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Inhalt

Die Engel Damiel und Cassiel wandern durch das geteilte Berlin, beobachten die Menschen und lauschen ihren Gedanken. Als Damiel sich in die Trapezkünstlerin Marion verliebt, erwächst in ihm das Verlangen, selbst Mensch zu werden. Er gibt seine Unsterblichkeit auf, um das zu erleben, was Engeln vorenthalten bleibt: die irdische Existenz und die sinnliche Erfahrung des Menschseins.
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Kritik

Wenn man in die Philosophie einsteigen möchte und sich einen groben Überblick verschaffen möchte, kann man sich an den vier kantischen Fragen orientieren, die da lauten: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?  Das sind vier Fragen, die uns nicht nur im Alltag ständig begleiten, das sind vor allem Fragen, denen man sich nicht entziehen kann, denen man sich stellt, sobald man denkt. In Der Himmel über Berlin sind es Fragen, die ganz explizit thematisiert werden, die jedoch durch die äußere Beobachtung der Engel auf eine der vier Fragen zentriert sind. Es läuft alles auf die Frage "Was ist der Mensch?" hinaus. 

Was ist der Mensch? - eine Frage, die die Anthropologie antreibt, der eine gesamte Wissenschaft gewidmet ist, eine Frage ohne Antwort. Das Dasein des Menschen scheint durch das Bewusstsein über die eigentliche Vergänglichkeit geprägt zu sein, durch das Verständnis von dem schnell tickenden Zeiger an der Uhr und dem schnell verrindenen Sand in der Sanduhr. Mensch sein bedeutet nicht Überlegenheit und Stärke im eigentlichen Sinne, sondern aus der Verletzlichkeit resultierende Stärke. Durch das Bewusstsein von Vergänglichkeit erhebt sich ein Potential des bewussten Lebens, des Nutzens der Vergänglichkeit. So besteht Musik nur aus dem Verschwinden des Tons, das heiße Brennen eines Kusses lässt sich nur durch das Ende desgleichen erleben. Unsere Wertschätzung und die Besonderheit des Moments resultieren aus der temporalen Beschränkheit. 

Wim Wenders (Pina) hat das wunderbar begriffen, hat die Stärke in der Schwäche entdeckt und lässt die beiden Engel Damiel (Bruno Ganz, The Party) und Cassiel (Otto Sander, Krabat) die Beschaffenheit der Menschlichkeit untersuchen. Sie können die Gedanken der Anwohner Berlins hören, verstehen und einordnen. An ihren stillen und suchenden Blicken erkennen wir genau, dass sie versuchen zu verstehen, was den Menschen auszeichnet. Sie erfahren etwas von vergangenen Tagen, von Momentaufnahmen, Hoffnungen und Träumen. Interessant wie richtig ist es, dass Wenders den Menschen in seiner Einsamkeit in der Gesellschaft begreift. Eine Stadt - gerade eine von Vielfalt geprägte wie Berlin - ist ein Mikrokosmos der gesamten Menschheit und beschreibt dadurch auch das Prinzip der Menschheit, das zeitlich befristeten Dasein des Menschen. Wir sehen das Individuum zwischen den Menschen, hören seine Gedanken und verstehen deren Ungehörtheit, verstehen die Sehnsucht nach Mitteilung dahinter und dem Wissen des Nicht-Erfüllens dieser Sehnsucht. 

Was kann ich hoffen? - eine Frage nach dem Sinn des Lebens. Wenn wir das Leben des Menschen als zeitlich befristet  und den Menschen als ein Wesen, das über diesen Zustand unterrichtet ist, verstehen, stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit. Warum sollte ein Mensch durch die Gassen Berlins, durch die engen Passagen der Welt irren, nur um Ende nicht mehr zu sein? Albert Camus würde dem entgegenbringen, dass es so etwas wie einen Sinn gar nicht gibt: Die Intensität des Lebens ist es, was zählt, das Leben in dem Moment, das frei von der Angst vor dem Tod gelebt wird. Die Sinnhaftigkeit des Lebens - oder des Menschen - ergibt sich im Lebe an sich oder im Dasein als Mensch. Ausschließlich das Mensch-Sein ermöglicht die mit dem Mensch-Sein verbundenen Annehmlichkeiten, die Konsequenzen scheinen sinnvoll. 

Das Fürchten wird nicht nur von Camus in diesem Zusammenhang abgelehnt: Der Himmel über Berlin verrät uns schon durch seinen Titel seine Absichten: Wir assoziieren mit dem Himmel über Berlin den Moment, in dem wir zum Himmel hinaufschauen, in dem wir die Sterne, den Mond oder die strahlende Sonne wahrnehmen. Gleichzeitig weilt der Himmel dort auch ohne unsere Aufmerksmkeit, er bleibt dort auf ewig, auch wenn wir schon längst vergangen sind. Dennoch bekommt er seine Bedeutung erst durch unsere Aufmerksamkeit, durch die Bedeutung, die wir dem geben. Der Film erkennt ebenso wie Camus die Sicherheit der Sinnlosigkeit und sowieso: Epikur lehrt uns, dass wir den Tod nicht fürchten müssen, da er nicht zum Leben gehört, weil er während unserer Existenz nicht existent ist. 

Was soll ich tun? - eine Frage der Verwirrtheit, des unsicheren Tastens. Sicherlich handelt es sich um eine im Film weniger explizit behandelte Frage, aber um eine die ebenso wie "Was kann ich wissen?" subtil mitschwingt. Immer wieder geht es um das Erfahren in der Vergangenheit, um das Beobachten, um das Verstehen. Die Engel versuchen den Menschen zu verstehen, die Menschen versuchen ihr Leben zu verstehen, versuchen den "richtigen Weg" zu finden. Doch was heißt das schon? Eine Stadt wie Berlin hat schließlich viele Kreuzungen und Straßen, an denen man abbiegen kann. Mensch-Sein bedeutet auch immer scheitern, bedeutet auch immer Nicht-Verstehen und das daraus resultierende Sich-Wundern, das bei Platon  schon Ausgangspunkt für jedes Erforschen war. 

Wir sehen, dass sich die Fragen nach dem Sinn, nach dem Handeln und nach dem Wissen auf die Frage nach dem Menschen beziehen lassen. Der Himmel über Berlin zeigt das wie kein anderer Film auf poetische, melancholische und verständnisvolle Art und Weise. Der Mensch ist eine zerbrechliche, angekratzte Vase im Porträt dieses herrlichen Filmes, dieses Lobgesangs auf die Menschlichkeit, dieses philosophischen und ästhetischen Meisterwerkes: Wir sehen schwarz-weiß und nur in den seltensten Fällen der Erleuchtung flackert kurz das Farbenspiel auf, wir sehnen uns nach dem Unerfüllten und wissen dabei, dass unsere Sehnsüchte nicht erfüllt werden können, wir sehnen uns nach Unsterblichkeit, wobei die Sterblichkeit die Voraussetzung für den Moment, die Leidenschaft, die Kunst, für das Schöne ist. Wir sind so weit weg von der Perfektion und genau dadurch so perfekt. 


Fazit

Wim Wenders ist ein Meisterwerk geglückt: Vor dem schrecklich-gemeinschaftlichen und wunderschön-einsamen Berlin untersucht er die Essenz der Menschlichkeit und hat sie genau in dem Wissen, sie nicht finden zu können, sondern nur ein Abbild ihrer Wahrheit zu schaffen, gefunden. 

Autor: Maximilian Knade

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