Inhalt
Der traditionelle Wanderweg eines Eisbären führt ihn in besiedelte Gebiete, was zu Konflikten zwischen menschlichen Interessen und der wilden Natur führt, da das Tier in einer sich verändernden Welt ums Überleben kämpft.
Kritik
Der Titel Gabriela Osio Vandens und Jack Weismans differenzierter Observation des verschobenen Verhältnisses von Mensch und Tier weckt zumindest beim deutschen Publikum unwillkürlich Erinnerungen an JJ1. Der von den Medien pragmatisch “Bruno” getaufte Braunbär tapste im Mai 2006 aus Italien nach Deutschland. Ein verhängnisvoller Ausflug. Bruno aka JJ1 wurde im Juni gleichen Jahres von Jägern und Polizei erlegt. Was blieb, waren entrüstete Tierschützer*innen, öffentliches Betrauern des arglosen Tieres und ein kurioser Begriff: “Problembär”. Tiere dieser Kategorie sind nicht seltenes Phänomen, sondern Alltagserscheinung im subarktischen Schauplatz der faszinierenden Natur-Doku.
Das Örtchen Churchill im kanadischen Manitoba nennt sich nicht ohne Stolz „Polar Bear Capital of the World“. Eine Bezeichnung mit kurios ironischer Konnotation angesichts der wachsenden Frage, wer hier Vorrecht hat: Mensch oder Eisbär? Seit über 4000 Jahren leben die Inuit in Einklang mit den majestätischen Raubtieren, die für sie zugleich Beute und respektierte Jäger sind. Die differenzierte Wahrnehmung der Tiere, die zunehmend ihre Scheu vor den Menschen verlieren und auf der Suche nach Futter immer weiter in menschliche Siedlungen vordringen, steht im Kontrast zur unilateralen Sicht der kanadischen Kolonisten.
Für sie sind die Tiere gefährliche Eindringlinge oder Tourismusmagneten. In der verschneiten Landschaft stauen sich busartige Mobile, aus denen westliche Touristen die Bären bestaunen. Solche bizarren Begegnungen sind nur eines der surrealen Szenarien, die den radikalen Umbruch in einer trügerisch unberührten Welt eindringlich illustrieren. Tradierte Lebensweisen, konservatorische Ideale und ökonomische Interessen kollidieren in einem Naturkosmos, dessen dramatischer ökologischer Wandel die Tiere buchstäblich in die Enge treibt. Als animalisches Ärgernis existieren die mit Fotokameras, Fallen und Gewehren verfolgten Titelwesen im Fadenkreuz eines Konflikts, den sie nur verlieren können.
Fazit
Ein Eisbär schwebt durch die Lüfte, getragen von einem per Helikopter gehobenen Netz. Solche seltsam unwirklichen Bilder verdeutlichen die massiven Eingriffe des Menschen in das fragile Gleichgewicht der Natur. Deren Resilienz und Verwundbarkeit zeigen Gabriela Oslo Vanden und Jack Weisman in atemberaubenden Aufnahmen, deren sozialkulturelle Symbolkraft weitreichende Fragen aufwerfen. Der Hintergrundkommentar des Inukitut-Gemeindeoberhaupts Mike Tunalaaq Gibbons erweitert den Fokus ihres gleichnamigen stummen Kurzfilms um eine unterrepräsentierte spirituelle und kulturgeschichtliche Perspektive. Sozialökologisches Essay und Naturstudie verschmelzen zu einer entwicklungskritischen Reflexion voll visueller Intensität, feinem Humor und emotionaler Empathie.
Autor: Lida Bach