Acht Jahre sind im schnelllebigen Filmgeschäft eine Ewigkeit. Für Lee Chang-dong offenbar nicht. Seit seinem gefeierten Mysterydrama Burning aus dem Jahr 2018 hat der südkoreanische Regisseur keinen neuen Spielfilm mehr veröffentlicht. Nun kehrt er mit Possible Love zurück, einem knapp dreistündigen Drama über zwei Ehepaare, soziale Ungleichheit und verborgene Sehnsüchte. Der Film wurde bereits bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet und vertritt Südkorea im Rennen um den Oscar für den besten internationalen Film. Doch was macht Lee Chang-dong zu einem der bemerkenswertesten Regisseure des modernen koreanischen Kinos? Wir werfen einen kleinen Blick auf den Ausnahmeregisseur!
Vom Schriftsteller zum gefeierten Filmemacher
Lee Chang-dongs Karriere begann keineswegs im Kino. Der 1954 geborene Südkoreaner arbeitete zunächst als Lehrer und Schriftsteller, bevor er in den 1990er-Jahren zum Film wechselte. Sein Regiedebüt Green Fish erschien 1997 und erzählte von einem jungen Mann, der nach seinem Militärdienst in eine zunehmend gewalttätige Welt aus organisierter Kriminalität und gesellschaftlichen Veränderungen gerät.
Bereits hier zeigte sich eine Besonderheit seines Kinos: Lee interessiert sich weniger für spektakuläre Ereignisse als für die Menschen, die unter gesellschaftlichen Bedingungen leiden. Seine Figuren stehen häufig am Rand einer Welt, die ihnen kaum Möglichkeiten bietet, ihr Leben selbst zu gestalten. Gewalt entsteht dabei nicht aus dem Nichts, sondern aus sozialen Spannungen, verletztem Stolz und persönlichen Enttäuschungen.
Mit Peppermint Candy aus dem Jahr 1999 entwickelte Lee diesen Ansatz weiter. Der Film erzählt das Leben eines Mannes rückwärts und führt von dessen persönlichem Zusammenbruch zurück zu entscheidenden Stationen der jüngeren südkoreanischen Geschichte. Individuelle Schuld und gesellschaftliche Gewalt werden dabei untrennbar miteinander verbunden. Statt einfache Antworten zu liefern, zwingt Lee sein Publikum, die Ursachen menschlicher Entscheidungen zu hinterfragen.
"Oasis", "Secret Sunshine" und "Poetry": Das Kino der unbequemen Fragen
Mit Oasis gelang Lee Chang-dong 2002 endgültig der internationale Durchbruch. Das Drama erzählt von einer ungewöhnlichen Beziehung zwischen einem gesellschaftlichen Außenseiter und einer Frau mit schwerer körperlicher Behinderung. Lee interessiert sich dabei nicht für eine romantisierte Außenseitergeschichte, sondern für Vorurteile, Abhängigkeiten und die Frage, wer überhaupt über das Leben anderer Menschen bestimmen darf.
Für Oasis erhielt er bei den Filmfestspielen von Venedig den Silbernen Löwen für die beste Regie. Der Film gehört bis heute zu seinen wichtigsten Arbeiten, gerade weil er sein Publikum immer wieder mit unangenehmen moralischen Situationen konfrontiert.
Noch eindringlicher wurde dieser Ansatz in Secret Sunshine aus dem Jahr 2007. Jeon Do-yeon spielt darin eine Frau, die nach einem schweren Schicksalsschlag versucht, ihrem Leben einen neuen Sinn zu geben. Religion, Trauer und Vergebung stehen im Mittelpunkt einer Geschichte, die sich einfachen emotionalen Lösungen konsequent verweigert. Für ihre Darstellung wurde Jeon Do-yeon beim Filmfestival von Cannes als beste Schauspielerin ausgezeichnet.
Auch Poetry aus dem Jahr 2010 beschäftigt sich mit Schuld und moralischer Verantwortung. Eine ältere Frau entdeckt ihre Leidenschaft für die Poesie, während sie mit einer erschütternden Wahrheit über ihre Familie konfrontiert wird. Lee stellt dabei die Schönheit von Sprache und Natur neben menschliche Grausamkeit. Für das Drehbuch erhielt er in Cannes eine weitere bedeutende Auszeichnung.
Gemeinsam ist diesen Filmen eine bemerkenswerte Zurückhaltung. Lee Chang-dong schreibt seinen Figuren keine einfachen Urteile auf die Stirn. Stattdessen beobachtet er sie, lässt Widersprüche zu und fordert das Publikum heraus, eigene Positionen zu entwickeln.
"Burning": Ein Thriller, der sich jeder einfachen Erklärung verweigert
2018 erreichte Lee Chang-dong mit Burning ein neues internationales Publikum. Die lose auf einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami basierende Produktion verbindet eine Dreiecksgeschichte mit gesellschaftlichen Spannungen und einem zunehmend unheimlichen Geheimnis.
Im Mittelpunkt steht der junge Jong-su, der seiner früheren Bekannten Hae-mi wiederbegegnet. Als diese von einer Reise mit dem wohlhabenden und undurchsichtigen Ben zurückkehrt, entsteht eine merkwürdige Beziehung zwischen den drei Figuren. Nachdem Hae-mi plötzlich verschwindet, beginnt Jong-su, die Ereignisse zu hinterfragen.
