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Ellen ist 20 und magersüchtig. In einer Wohngruppe beginnt sie unter der Leitung eines unkonventionellen Arztes einen qualvollen, aber amüsanten Prozess der Selbstfindung.

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Kritik

Noch bevor sich Netflix von der einen Kontroverse lösen konnte, drohte dem Streaming-Dienst im Vorfeld der Veröffentlichung einer weiteren Produktion bereits die nächste. Die erste Staffel der Serie Tote Mädchen lügen nicht, in der die Motive des Suizids einer Teenagerin durch, von dem Mädchen selbst erstellte, Tonbänder nach und nach enthüllt werden, geriet für Netflix zunächst zum Überraschungserfolg. Neben zahlreichen positiven Kritiken und einer massiven Zuschauerschaft erntete die Serie allerdings auch stürmischen Protest, indem verschiedene Ärzte, Psychologen und Fachleute ihre Bedenken äußerten, die Serie könne zu Nachahmern führen und psychisch vorbelastete Zuschauer noch stärker schädigen. Schließlich folgten sogar Meldungen von Vorfällen, bei denen sich Jugendliche aufgrund der Serie selbst verletzt haben sollen. 

Eine ähnliche Welle der Entrüstung gab es kürzlich ebenfalls bezüglich des von Netflix vertriebenen und nun veröffentlichten Magersucht-Dramas To the Bone, dem vorgeworfen wird, es verharmlose oder verherrliche diese schwere Form der Essstörung. Wie schon einige Episoden von Tote Mädchen lügen nicht wird auch To the Bone von einer Warnmeldung eröffnet, die darauf hinweist, dass an dem Film Menschen mitgewirkt haben, die selbst von der Krankheit betroffen waren und dass die explizite Darstellung einiger Szenen eine unangenehme Wirkung auf manche Zuschauer ausüben könnte. 

Tatsächlich handelt es sich bei diesen mitwirkenden Menschen um Regisseurin Marti Noxon (Buffy the Vampire Slayer) und Hauptdarstellerin Lily Collins (Stuck in Love), die beide selbst schon unter Magersucht litten und daher ihre ganz eigene Perspektive auf das Projekt mitbringen. Noxon, die das Drehbuch für den Film ebenfalls selbst schrieb, erzählt die Geschichte der 20-jährigen Ellen, die sich bereits zu Beginn des Films in einem äußerst kritischen Stadium der Krankheit befindet. Ihr abgemagerter Körper, der aus kaum mehr als Haut und Knochen besteht, und das ausgemergelte Gesicht, über das sich tiefe Schatten unterhalb der Augen ziehen, zeugen von einer jungen Frau, die längst nicht mehr am Leben teilnehmen will. 

Die Regisseurin setzt mit ihrer Darstellung der Magersüchtigen von Beginn an auf eindringliche Bilder, für die sie Hintergründe der Erkrankung vielfältig andeutet, aber nie konkret bestimmt. Ellen kann die Kalorienzahl jeder einzelnen Mahlzeit genau aufsagen, doch eine panische Angst in ihr hindert sie daran, auch nur eines der Gerichte in sich aufzunehmen. Während der Vater ununterbrochen geschäftlich auf Reisen ist und die Mutter nach ihrem Outing mit einer neuen Partnerin lieber für sich sein will, ist es Schwiegermutter Susan, die Ellen nach mehrfachen abgebrochenen Klinikaufenthalten eine weitere, hoffentlich lebensrettende Maßnahme beschafft. 

Unter der Leitung von Dr. William Beckham, dessen Behandlungsmethoden als eher unkonventionell gelten, begibt sich Ellen zunächst widerwillig in ein Wohnheim mitsamt Selbsthilfegruppe, das als eine Art letzter Rettungsanker fungieren soll. Ellens Ankunft in dem Wohnheim führt allerdings dazu, dass To the Bone als Film plötzlich zu kippen beginnt. Was zuvor recht ernsthaft begonnen und nur durch einige schwarzhumorige Kommentare seitens der Hauptfigur minimal aufgelockert wurde, wandelt sich zu einem ebenso manipulativen wie klischeehaft gestrickten Rührstück. 

Da sich Regisseurin und Hauptdarstellerin eigentlich so nahe an der Thematik befinden wie nur möglich, verwundert es umso mehr, dass Noxon beispielsweise nebenbei eine vorhersehbare, simpel gestrickte Liebesgeschichte inszeniert, die für den Verlauf von Ellens Schicksal emotional ebenso effektiv ist wie sie grob an der glaubwürdigen Realität vorbeischrammt. Neben gelungenen Momenten wie die Familientherapiesitzung, bei der die Regisseurin womöglich eigene Erfahrungen verarbeitet und sich auf gleichermaßen bewegende wie urkomische Weise den Spannungen innerhalb Ellens ohnehin zerrütteter Familie annähert, wirkt To the Bone als Gesamtwerk viel zu sehr auf naive Publikumsverträglichkeit getrimmt. 

Zwischen gefühlvollen Songs, die möglichst effektiv platziert werden, unpassend eingefügten Einschüben von Optimismus, der das schwere Leiden der Figuren ausgleichen soll und einem übereilten Ende, das auf unglaubwürdige Weise geradezu bahnbrechende Entwicklungen erzwingt, lässt sich der Film letztlich kaum noch als ernstzunehmende sowie authentische Auseinandersetzung mit einer oftmals tabuisierten Krankheit auffassen. To the Bone kommt am Ende viel mehr einer gut gemeinten, stellenweise eindringlichen, aber unnötig manipulativen sowie unglaubwürdig beschönigten Fiktion gleich, bei der eine Regisseurin, die selbst mit Magersucht zu kämpfen hatte, ihren eigenen Erfahrungen nicht gerecht werden kann.

Fazit

Die vorab aufgeworfene Kontroverse rund um „To the Bone“ erweist sich nicht als unbegründet, allerdings in die falsche Richtung. Regisseurin Marti Noxon, die selbst unter Magersucht litt, inszeniert mit ihrem Film zunächst eine ebenso drastische wie bissige Auseinandersetzung mit der Krankheit, bevor sie sich schnell in publikumswirksame, emotional manipulative sowie klischeehaft gestrickte Handlungsmuster fallen lässt und eher gut gemeinte, oftmals unglaubwürdige Fiktion anstelle einer aufrüttelnden, erhellenden Studie der Krankheit erzeugt.

Autor: Patrick Reinbott

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