sich ein älterer palästinensischer Fahrer, der seit Jahren in der Hauptstadt lebt, und ein erst vor Kurzem angekommener junger Israeli. Die halb freundschaftliche, halb väterliche Bindung, die über mehrere Begegnungen über Monate hinweg zwischen den unterschiedlichen Charakteren wächst, ist zugleich Hoffnung und Hypothese.
Das titelgebende “Wohin?” ist überdeutlich nicht nur die Frage danach, wo Uber-Fahrer Hassan (Ehab Salami, Fireflies) den vor kurzem aus Israel angereisten Amir (Ido Tako, Come Closer) hinbringen soll, sondern auch nach der Entwicklung der kulturellen und nationalen Identitäten, die beide repräsentieren und von denen sie zugleich losgelöst scheinen. Dramatisch indes distanziert sich der schlichte Plot von klaren politischen Statements und konzentriert sich ganz auf die persönliche Ebene. Amir kommt aus Liebe zu seinem Freund nach Berlin, nur um eine bittere Enttäuschung zu erfahren.
Der 55-jährige Hassan wiederum reiste einst her, um seine Jugendliebe wiederzufinden. Der Schmerz über die verpasste Chance nagt weiterhin an ihm. Während Hassan seinem Vater nie den Grund seiner Emigration genannt hat, wissen Amirs Eltern nicht von seiner sexuellen Orientierung. Romantische Enttäuschungen und die private Distanz zu ihrer Verwandtschaft daheim verbindet die beiden Figuren ungeachtet ihrer äußerlichen Verschiedenheit. Entfremdung und Sehnsucht nach Nähe bilden die emotionalen Gegenpole der persönlichen Parabel, deren Optimismus auch von der bitteren Realität entrückt bleibt.
Fazit
Großstädtisches Road Movie und Kammerspiel verbindet Assaf ambitioniertes Spielfilm-Debüt, das in der Perspectives Sektion der 76. Berlinale seine Weltpremiere feiert, zu einer einfühlsamen Studie von Identitätssuche, Isolation und intuitivem Verständnis. Der sprachliche Mix aus Arabisch, Hebräisch, Englisch und Deutsch unterstreicht die Rolle der Metropole als metaphorischen Zwischenraum aus biographischer, ideologischer und politischer Ebene, durch den die Figuren navigieren. Maayane Bouhniks Kameraarbeit verleiht den überwiegend nächtlichen Szenen in 4:3-Ratio eine unterschwellige Aura von Wehmut und Verlorenheit, in der politische Klarheit und psychologische Schärfe sich verlieren.
Autor: Lida Bach