Burning lässt sich als Mysterythriller betrachten, funktioniert aber ebenso als Gesellschaftsporträt. Klassenunterschiede, männliche Unsicherheit, Einsamkeit und das Gefühl wirtschaftlicher Aussichtslosigkeit durchziehen die Geschichte. Die eigentliche Bedrohung bleibt dabei lange schwer greifbar.
Gerade das macht den Film so faszinierend. Lee Chang-dong verweigert seinem Publikum die Gewissheit, die klassische Thriller normalerweise versprechen. Stattdessen entstehen Zweifel, die weit über den Abspann hinausreichen. Burning wurde in Cannes mit dem internationalen Kritikerpreis der FIPRESCI ausgezeichnet und gilt für viele als einer der wichtigsten koreanischen Filme der vergangenen Jahre.
"Possible Love": Zwei Ehepaare und die unsichtbaren Grenzen der Gesellschaft
Mit Possible Love kehrt Lee nun zu einem Thema zurück, das seine gesamte Filmografie prägt: Menschen aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen treffen aufeinander und müssen sich mit ihren eigenen Vorstellungen von Glück, Moral und Verantwortung auseinandersetzen.
Im Mittelpunkt stehen Mi-ok und ihr Ehemann Ho-seok, dessen Leben nach dem Verlust seines Arbeitsplatzes aus den Fugen geraten ist. Als die Dokumentarfilmerin Ye-ji auf das Paar aufmerksam wird, möchte sie dessen Erfahrungen zum Gegenstand eines Films machen. Gemeinsam mit ihrem wohlhabenden Ehemann Sang-woo gehört Ye-ji allerdings einer ganz anderen gesellschaftlichen Welt an.
Aus der zunächst beruflichen Begegnung entwickelt sich eine zunehmend komplizierte Beziehung zwischen den beiden Ehepaaren. Verdrängte Gefühle, soziale Unterschiede und persönliche Sehnsüchte treten an die Oberfläche. Zugleich stellt sich die Frage, ob Menschen aus privilegierten Verhältnissen das Leben anderer tatsächlich verstehen können oder deren Erfahrungen lediglich aus sicherer Entfernung betrachten.
Für die Hauptrollen konnte Lee ein bemerkenswertes Ensemble gewinnen. Jeon Do-yeon, die bereits in Secret Sunshine mit ihm zusammenarbeitete, spielt Mi-ok. Sul Kyung-gu, bekannt aus Oasis, übernimmt die Rolle ihres Ehemanns. Hinzu kommen Cho Yeo-jeong, die unter anderem durch Parasite internationale Bekanntheit erlangte, und Zo In-sung.
Schon die Konstellation erinnert an die großen Themen des Regisseurs. Es geht um gesellschaftliche Klassen, die Macht von Bildern und die Schwierigkeit, menschliche Beziehungen eindeutig zu bewerten. Possible Love verspricht damit weniger ein klassisches Liebesdrama als eine vielschichtige Auseinandersetzung mit den Widersprüchen des modernen Lebens.
Warum Lee Chang-dong für das koreanische Kino so wichtig ist
Wer über südkoreanisches Kino spricht, denkt häufig zuerst an Bong Joon-ho, Park Chan-wook oder die zahlreichen Thriller und Actionfilme, mit denen das Land international Aufmerksamkeit erlangte. Lee Chang-dong steht für eine andere, nicht weniger bedeutende Tradition.
Seine Filme sind häufig langsam, unbequem und emotional fordernd. Sie interessieren sich für gesellschaftliche Ungerechtigkeit, ohne daraus einfache Botschaften zu formulieren. Seine Figuren sind weder eindeutig gut noch böse, sondern Menschen mit Widersprüchen, Fehlern und unerfüllten Bedürfnissen.
Gerade dadurch unterscheiden sich seine Arbeiten von vielen konventionellen Dramen. Lee vertraut darauf, dass ein Blick, eine beiläufige Bemerkung oder eine scheinbar gewöhnliche Alltagssituation mehr über eine Figur verraten kann als eine ausführliche Erklärung.
Possible Love könnte deshalb auch für Zuschauer interessant sein, die das koreanische Kino bislang hauptsächlich durch Parasite, Oldboy oder Memories of Murder kennen. Lee Chang-dong zeigt eine andere Seite derselben Filmkultur: Weniger spektakulär, aber häufig nicht weniger erschütternd.
Dass sein neuer Film nach acht Jahren Pause bei den Filmfestspielen von Venedig ausgezeichnet wurde, unterstreicht seine besondere Stellung. Gleichzeitig bietet die Veröffentlichung eine gute Gelegenheit, sein bisheriges Werk neu oder erstmals zu entdecken.
Possible Love startet am 22. Oktober 2026 in ausgewählten deutschen Kinos und erscheint am 6. November weltweit bei Netflix.
Welcher Film von Lee Chang-dong ist euer Favorit? Und welche koreanischen Regisseure sollten wir in unserer Asia-Ecke als Nächstes vorstellen?
Chefredakteur
Filme, unendliche Weiten ... dies sind die Abenteuer von Oneal, der sich vorgenommen hat, so viele Filme in seinem Leben zu schauen wie es irgendwie geht. Die Expertise liegt irgendwo zwischen Asia-Kino, Sci-Fi und Action. Doch auch schwere Kost und gerne philosophisch darf es sein. Zudem Chef von Moviebreak.