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Der Horrorfilm: Das letzte Versuchslabor Hollywoods?

von Mike Kaminski

Von Mike Kaminski

Es gibt dieses selten gewordene Gefühl im Kino, einen Film zu sehen und sich zu fragen, wie zur Hölle der eigentlich durch sämtliche Entscheidungsebenen eines Studios gekommen ist. Nicht weil er schlecht wäre. Sondern weil er seltsam ist. Sperrig, unbequem oder so eigenwillig, dass man sich schon beim Zuschauen ausmalen kann, wie jemand in einem Konferenzraum die Stirn runzelt und nach der Zielgruppe fragt.

Im Horror passiert genau das auffallend oft.

​Coralie Fargeat verwandelt in The Substance den alternden Körper Demi Moores in eine groteske Schlachtplatte. Zach Cregger lässt in Weapons 17 Kinder aus derselben Schulklasse gleichzeitig verschwinden und verweigert seinem Publikum lange einen verlässlichen Protagonisten. Ryan Coogler vermischt in Blood & Sinners Vampirhorror mit Blues, Gangsterfilm, amerikanischer Geschichte und einem nahezu rauschhaften Musikverständnis. Und während Hollywood andernorts nach Marken sucht, die bereits jemand kennt, bekommt ein 19-Jähriger die Gelegenheit, aus einem Internetmythos voller gelber Tapeten und flackernder Leuchtstoffröhren einen Kinofilm zu machen.

Horror besitzt noch etwas, das im großen Studiokino selten geworden ist: Man weiß nicht immer, was hinter der nächsten Tür wartet.

Der Junge aus dem Internet
​Kane Parsons war 16 Jahre alt, als er 2022 auf YouTube einen knapp neunminütigen Film veröffentlichte. The Backrooms (Found Footage) sieht aus wie eine zufällig entdeckte Videoaufnahme aus einer Welt, die unserer ähnlich genug ist, um unangenehm zu werden. Endlose Räume, gelbliche Wände, Teppichboden, Neonlicht. Kein klassisches Monster muss erklären, warum dieser Ort falsch ist. Er ist es einfach. Parsons baute große Teile davon zu Hause am Computer. Vier Jahre später lief seine Version von Backrooms weltweit im Kino. Als A24 ihm den Regiejob anbot, war er 19 und hatte noch nie einen Spielfilm gedreht. Mit 20 sprach er in Interviews über einen 30.000 Quadratfuß großen Studiobau, in dessen künstlichen Korridoren sich selbst die Crew verlief. Man sollte diese Karriere natürlich nicht zu sehr romantisieren. Parsons hatte mit seinen YouTube-Filmen bereits Millionen Menschen erreicht und The Backrooms war längst ein Internetphänomen. Trotzdem bleibt die Konsequenz ungewöhnlich: Ein Teenager veröffentlicht einen Horrorfilm im Internet und ein Studio überträgt die Idee nicht einem erfahrenen Regisseur, sondern lässt ihn selbst weitermachen. Parsons erklärte später, dass er dabei ein enormes Maß an kreativer Kontrolle behalten habe.

​Curry Barkers Weg verläuft ähnlich. Auch er kam über YouTube zum Film. Sein Kinofilmdebüt Obsession entstand für gerade einmal 750.000 Dollar, wurde nach seiner Festivalpremiere von Focus Features gekauft und entwickelte sich 2026 zu einem weltweiten Kinoerfolg. Keine jahrzehntealte Marke, keine Romanreihe mit eingebautem Publikum, kein Franchise, das den Weg bereits freigeräumt hatte. Zwei Karrieren sind noch kein Beweis für eine ganze Industrie. Sie zeigen aber, welche Türen Horror weiterhin öffnen kann. Denn natürlich können wir uns auf den nächsten Avengers, Star Wars oder Jurassic World freuen. Wir wissen dabei nur ziemlich genau, was wir bekommen. Wir kennen Figuren, Welten, Logos und oft schon die Filme, die danach kommen sollen. Bei Backrooms begann alles mit gelben Wänden auf YouTube.

Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Warum ausgerechnet Horror?
Die romantische Erklärung wäre, dass im Horror mutigere Menschen arbeiten. Die richtige ist erheblich unsentimentaler: Horror kann sich Mut leisten.

