Inhalt
Ein mutiges Mädchen und ihre Freunde müssen aus einer Kindersendung im Fernsehen entkommen.
Kritik
Man muss kein Kind der 90er sein, um den realen Horror hinter Caspar Kelly (V/H/S/Halloween) satirischem Slasher zu und zu schätzen. Doch für alle, die sich aus ihrer eigenen Fernsehen-Prägung an die toxische Fröhlichkeit, zwanghafte Verdrängung und infantilisierende Idiotie realer TV-Serien wie Barney & Friends, Teletubbies oder Pee-wee’s Playhouse erinnern, birgt die psychedelische Parodie eine Extraportion Spaß, Schrecken und indoktrinationskritischer Implikationen. Letzte erinnern das Publikum beständig an das inhärente Grauen des Serien-Szenarios der Haupthandlung. Jene beginnt mit oder genauer: in einer Episode der titelgebenden fiktiven Kinderserie.
Mit Anfangs- und Schluss-Song, Logo und Credits (die man unbedingt aufmerksam lesen sollte), ist die „Buddy“-Sendung eine gruselig getreue Variation der (un)populären Show mit dem lila Dinosaurier. In einem grellbunten Gartenhaus voller anthropomorpher Möbelstücke leben die Kinder Wade (Caleb Williams), Freddy (Delaney Quinn, If I Had Legs I’d Kick You), Oliver (Tristan Borders) und Josh (Luke Speakman) mit dem orangenen Einhorn Buddy (Michael Shannon, Nuremberg), den sie bei moralistisch aufbereiteten Banalitäten rufen und zum Episoden-Ende rituell liebevoll umarmen. Dieses imaginäre Ideal aller FSK-Fans offenbart seine blutigen Abgründe, als Josh lesen will statt singen und tanzen.
Nachdem Freddy Joshs blutbeschmiertes Buch im menschengesichtigen Mülleimer findet und Buddy bei scheinheiligen Ausreden ertappt, überzeugt sie Wade, Oliver und Hannah (Madison Skyy Polan, Ich - Einfach unverbesserlich 4), die Josh prompt ersetzt, dass ihr „Freund aus einem magischen Land“ ein gefährlicher Killer ist. Der Splatter-Tod von Mr. Mailman, Krankenschwester Nancy und einiger sprechender Gegenstände beseitigt jegliche Zweifel. Doch aus dem grausamen Gute-Laune-Land entkommen sie nicht so einfach. Dass sich der bitterböse Charme der sardonischen Serienwelt nicht abnutzt, garantieren ein in der Realität angesiedelter zweiter Handlungsstrang und ein Schlussakt reif für Twilight Zone.
Deren Einflüsse sind omnipräsent in der monströsen Medien-Satire, deren grauenvolle Glaubwürdigkeit beängstigender ist als Buddys makaberes Morden und Malträtieren. Der wahre Horror ist die konformistische Bigotterie Buddys realer Vorbilder. Jene sind ästhetisch und ethisch gleichermaßen verstörend in ihrer Abwertung normaler menschlicher Gefühle wie Trauer, Angst und Zorn, ihrer Autoritätshörigkeit, spießbürgerlichen Stupidität, Konfliktvermeidung und systematischen Ignoranz realer Lebensaspekt wie Armut, Krankheit und Tod. Buddys physische Gewalt ist nur die konsequente Fortführung der soziopathischen Schönfärberei und aggressiven Assimilation eines totalitären Idylls obligatorischer Liebe und invasiven Individualitätsverbots.
Fazit
Von lehrreichen Kurzfilmen über zermürbende Wiederholungen bis hin zum beiläufigen Austausch von Standardcharaktere rekonstruiert Caspar Kelly ein beängstigend akkurates Pendant der als Vorlage seines blutrünstigen Buddy-Movies dienenden 90er-Jahre-Kinderserien. Deren gezielte Indoktrination und Verdummung der kindlichen Zielgruppe hinter der pädagogischen Maske wird Gegenstand einer famos maliziösen Medienkritik. Jene demaskiert Buchstäblich und metaphorisch die perfide Manipulation hinter pathologischem Positivismus. Ein exzellenter Cast und Voice-Cameos, kongeniale Settings und ein subversiver Subtext machen den Harmonie-Horror, der in Sundance Midnight Movie Sektion Premiere feiert, zu einem ebenso cleveren wie komischen Genre-Glanzstück.
Autor: Lida Bach