MB-Kritik

Silenced 2026

Biography, Documentary

Inhalt

Nachdem die #MeToo-Bewegung das kulturelle Schweigen über geschlechtsspezifische Gewalt gebrochen hatte, kämpft die internationale Menschenrechtsanwältin Jennifer Robinson gegen den Missbrauch von Verleumdungsgesetzen, um Überlebende zum Schweigen zu bringen.

Kritik

An den Schnittstellen von Justiz, Medienmacht und sozialer systematischem Sexismus positioniert ein engagiertes Exposé des systemischen Silencings von Opfern sexualisierter und häuslicher Gewalt. Gleichsam sensibel und sachlich durchleuchtet die australische Filmemacherin, wie Gerichte, Gesellschaft und Social Media insbesondere weibliche Betroffene gezielt daran hindern, über ihre Erfahrungen mit männlicher Gewalt öffentlich zu sprechen. Medienkritik, Aktivistinnen-Porträt und strukturelle Bestandsaufnahme enthüllen ein ernüchterndes Bild der Post-#MeToo Welt. In der müssen nicht Täter, sondern Gewaltopfer eine Verurteilung fürchten: öffentlich, medial und gerichtlich. 

Die Kamera folgt der Menschenrechtsanwältin Jennifer Robinson, die in einer Reihe prominenter Fälle die Betroffenen vertrat. Ihre Erfahrungen und Expertise dienen als Leitfaden der expositorischen Inszenierung, die sogenannte SLAPP-Klagen, anonyme und offene Einschüchterungen sowie mediale Hetze als strategische Instrumente gegen öffentliche Aussagen identifiziert. Die sexuellen Übergriffe und Gewalt, die Betroffene in einem oft trügerisch sicheren Rahmen wie dem eigenen Heim, überwachten Ort oder staatlichen Institutionen erfahren, setzt sich auf juristischer, professioneller und sozialer Ebene fort. Prominente Fälle wie der Amber Heards (Aquaman: Lost Kingdom) zeigen, dass auch Geld und Ruhm davor nicht schützen.

Robinson, die Heard vor Gericht in Großbritannien vertrat, als ihr Ex-Ehemann Johnny Depp (Ebenezer: A Christmas Carol) das Boulevardblatt The Sun für wegen Verleumdung verklagte, stellt das Urteil in Heards Sinne dem US-amerikanischen Gerichtsbeschluss im Sinne Depps gegenüber. Mögliche Faktoren der unterschiedlichen Urteile werden indes nicht analysiert. Ebenso übergangen werden die Einflüsse einer fanatischen Fan-Kultur und patriarchalischer Wertkonzepte, die häusliche Gewalt als lässliche Privatangelegenheit bagatellisieren. Der Fokus auf Robinson als feministische Fürkämpferin überdeckt, dass der Konflikt nicht konstant entlang Gender-Linien verläuft. Eine klare Message scheint dem filmischen Plädoyer wichtiger als Methodik. 

Fazit

„Es ist ein ständiger Kampf.“, sagt Selina Miles im Interview über ihre entschlossene Doku, die im internationalen Dokumentarfilm-Wettbewerb von Sundance ihre Premiere feiert. Unebene Dramaturgie verwässert jedoch die bittere Erkenntnis, dass der Backlash gegen die #MeToo-Bewegung deren scheinbare Errungenschaften umkehrt. Der sich an Jennifer Robinsons 2023er Sachbuch „Silenced Women“ orientierende Aufbau verliert sich wiederholt in emotionalen Momenten und schwankt unentschlossen zwischen Pragmatismus und Optimismus. Nur bedingt erschließen Archivmaterial und Interviews die gezeigten Gerichtsprozesse als Symptome einer beunruhigenden Entwicklung deligitimierter Fakten, die über die dringliche Thematik hinausreicht. 

Autor: Lida Bach
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