Natürlich wird auch anderswo experimentiert. Science-Fiction spielt mit großen Ideen, Thriller mit unseren Erwartungen und das Independent-Kino mit Erzählformen, für die große Studios oft keinen Platz sehen. Doch gerade im Horror treffen kreative Freiheit und wirtschaftliche Kalkulation auf eine Weise zusammen, die im heutigen Hollywood selten geworden ist. Das Genre verfügt über ein verlässliches Publikum, während vergleichsweise niedrige Produktionskosten Raum für ungewöhnliche Ideen lassen. Ein Horrorfilm muss kein Vermögen kosten, um an den Kinokassen erfolgreich zu sein. Und genau das macht ihn für Studios interessant, die sich Experimente andernorts immer seltener erlauben. Jason Blum hat daraus praktisch ein Geschäftsmodell gebaut. Nach dem Erfolg von Paranormal Activity hätte Blumhouse den üblichen Hollywood-Weg einschlagen können: größere Filme, größere Stars, größere Budgets. Stattdessen folgte unter anderem Insidious, der für einen niedrigen Millionenbetrag entstand.

Blum begründet dieses Modell bis heute mit kreativer Kontrolle. Niedrige Budgets erlauben stärkere Regiestimmen, weil weniger Geld auf dem Spiel steht und damit weniger Menschen Gründe haben, sich einzumischen. Dahinter steckt kein Idealismus. Es ist Risikomanagement. Wer 200 Millionen Dollar ausgibt, kann schlecht sagen: Schauen wir mal, ob das Publikum damit etwas anfangen kann. Das Geld muss zurückkommen. Möglichst aus vielen Ländern, über viele Zielgruppen hinweg. Entscheidungen werden abgesichert, bekannte Darsteller verpflichtet, Marken gepflegt und Geschichten so erzählt, dass möglichst wenige Menschen einen Grund haben, das Ticket nicht zu kaufen. Das ist wirtschaftlich nachvollziehbar. Interessanter werden Filme dadurch nicht automatisch.

Ein kleiner Horrorfilm darf dagegen scheitern.

Er darf eine unangenehme Hauptfigur haben, sein Monster verstecken, eine Stunde lang kaum erklären, was eigentlich passiert. Er darf brutal, langsam, absurd oder strukturell eigenwillig sein. Nicht jeder dieser Filme wird gut. Sehr viele werden vergessen. Einige gehen fürchterlich daneben.

Ein Versuchslabor, in dem jedes Experiment funktionieren muss, ist keines.

Wo Hollywood seine Regisseure findet
Diese Freiheit hat in den vergangenen Jahren eine auffällige Zahl von Filmemachern hervorgebracht. Jordan Peele wechselte mit Get Out von der Comedy zur Regie. Ari Aster wurde durch Hereditary bekannt, Robert Eggers durch The Witch. Die australischen YouTuber Danny und Michael Philippou machten mit Talk to Me ihr Spielfilmdebüt. Zach Cregger kam mit Barbarian aus einer Richtung, aus der ihn nach seiner bisherigen Comedy-Karriere kaum jemand erwartet hatte. Der Horrorfilm ist damit längst auch Talentschmiede. Creggers Karriere zeigt, was anschließend passieren kann. Nach Barbarian konnte er mit Weapons einen wesentlich größeren Originalfilm realisieren. Noch vor dessen Kinostart stand er bereits als Regisseur eines neuen Resident Evil-Films fest. Hollywood hatte seine Handschrift erkannt und wollte sie für eine etablierte Marke nutzen.

Das Labor beliefert die Fabrik.

Das muss nicht zwangsläufig schlecht sein. Ein Regisseur verliert nicht automatisch seine Handschrift, sobald das Budget wächst oder ein bekanntes Logo vor seinem Film erscheint. Aber der Weg zeigt, welchen Wert Horror für die Industrie inzwischen besitzt. Hier können Filmemacher auffallen, ohne dass ein Studio vorher einen dreistelligen Millionenbetrag auf ihre Idee setzen muss. Nur funktioniert dieses Schema inzwischen auch in der anderen Richtung.

