Inhalt
Mit 20 wird Joachim unerwartet an der renommierten Schauspielschule in München angenommen und zieht in die Villa zu seinen Großeltern, Inge und Herman. Zwischen den skurrilen Herausforderungen der Schauspielschule und den exzentrischen, meist alkoholgetränkten Ritualen seiner Großeltern versucht Joachim seinen Platz in der Welt zu finden – ohne zu wissen, welche Rolle er darin eigentlich spielt.
Kritik
Obwohl Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war auf dem gefeierten Bestseller von Joachim Meyerhoff basierte, blieb der Kinoerfolg hinter den Erwartungen zurück. Umso überraschender wirkt es zunächst, dass nun auch der Nachfolgeroman Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke den Weg auf die Leinwand gefunden hat. Doch schnell wird klar: Diese Verfilmung rechtfertigt ihre Existenz nicht allein durch die literarische Vorlage, sondern durch ihre eigene, sehr spezifische Qualität. Regisseur Simon Verhoeven (Girl You Know It's True) gelingt ein Film, der eigenständig funktioniert – und der auch Zuschauer*innen abholt, die den Vorgänger verpasst haben. Die wichtigsten biografischen Eckpunkte werden in den ersten Minuten klar und unaufdringlich vermittelt. Danach entfaltet sich eine Geschichte, die gleichermaßen komisch, berührend und lebensklug ist.
Oma und Opa sorgen für Lebendigkeit
Im Zentrum steht Joachim, diesmal verkörpert von Bruno Alexander, den viele als Tius aus der Serie Die Discounter kennen. Nach dem Abitur zieht Joachim zu seinen Großeltern nach München, um an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule für Schauspiel zu studieren. Schon bei der Aufnahmeprüfung wird deutlich, dass hier mehr am Werk ist als bloßer Ehrgeiz: In Joachim steckt ein echtes darstellerisches Gespür, aber auch ein schweres emotionales Gepäck. Der Unfalltod seines Bruders hat tiefe Spuren hinterlassen, ebenso die Spannungen im Elternhaus. Anders als im Vorgängerfilm rücken Mutter und Vater (Laura Tonke und Devid Striesow) jedoch in den Hintergrund. Der Fokus verschiebt sich – und genau darin liegt eine der großen Stärken des Films.
Inge und Hermann, gespielt von Senta Berger (Oskars Kleid) und Michael Wittenborn (Merz gegen Merz), werden zum Herzstück des Films. Sie leben nach festen Ritualen, mit einer großen Liebe zur Kunst und einer nicht minder ausgeprägten Nähe zum Alkohol. Inge, einst gefeierte Schauspielerin, und Hermann, Philosoph mit eigener Weltsicht, sind Figuren voller Widersprüche – und genau deshalb so lebendig. Verhoeven inszeniert ihren Alltag mit feinem Gespür für Details: ein Wandertag, der völlig anders verläuft als geplant, oder Hermanns sehr eigenwillige Interpretation von Frühsport. Diese Momente sind komisch, aber nie bloß als Gag angelegt. Sie erzählen von Nähe, Gewohnheit und einem Zusammenleben, das ebenso anstrengend wie tröstlich ist.
Zwischen Absurdität und Erkenntnis
Parallel dazu öffnet der Film einen Blick auf die Ausbildung an einer Schauspielschule – und scheut sich nicht vor deren skurrilen Seiten. Wenn Studierende aufgefordert werden, eine Spaghetti im Kochtopf zu verkörpern, wirkt das zunächst wie reine Überzeichnung. Doch Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke macht schnell klar, dass es hier nicht um Spott geht. Vielmehr zeigt der Film, wie Joachim versucht, sich in dieser fordernden Umgebung zu orientieren. Was für Außenstehende wie Humbug erscheinen mag, wird als Prozess sichtbar, der funktioniert – beruflich wie persönlich. Die Schule wird zur Bühne der Selbstprüfung, nicht zur Karikatur.
All diese Stränge kulminieren in einem herausragenden Moment: Bruno Alexander singt „Tainted Love“. Es ist keine glattpolierte Performance, sondern ein emotionaler Kraftakt. Jede Silbe wirkt erarbeitet, beinahe herausgepresst, und gewinnt gerade dadurch eine Tiefe, die weit über das Lied hinausreicht. Hier verdichtet der Film seine Themen auf eindrucksvolle Weise – Verlust, Sehnsucht, Ausdruck und Befreiung fallen für einen Augenblick zusammen.
Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke ist vielleicht etwas überfüllt, doch genau darin liegt auch sein Reiz. Der Film sprüht vor Ideen, Figuren (inkl. interessante sowie prominente Gastrollen) und Beobachtungen, ohne dabei die Orientierung zu verlieren. Er erzählt von Selbstentwicklung, ohne belehrend zu sein, und von Familie, ohne sie zu idealisieren. Verhoeven gelingt eine Tragikomödie voller Wärme und Güte, die auch ihre herrlich absurden Episoden nicht versteckt. Ein Film, der lebendig ist sowie mitreißend und dabei federleicht getragen wird von Empathie und leiser Trauer, die einen sanft umarmt.
Fazit
"Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" ist ein warmherziges, lebendiges Erlebnis über Selbstfindung, Kunst und Familie. Mit feinem Humor, großer Nähe zu seinen Figuren und starken Darsteller*innen erzählt Simon Verhoeven eine Geschichte, die berührt, ohne sich aufzudrängen. Etwas überladen, aber voller Leben – und gerade deshalb so sehenswert.
Autor: Sebastian Groß