Inhalt
WAS HABEN WIR GELACHT erzählt die Geschichte des Unterhaltungsfernsehens der 90er Jahre erstmals aus Frauenperspektive. Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Bettina Böttinger, Gaby Köster und Esther Schweins blicken zurück auf ihr Werk und eine Zeit, in der Frauen im Fernsehen vor allem Beiwerk waren, als Pointen dienten und weiblicher Humor als Quotenkiller galt. Eine ganze Generation wurde so vor allem durch männliche Unterhalter sozialisiert – durch „Wetten, dass…?”, die „Harald Schmidt Show” und später “TV total”. Wie hat uns diese Zeit geprägt? Und was hat Witzigsein mit Macht und Gleichberechtigung zu tun? Dieser Film ist eine Zeitreise zurück zu den Lachern der 90er. ‘Was haben wir gelacht’ – oder vielleicht auch nicht?
Kritik
Was haben wir gelacht beginnt als nostalgische Reise in die Fernsehlandschaft der 1990er-Jahre und entwickelt sich schnell zu etwas deutlich Interessanterem. Die Dokumentation von Eva Müller (Shiny_Flakes: The Teenage Drug Lord) und Isabelle Schneider blickt auf eine Zeit zurück, in der das deutsche Unterhaltungsfernsehen von Männern dominiert wurde – vor und hinter der Kamera. Im Mittelpunkt stehen dabei Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Bettina Böttinger, Gaby Köster und Esther Schweins. Frauen, die das Publikum über Jahrzehnte zum Lachen brachten und dabei oft gegen Widerstände ankämpfen mussten, die heute kaum noch vorstellbar erscheinen.
Der Film verfolgt dabei einen klugen Ansatz. Statt die Geschichte des Fernsehens chronologisch nachzuerzählen, lässt er jene Frauen sprechen, die diese Ära selbst erlebt und mitgestaltet haben. Ihre Erinnerungen verbinden sich mit zahlreichen Archivaufnahmen zu einem Bild jener Zeit, das gleichzeitig vertraut und erschreckend fremd wirkt. Wer in den 90ern aufgewachsen ist, wird viele der gezeigten Ausschnitte wiedererkennen. Doch während damals vieles als harmlose Unterhaltung galt, wirkt manches heute bemerkenswert befremdlich.
Frauen und Humor im deutschen Unterhaltungsfernsehen
Genau darin liegt eine der größten Stärken von Was haben wir gelacht. Die Dokumentation verzichtet weitgehend darauf, ihrem Publikum fertige Urteile vorzusetzen. Stattdessen konfrontiert sie uns mit Bildern, die wir vielleicht längst vergessen hatten. Plötzlich fällt auf, wie selbstverständlich Frauen in großen Unterhaltungsshows auf ihr Äußeres reduziert wurden. Wie oft sie als schmückendes Beiwerk dienten. Wie selten ihnen dieselbe kreative Autorität zugestanden wurde wie ihren männlichen Kollegen.
Besonders spannend ist dabei, dass der Film nicht in einfache Schwarz-Weiß-Muster verfällt. Die porträtierten Frauen werden nicht zu makellosen Heldinnen erklärt. Auch ihre eigenen Karrieren werden kritisch betrachtet. Manche Sketche oder Rollenbilder erscheinen aus heutiger Sicht problematisch. Die Dokumentation verschweigt das nicht, sondern macht deutlich, wie sehr alle Beteiligten Teil eines Systems waren, dessen Regeln damals kaum hinterfragt wurden. Gerade dadurch gewinnt die Auseinandersetzung an Glaubwürdigkeit.
Dabei entwickelt Was haben wir gelacht eine bemerkenswerte emotionale Kraft. Vor allem dann, wenn die Interviewpartnerinnen nicht nur über berufliche Erfolge sprechen, sondern über Demütigungen, Zweifel und die permanente Notwendigkeit, sich behaupten zu müssen. Der Film macht deutlich, wie viel Energie es kostete, als Frau in einer Branche sichtbar zu sein, die weiblichen Humor oft als Ausnahmeerscheinung betrachtete. Dass viele dieser Künstlerinnen dennoch ihren eigenen Weg gingen, verleiht ihren Geschichten eine beeindruckende Widerstandskraft.
