Inhalt
Früh am Morgen gehen die achtjährige Josephine und ihr Vater Damien zum Fußballspielen in den Park und bekommen mit, wie eine Joggerin von einem Fremden vergewaltigt wird. Damien verfolgt den Täter. Als Josephine später fragt, was der Mann mit der Frau gemacht habe, weicht der Vater aus.
Kritik
Nachdem ihr aufwühlendes Spielfilm-Debüt Soft & Quiet das komplexe sozialdynamische Vorspiel eines schrecklichen Verbrechens sezierte, entfaltet sich Beth de Araújos schmerzliches zweites Werk wie ein psychologisches Pendant. Durch die Augen der 8-jährigen Titelfigur (eine beeindruckende Mason Reeves) beobachtet die Regisseurin und Drehbuchautorin eine sexualisierte Gewalttat und deren fundamentale Auswirkungen auf die kindliche Zeugin. Als solche soll Josephine vor Gericht gegen den Täter aussagen. Die misogynen Taktiken eines Systems, das Opfern die Schuld zuweist, verstärken die seismische Wirkung des Traumas, das ihr Konzept von Sicherheit zerstört.
Im dramaturgischen Fokus liegt weniger die Tat selbst als deren einschneidende Auswirkungen auf Josephine. Sie kann nur unvollständig nachvollziehen, was nur wenige Meter von ihr entfernt geschieht, als ein Mann eine Joggerin überfällt und vergewaltigt. Josephines Vater (Channing Tatum, Avengers: Doomsday), der seine Tochter zu spät einholt, um sie oder die Frau zu beschützen, ringt selbst mit Ohnmachts- und Schuldgefühlen. Das Erlebnis hat tiefgreifenden Einfluss auf Josephines Wahrnehmung eines sozialen Umfelds, das plötzlich nicht mehr aus Gleichberechtigten besteht, sondern aus potenziellen Tätern und Opfern.
Die Unmöglichkeit, Kinder vor einer grausamen Realität abzuschirmen, die verschlungen Auswirkungen von Trauma auf die kindliche Psyche, und die elterliche Orientierung in einem System, dessen Erwachsenenstrukturen die kindliche Wahrnehmung überfordern, bestimmen die subjektive Studie. Greta Zozulas intuitive Kameraarbeit verlässt sich ganz auf Josephines Perspektive auf ihr erschüttertes Umfeld, dessen Anforderungen sie auf eigene Weise kompensiert. Fragile Geborgenheit und diffuse Gefahr überlagern einander in der atmosphärisch dichten Inszenierung. Darin prallen verstörende Brutalität und naive Verspieltheit so unvermittelt aufeinander wie in der Welt der betroffenen Hauptfigur.
Fazit
Basierend auf einem prägenden Erlebnis in ihrer eigenen Kindheit untersucht Beth de Araújo in formal und narrativ gleichsam beeindruckender Weise die psychische Reaktion eines kleinen Mädchens auf sexuelle Gewalt. Innere und äußere Konstrukte verschmelzen in einem sensiblen Szenario, das Musik und inszenatorische Stilmittel sparsam und dafür umso wirkungsvoller einsetzt. Die emotionale Verfassung der Figuren vermittelt sich in unauffälligen Gesten und der stillen Unruhe der Ratlosigkeit angesichts schwer zu ertragender Wahrheiten. Eine schonungslose Auseinandersetzung mit einer im Kino und gesellschaftlichen Diskurs gleichermaßen ausgeblendeten Problematik von trauriger Aktualität.
Autor: Lida Bach