Was passiert, wenn das Experiment 90 Millionen kostet?
Blood & Sinners passt eigentlich nicht zum klassischen Bild dieses Systems. Ryan Cooglers Film kostete rund 90 Millionen Dollar. Michael B. Jordan spielt gleich zwei Hauptrollen, Warner Bros. brachte den Film mit entsprechendem Aufwand ins Kino. Das ist kein kleiner Horrorfilm, der seinen Produzenten ein überschaubares Verlustrisiko bietet. Und trotzdem wirkt Blood & Sinners wie ein Film, den Hollywood nach seinen üblichen Regeln kaum hervorbringen dürfte. Coogler kam nicht mit einer bekannten Marke. Er kam mit Mississippi in den 1930er-Jahren, Zwillingsbrüdern, Bluesmusik, Rassismus, Religion und Vampiren. Warner investierte rund 90 Millionen Dollar und akzeptierte einen außergewöhnlichen Deal, durch den die Rechte am Film nach 25 Jahren an Coogler zurückfallen sollen.

Dass Blood & Sinners anschließend weltweit rund 370 Millionen Dollar einspielte, ist für die Geschichte weniger als Erfolgszahl interessant denn als Signal: Ein originärer Horrorstoff muss nicht mehr zwangsläufig klein bleiben. Das Versuchslabor ist erwachsen geworden. Und möglicherweise beginnt dort das Problem.

Das Versuchslabor bekommt eine Marketingabteilung
Hollywood besitzt ein ausgeprägtes Talent dafür, Überraschungen in Geschäftsmodelle zu verwandeln. Ein Film funktioniert, also entstehen ähnliche Filme. Eine Figur funktioniert, also bekommt sie ein Universum. Ein Regisseur funktioniert, also bekommt er eine Marke. Aus einer Ausnahme wird ein Trend, aus einem Trend ein Produktionsplan. Jason Blum bezeichnete den Horrormarkt bereits 2025 als übersättigt. Nach Erfolgsphasen würden immer mehr Studios Horrorfilme produzieren, bis zu viele davon scheitern und sich die Branche wieder zurückzieht. Ein Kreislauf, den er nach eigener Aussage mehrfach erlebt hat. Auch Horror kennt längst die üblichen Reflexe der Industrie. Halloween, Scream, Saw, The Conjuring, Final Destination, Der Exorzist. Fortsetzungen, Prequels, Reboots, Legacy Sequels. Wo eine Marke funktioniert, wird auch im Horror gemolken, bis irgendwann kaum noch Blut kommt.

Gerade deshalb sind Filme wie Backrooms, Talk to Me, Barbarian, The Substance, Weapons oder Blood & Sinners so wichtig.

Sie erinnern daran, dass Horror seine Kraft nicht daraus zieht, dass irgendwo eine Maske im Schrank liegt, die man alle paar Jahre wieder hervorholen kann. Seine Kraft liegt im Unbekannten.

Die Freiheit zu scheitern
Der kommerzielle Erfolg des modernen Horrorfilms ist deshalb nur die halbe Geschichte.
Spannender ist, dass zwischen all den Fortsetzungen und bekannten Marken weiterhin Filme auftauchen, die vorher niemand bestellt zu haben scheint. Ein Teenager baut zu Hause am Computer gelbe Räume und sitzt wenige Jahre später auf einem Hollywood-Set. Zwei australische YouTuber drehen einen Film über eine einbalsamierte Hand. Ein Comedy-Regisseur macht einen Horrorfilm über strukturellen Rassismus und Körpertausch. Ein erfolgreicher Blockbuster-Regisseur steckt Michael B. Jordan in das Mississippi der 1930er-Jahre und lässt Vampire über einen Bluesclub herfallen.

Manches davon funktioniert. Manches scheitert. Manches wird anschließend so lange kopiert, bis von der ursprünglichen Idee kaum noch etwas übrig ist.

Aber bevor Hollywood daraus eine Formel machen kann, muss jemand die Formel erst brechen. Horror ist Hollywoods Versuchslabor nicht deshalb, weil dort automatisch bessere oder mutigere Menschen arbeiten. Das Genre hat sich schlicht einen Raum bewahrt, in dem eine Idee nicht von Anfang an beweisen muss, dass sie ein weltweites Milliardenpublikum bedienen kann. Sie darf erst einmal ausprobiert werden.

Genau dafür braucht es Horror.

Mike Kaminski

Filmkritiker | Podcaster | Freier Autor

Mike Kaminski liebt Filme, über die man auch nach dem Abspann noch reden möchte. Statt Kino nur in gut oder schlecht einzuteilen, interessiert ihn, warum Filme begeistern, enttäuschen oder uns trotzdem nicht loslassen. Darüber schreibt er bei Moviebreak und spricht im Podcast „Für eine Handvoll Popcorn“.

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