MB-Kritik

Humboldt USA 2026

Inhalt

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts trug Alexander von Humboldt eine radikale Idee vor, die im Zusammenhang mit der Klimakrise wieder an Aktualität gewinnt: die Natur als ein „Netzwerk miteinander verbundener Leben“ zu betrachten.

Kritik

Über ein Dutzend Städte und freistehende Gemeinden in den USA tragen den Namen, den zum Titel seines dokumentarischen Langfilm-Debüts macht, laut der dem preußischen Naturforscher gewidmeten Stiftung. Dazu kommt eine ungenannte Zahl Flüsse, Buchten, nicht freistehende Gemeinden, Straßen und dergleichen. Das ist verdammt viel Humboldt; mehr als Platz findet in der episodischen Exkursion des österreichischen Regisseurs. Über drei Besuche in ausgewählten Städten mit dem Nachnamen Alexander vons befasst er sich mit der US-amerikanischen Faszination mit Humboldts Person. 

Einiges davon ist augenscheinlich auf abgefärbt auf die akademistische Hommage an Humboldt, dessen Werk und Erbe der mäandernde Travelogue ähnlich selektiv betrachtet wie die nach ihm benannten Stätten. Was in die Humboldt-Hagiographie vom brillanten Entdecker, der seiner Zeit angeblich geistig so weit voraus war wie den damaligen Durchschnittsbürger*innen an Reiseerfahrung, wird abgehakt. Der Rest ist bestenfalls Randnotiz. Entsprechend angestaubt bleibt das biographische Bild, das ohnehin mehr als assoziative Autorität dient. Frei nach dem Motto: Was hätte Humboldt wohl dazu gesagt? 

In Humboldt, Nevada, werden Dickhornschafe in den Bergen eingefangen und mit dem Helikopter in Reservate transportiert. Dort werden die begehrten Trophäen-Tiere mittels Tracker per Satellit überwacht. Ein gewaltsamer menschlicher Eingriff in die Natur soll einen die Folgen gewaltsamen menschlichen Eingreifens zumindest äußerlich korrigieren. In Humboldt, New York, zerstört eine Verbindungsstraße, die eine Betonschneise durch eine grüne Nachbarschaft schlägt, eine Gemeinde. Die Kritik an derlei konterkarierenden Konstellationen bleibt inszenatorisch und inhaltlich gleichermaßen oberflächlich. Plakative Phrasen ersetzen hintergründige Auseinandersetzung mit den Motiven des referenziellen Reiseberichts. 

Fazit

Die weltanschaulichen Widersprüche eines eurozentrischen intellektualistischen Bildungsbürgertums, die sich in Humboldts Werken findet, manifestieren sich auch in G. Anthony Svateks dokumentarischen Debüt-Feature. Nicht nur in den visuellen Vignetten, die zwischen ökologischen und ökologischen Aspekten driften, sondern der didaktischen Dramaturgie. Jene moniert die kommerzielle Ikonisierung einer Fauna, die in freier Wildbahn missachtet wird, setzt aber ihrerseits die Figur Alexander von Humboldts als universellen Nenner ein, ohne sein Wirken und Nachwirken kritisch zu reflektieren. Einige prägnante Bilder und thematisches Potenzial verliert der unausgegorene Fokus. 

Autor: Lida Bach
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