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Inhalt

Als M ihren Ehemann C verliert, kehrt dieser als Geist zu ihr zurück, um sie fortan in ihrem Haus in der Vorstadt zu beobachten. Der Zurückgekehrte muss jedoch bald feststellen, dass er in seinem gespenstischen Stadium die Zeit auf Erden anders erlebt. Langsam entgleitet ihm nicht nur die Frau, die er geliebt hat, sondern auch das Leben, das einst das seine war. Immer losgelöster tritt er eine Reise durch den Kosmos seiner eigenen Geschichte und Erinnerung an und wird dabei mit den kaum zu fassenden Fragen der menschlichen Existenz konfrontiert, während Liebe und Trauer zu einer einzigen surrealen Erfahrung verschmelzen.

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Kritik

Der Tod ist etwas, das sich zu Lebzeiten niemals vollkommen verstehen lässt. Je stärker wir versuchen, uns diesem unausweichlichen Schicksal anzunähern, dem niemand entrinnen kann, desto abstrakter wird die Vorstellung darüber, dass wir selbst und alle Menschen um uns herum sterben müssen. Abgesehen von denen, die den Tod als eine Art finale Erlösung betrachten oder gar willkommen heißen, dürften die meisten von verschiedenen Ängsten geplagt werden, was ihr eigenes Ableben betrifft. Neben der quälenden Tatsache, nicht zu wissen, ob danach noch irgendetwas abseits irdischer Vorstellungen auf einen wartet, dürfte es auch die Sorge um den persönlichen Nachlass sowie die Hinterbliebenen sein, welche die Menschen verfolgt.

In David Lowerys (The Saints - Sie kannten kein Gesetz) viertem Film A Ghost Story vergehen knapp zehn Minuten, bis Casey Afflecks (Manchester by the Sea) Figur durch einen Autounfall stirbt. Es ist einer der wohl leisesten, unspektakulärsten Tode, die man seit einer ganzen Weile im Kino beobachten durfte, denn der Regisseur zeigt weder die Ursache des Unfalls noch den eigentlichen Zusammenprall der beiden Fahrzeuge. Eine ruhige Einstellung des leblosen Körpers, dessen Kopf auf dem Lenkrad des zerbeulten Wracks ruht und dessen Augen mit beängstigender Ruhe geöffnet sind, genügen, um die nüchterne Tragik dieses Szenarios mit geradezu meditativer Zurückhaltung auszudrücken. Diesem meditativen Erzählrhythmus folgt Lowery bereits ab Beginn seines Films, in dem er das Verhältnis zwischen dem von Affleck gespielten Hobbymusiker C und seiner von Rooney Mara (Carol) gespielten Frau M ausbreitet. 

In einer der zärtlich entschleunigten Anfangsszenen ist das Paar zu sehen, wie es im Bett liegt und miteinander kuschelt. Die Kamera von Andrew Droz Palermo (One and Two) verharrt gefühlte Minuten auf den Gesichtern der beiden und erzeugt neben vertrauter Innigkeit ein Gefühl von ausgedehnter Langsamkeit, das sich beim Betrachter erneut einstellt, sobald der Leichnam von C wenig später ins Bild gerückt wird. A Ghost Story beginnt als Geschichte über eine Beziehung, die plötzlich endet und in der der Tod zwei sich Liebende auseinanderreißt, bis Lowery den thematischen Fokus seines Werkes frühzeitig ebenso radikal wie mutig erweitert. Nachdem M alleine ein letztes Mal einen Moment bei ihrem verstorbenen Partner verbringt und den Raum verlässt, erhebt sich Cs Körper unter dem Leichentuch und wandert zurück zum gemeinsamen Haus des Paares. 

Von seiner Umgebung unbemerkt wirkt der Tote unter dem weißen Laken, in dem zwei schwarze Löcher als Augen dienen, wie ein zu groß gewachsenes Kind, das sich zu Halloween als Gespenst verkleidet hat, um anderen Kindern Angst einzujagen. Trotz dieses albernen, kindlichen Erscheinungsbildes gelingt dem Regisseur von nun an ein filmisches Ausnahmewerk, wie man es in solch einer Form wahrscheinlich noch nie gesehen hat. A Ghost Story ist weniger ein Geisterfilm als viel mehr ein geisterhafter Film, der zaghaft von Szene zu Szene gleitet, um über das Verhältnis zwischen Verlust, Trauer, Endgültigkeit und Zeit zu erzählen. Lowery schiebt das Jenseits und das Diesseits so weit ineinander, bis ein völlig neuer Raum entsteht, in dem C als stumme Existenz tatenlos zum Zusehen verdammt ist. 

Durch die Ergründung des Wesens der Zeit an sich, die der Regisseur in schier endlosen Momentaufnahmen zum Stillstand bringt, um sie wenig später in unvermittelten Schnitten ganze Jahrzehnte überspringen zu lassen, kreiert der Regisseur eine bestürzende Meditation über den unvermeidbaren Lauf der Dinge, der sich nur erfahren, aber nie beeinflussen lässt. Um genau dieses Erfahren scheint es Lowery am deutlichsten zu gehen, wobei er mit seinem Ansatz, der (über)natürliche Vorgänge mit menschlichen Empfindungen und körperlichen Reaktionen in Einklang bringen will, beispielsweise mit den sinnlichen Inszenierungsexperimenten von Regisseuren wie Terrence Malick (The Tree of Life) vergleichbar ist. Während Malick seine Bilder jedoch regelmäßig mit sinnsuchendem oder sinnstiftendem Voice-over anreichert, verhält sich Lowery gegensätzlich und zwingt sein Publikum aufgrund der Dialogarmut des Films, einzelne Szenen mit eigenen Interpretationen und Gedanken zu füllen.

Als melancholische, im Format einer verblassenden Diashow angeordnete Kino-Symphonie zwischen Leben und Tod, die sich ihrer Schönheit und Vergänglichkeit gleichermaßen bewusst ist, lässt sich A Ghost Story als Liebeserklärung an all jene  flüchtige Momente auffassen, die zwischen diesen beiden Welten liegen. In denen eine Gabel voll mit Schokoladenkuchen wieder und wieder zum Mund geführt wird, um den Schmerz zu betäuben, in denen ein einzelner Song, den ein Mensch für einen anderen komponiert hat, jede noch so große Trauer für einen kurzen Moment übertönt und in denen ein kleiner Zettel in einer Wand versteckt wird, um mit der darauf hinterlassenen Nachricht Erinnerungen zu schaffen, die jedem Zahn der Zeit trotzen.

Fazit

Wer sich auf den eigenwilligen, gewöhnungsbedürftigen Handlungsrhythmus sowie einen außergewöhnlichen Ansatz des Geschichtenerzählens einlassen kann, wird von Regisseur David Lowery und seinem Werk „A Ghost Story“ von einem ebenso meditativen wie aufwühlenden Filmerlebnis bereichert. Die poetische Gelassenheit der von Szene zu Szene gleitenden Impressionen kreiert nicht nur einen Raum zwischen Jenseits und Diesseits, sondern eine nachdenklich stimmende, bewegende Meditation über das Verhältnis zwischen Verlust, Trauer, Endgültigkeit und Zeit sowie eine Liebeserklärung an all die Momente, die zwischen Leben und Tod liegen und die sich nie verändern lassen, wofür man sie umso mehr erfahren und schätzen sollte.

Autor: Patrick Reinbott

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