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"The Deuce" - Staffel 1 - Kritik

Souli

Von Souli in "The Deuce" - Staffel 1 - Kritik

"The Deuce" - Staffel 1 - Kritik Bildnachweis: © HBO

Kritik

Es ist eine regelrechte Retro-Welle, die den Fernseh- und Filmmarkt zurzeit überschwemmt. Im Kino dürfen wir gerade beispielsweise erleben, wie Es Erfolg um Erfolg einheimst, während Netflix kürzlich erst mit Strange Things eines seiner beliebtesten Formate in die zweite Runde geschickt hat. Vielleicht ist das heutige Publikum mehr denn je in einem Zustand eingetroffen, in dem es darum geht, die bitterkalte Gegenwart hinter sich zu lassen, um sich zurück in eine Zeit zu begeben, die sich mit starken nostalgischen Sehnsüchtigen verknüpft sieht. Also im Prinzip genau das, wofür das Medium des bewegten Bildes seit jeher einsteht: Die Realitätsflucht. The Deuce, die neue Serie von David Simon, dem Macher des revolutionären The Wire, bereitet nun mit dem New York der 1970er Jahre natürlich ebenfalls eine ganz konkrete Sehnsuchtsort auf.

Das ungemein prägnante und ebenso authentisch abgebildete Setting beläuft sich hier auf den Times Square, der legendären 42nd Street, dessen Bildrepertoire in der Vergangenheit wohl kaum ein Regisseur nachhaltiger geprägt hat, wie Martin Scorsese (The Wolf of Wall Street). Erinnern wir uns an Filme wie Hexenkessel, New York, New York und Taxi Driver, dann erinnern wir uns an das Porträt einer Stadt, die in ihrem eigenen Dreck versackt. New York City im Jahre 1971, dem Jahr, in dem die erste Staffel The Deuce angesiedelt ist, war keine schillernde Weltstadt, der man sich als Tourist nur zu gerne hingegeben hat. Die Kriminalitätsraten explodierten, Kinder bekamen auf dem Schulweg von ihren Eltern Geld in die Taschen gesteckt, um bei einem Überfall nicht abgestochen zu werden, und Junkies verendeten ganz öffentlich auf der Straße – nachdem sie sich in ihrer eigenen Kotze stundenlang winden sollten.

Der Output von Martin Scorsese war eines der entscheidenden Vorbilder für The Deuce – jedenfalls für das urbane Stimmungsbild, welches die Serie über acht Folgen in meisterhafter Fasson nachzeichnet. David Simon und George Pelecanos geht es nicht darum, über jenen zeitgeschichtlichen Meilenstein Amerikas moralisch Bilanz zu ziehen, stattdessen versteht sich The Deuce offenkundig als konzentrierte Bestandsaufnahme denn als zensurierende Begutachtungsmaßnahme jener Befindlichkeiten. Die Hauptakteure stellen hierbei die Prostituierte Eileen (Maggie Gyllenhaal, The Dark Knight) sowie die Zwillingsbrüder Frankie und Vincent (die beide von James Franco, Spring Breakers, verkörpert werden) dar. Während Eileen versucht, irgendwie auf den kalten Straßen der Großstadt über die Runden zu kommen, muss sich Vincent auf eine Zusammenarbeit mit der Mafia einlassen, um seinen spielsüchtigen Bruder aus der Misere zu helfen.

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Worüber The Deuce erzählt, lässt sich oberflächlich schnell beschreiben: Zum einen geht es um verschiedene Menschen, die versuchen, sich in einem New York, welches kurz vor der Pleite steht, eine Existenzgrundlage zu schaffen. Zum anderen aber geht es um die Grundzüge der Pornoindustrie, die in ranzigen Hinterzimmern ihren Urknall abgezirkelt werden. Vor allem aber könnte man sagen, dass The Deuce beschreibt, wie die Verfügbarmachung von Sexualität einst begann – und sich damit eben auch der gesellschaftliche Blick auf jene massiv verändert. Nutten jedenfalls besiedeln den Times Square, setzen für den Freier aber immer noch ein gewisses Maß an menschlicher Interaktion voraus. Pornokinos boomen also immer mehr, bis irgendwann auch die Kabinen ins Leben gerufenen werden, in denen man ungestört bei Ansicht eines Erwachsenenfilmes masturbieren konnte. Sex als Handelsgut.

The Deuce veranschaulicht also nicht nur, wie Sexualität systematisch kapitalisiert wurde. Die Serie veranschaulicht auch, wie der Geschlechtsakt zum Warenmuster wurde, dessen Maß an Körperlichkeit am besten bis auf das Minimum reduziert werden sollte. Und selbstverständlich ist The Deuce eine reichhaltige, ungemein hintergründige Meditation über den Wandel der Sexualmoral im Zuge der sexuellen Revolution und eine Dokumentation der Wahrnehmung von Geschlechterrollen. Darüber hinaus allerdings beweist Simon erneut sein ungemeines Gespür für die ausgefeilte Entwicklung von Charakteren. Hier geht es eben nicht um die Nostalgisierung der 1970er Jahre, sondern um die Veränderungen, die diese Zeit von ganz allein mit sich bringt. So hervorragend inszeniert die erste Staffel von The Deuce also auch sein mag (und das ist sie), in seiner Essenz verfolgt die Serie zwei Handvoll Menschen dabei, wie sie versuchen, sich in genau dieser Zeit zu verwirklichen. Wie sie träumen und wie sie scheitern. Wie sie Opfer und Gewinner des System Sex werden.

Kritik

"The Deuce" ist ein hochgradig stimmungsvoller Ausflug zurück in eine Zeit, in der New York noch nicht zum Touristen-Hotspot taugte, sondern als urbaner Moloch im Dreck erstickte. "The Wire"-Macher David Simon zeichnet sich hier erneut für eine brillantes Serienformat verantwortlich und saugt den Zuschauer, ohne nostalgische Sehnsüchte zu forcieren, geradewegs in die 1970er Jahre zurück und erzählt dabei von Sexualmoral, Geschlechterbildern und dem Urknall der Pornografie. Hervorragend gespielt und formidabel inszeniert ist diese erste Staffel ebenfalls. Ja, hier wurde ein Serien-Meisterwerk geboren.

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