Inhalt
In PRIMATE entwickelt sich der tropische Urlaub einer Freundesgruppe in eine erschütternde Horrorgeschichte und wird zu einem puren Überlebenskampf.
Kritik
Von 1995 bis 2012 produzierte das ZDF die Familienserie Unser Charly, in der ein titelgebender Schimpanse für verlässliche, harmlose Vorabendunterhaltung sorgte. Was vor der Kamera nach liebenswerter Tierkomik aussah, war hinter den Kulissen wahrscheinlich deutlich komplizierter. Schimpansen eignen sich nur bis zu einem Alter von etwa fünf Jahren für Dreharbeiten. Danach setzt die Pubertät ein – und aus scheinbar sanften Tieren werden körperlich überlegene, hochintelligente und mitunter unberechenbare Wesen. Ein ausgewachsener Schimpanse ist stark genug, einem Menschen ohne Mühe sämtliche Knochen zu brechen. Wer genau diese bedrohliche Seite sehen möchte, wird beim ZDF nicht fündig. Stattdessen liefert Primate, der neue Film des britischen Horrorregisseurs Johannes Roberts, genau das, was Unser Charly konsequent ausgeblendet hat.
Kompakter und klar definierter Horror
Roberts ist kein Unbekannter im Tierhorror. Mit 47 Meters Down bewies er bereits ein sicheres Gespür für klaustrophobische Spannung, klare Regeln und eine gnadenlose Eskalation. Auf den ersten Blick mögen Hai und Schimpanse wenig gemeinsam haben, doch die strukturellen Parallelen sind offensichtlich: Junge Menschen geraten in eine ausweglose Situation, die Natur wird zur direkten Bedrohung, und der Handlungsspielraum ist extrem begrenzt. Auch Primate denkt nicht großräumig, sondern fokussiert sich auf einen einzelnen Ort – ein modernes Haus an den Klippen der hawaiianischen Küste. Ein Ort, der zunächst Sicherheit verspricht und sich rasch in eine Falle verwandelt.
Bis auf wenige kurze Ausnahmen spielt der Film vollständig innerhalb dieses Hauses. Als bei Schimpanse Ben im Verlauf der Handlung die Tollwut ausbricht, kippt die Situation schlagartig. Für die Menschen gibt es kaum Optionen: Vor ihnen ein aggressiver, nicht zimperlich agierender Affe, hinter ihnen ein Pool, der direkt an eine steile Klippe grenzt. Der einzige Vorteil: Ben fürchtet Wasser. Das nasse Element wird zum letzten Schutzschild gegen einen Gegner, der körperlich haushoch überlegen ist. Diese Ausgangslage wird schnell, klar und ohne Umwege etabliert – ein Muster, das sich durch den gesamten Film zieht.
Primate ist erstaunlich zügig und angenehm kompakt. Roberts verzichtet bewusst auf psychologischen Ballast, komplexe Beziehungsgeflechte oder Expositionsgewitter. Hier geht es nicht um Symbolik oder Deutungsebenen, sondern um unmittelbaren Nervenkitzel. Der Film weiß genau, was er leisten will, und verliert sich nicht in Nebensächlichkeiten. Diese Konsequenz wirkt fast erfrischend in einem Genre, das sich zuletzt gern selbst überhöht hat. Stattdessen gibt es schnörkellosen Horror, der auf Timing, Raumgefühl und physische Bedrohung setzt.
Gib' dem Affen Zucker Blut
Auch handwerklich überzeugt Primate. Trotz einer FSK-16-Freigabe bietet der Film mehrere harte, unangenehme Momente, die Gore-Fans zufriedenstellen dürften. Wer genauer hinsieht, entdeckt zudem gezielte Verweise auf Genreklassiker, ohne dass diese Anspielungen aufdringlich oder selbstzweckhaft wirken. Besonders gelungen ist die Entscheidung, Ben nicht als CGI-Monster zu inszenieren. Stattdessen kommt eine haptische Verkleidung zum Einsatz, die den Angriffen und Drohgebärden echtes Gewicht verleiht. Ja, stellenweise wirkt das Design maskenhaft – doch genau das sorgt für eine greifbare Körperlichkeit, die digitalen Effekten oft fehlt. Der Schrecken entsteht hier nicht aus Perfektion, sondern aus Präsenz.
Mit Oscar-Preisträger Troy Kotsur (CODA) als Adam steht zudem ein bekanntes Gesicht im Zentrum der Handlung. Der gehörlose Darsteller erhält einige der inszenatorisch interessantesten Szenen, wenn Roberts kurz in seine Wahrnehmungswelt eintaucht und Ton sowie Rhythmus spürbar verändert. Diese Momente bleiben zwar vergleichsweise kurz und werden nicht vollständig ausgereizt, fügen sich jedoch stimmig in das drängende Gesamtgefühl des Films ein. Primate lässt kaum Luft zum Durchatmen und nutzt jede Minute, um den Druck zu erhöhen. Auch wenn nicht alle Optionen wirklich ausgereizt werden.
So ist Primate ein Film, der keine falschen Versprechen macht. Er will unterhalten, schocken und sein horroraffines Publikum bei Laune halten – und genau das gelingt ihm. Bodenständig, effizient und mit spürbarer Liebe zum Genre liefert Roberts einen Tierhorror, der seine Grenzen kennt und gerade dadurch überzeugt.
Fazit
Konsequent auf Spannung fokussiert, liefert „Primate“ schnörkellosen Tierhorror ohne intellektuellen Ballast. Die klare Dramaturgie, handgemachte Effekte samt physischer Affenmaske und das hohe Tempo sorgen für wirkungsvollen Nervenkitzel, der genau weiß, was er erreichen will – und dabei erstaunlich treffsicher bleibt. Selbst wenn das Adrenalin mitunter so schnell verpufft, wie es aufgebaut wird. Ein sympathischer Horrorfilm mit Herz und verstümmelten Visagen.
Autor: Sebastian Groß