Warum die Dokumentation heute besonders relevant ist
Besonders Hella von Sinnen (Genial daneben) und Maren Kroymann (Enkel für Fortgeschrittene) profitieren von diesem Ansatz. Beide erscheinen nicht nur als Entertainerinnen, sondern als Persönlichkeiten, die früh erkannt haben, wie eng Humor mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen verbunden ist. Ihre Beobachtungen gehören zu den interessantesten Momenten des Films. Sie machen deutlich, dass es hier nicht nur um Fernsehen geht, sondern um die Frage, wer über wen lachen darf – und warum.
Gleichzeitig verliert die Dokumentation nie völlig ihren unterhaltsamen Charakter. Die vielen Archivbilder erzeugen einen hohen Wiedererkennungswert. Wer mit Sendungen wie RTL Samstag Nacht, Wetten, dass..? oder den großen Late-Night-Formaten aufgewachsen ist, wird immer wieder von Erinnerungen eingeholt. Doch der Film nutzt diese Nostalgie nicht als Selbstzweck. Er setzt sie gezielt ein, um den Blick auf Mechanismen zu lenken, die damals oft als selbstverständlich galten.
Hochwertiges Fernsehen auf der Leinwand
Ganz ohne Schwächen kommt Was haben wir gelacht allerdings nicht aus. Formal bleibt die Dokumentation recht konventionell. Viele Interviews, viele Fernsehausschnitte, eine klassische Struktur – das alles wirkt eher wie hochwertiges Fernsehen als wie großes Dokumentarkino. Zudem ist das Thema so umfangreich, dass manche Aspekte nur angerissen werden können. Gelegentlich hätte man sich gewünscht, der Film würde einzelnen Entwicklungen noch etwas mehr Raum geben.
Dennoch überwiegen die positiven Eindrücke deutlich. Was haben wir gelacht ist keine Abrechnung mit den 90ern und auch keine moralische Anklageschrift. Vielmehr handelt es sich um eine intelligente Reflexion darüber, wie Unterhaltung funktioniert, wie sich gesellschaftliche Vorstellungen verändern und welchen Preis manche Frauen zahlen mussten, um überhaupt gehört zu werden. Die Dokumentation verbindet historische Einordnung mit persönlichen Erfahrungen und schafft es dabei, sowohl nachdenklich als auch überraschend kurzweilig zu sein.
Was bleibt nach der Sichtung ist vor allem die Erkenntnis, dass Humor niemals nur Unterhaltung ist. Er kann Machtverhältnisse festigen, aber auch infrage stellen. Genau diesen Gedanken arbeitet Was haben wir gelacht mit bemerkenswerter Klarheit heraus. Das Ergebnis ist ein sehenswerter, kluger und oft aufschlussreicher Film, der nicht nur einen Blick zurückwirft, sondern auch zeigt, wie weit der Weg noch immer ist.
Fazit
Weit mehr als eine nostalgische Fernsehreise durch die 90er-Jahre. "Was haben wir gelacht" nutzt die Vergangenheit als Spiegel, um sichtbar zu machen, wer damals die Pointen setzte – und wer allzu oft selbst zur Pointe gemacht wurde. Klug, unterhaltsam und mit feinem Gespür für die Zwischentöne erzählt die Doku von Humor als Machtinstrument und von Frauen, die sich ihren Platz im Rampenlicht gegen erhebliche Widerstände erkämpften. Das Ergebnis ist eine ebenso kurzweilige wie nachdenkliche Bestandsaufnahme, die nicht verbittert zurückblickt, sondern mit Witz und Scharfsinn zeigt, warum Lachen manchmal sehr viel mehr verrät als tausend ernste Worte.
Autor: Sebastian Groß