Bildnachweis: © Yuliya Mieland

32. Jüdisches Filmfestival Berlin Brandenburg

von Andy Mieland

Vom 05. bis 10. Mai fand das diesjährige Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg (JFBB)in Berlin, Potsdam und weiteren brandenburgischen Städten statt. Mit 60 Filmen aus 22 Ländern war auch in der 32. Ausgabe des Festivals für ein breites Spektrum gesorgt. Wie gewohnt nimmt das Festival nicht nur aktuelle Filme ins Programm, sondern widmet sich in den Nebensektionen auch Filmklassikern und Filmen, die bereits früher im Programm liefen. Die Sektion Kino Fermished hatte dabei eine bunte Vielfalt zu bieten mit Filmen wie Stanley KubricksDr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben, László Nemes’ oscarprämierter Film Son of Saul oder den vor zwei Jahren im Spielfilmwettbewerb des Festivals gezeigten israelischen Film The Vanishing Soldier. Mit einem besonderen Filmbildungsprogramm richtet sich das Festival gezielt an Schülerinnen und Schüler, um ihnen jüdische Geschichte näherzubringen. Im Rahmen dieses Programms wurde der deutsche Film Aimée & Jaguar gezeigt und es gab im Anschluss ein Filmgespräch mit der Hauptdarstellerin Maria Schrader, die auch das Gesicht des diesjährigen Festivals war.

Überhaupt bot sich in diesem Jahr erneut oft die Gelegenheit, im Anschluss an die jeweiligen Wettbewerbsfilme Filmgespräche mit den beteiligten Filmschaffenden zu führen, die teils aus aller Welt anreisten. Ziel des Festivals ist es, jüdisches Leben und jüdische Filme sichtbar zu machen, und dabei werden durchaus kontroverse Filme in das Programm aufgenommen. Es soll die Vielfalt des jüdischen Lebens präsentiert werden, mit Geschichten aus dem Alltag, speziellen jüdischen Problemen, aber ebenso mit historischen Themen. In der Sektion Wettbewerb Spielfilm wurden 10 Filme gezeigt, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Der belgische Film The Soundman erzählt die Geschichte eines von Klängen besessenen jungen Tontechnikers, der sich wenige Tage vor dem deutschen Einmarsch in Belgien in eine Jüdin verliebt. Das bewegende Historiendrama ist zugleich eine poetische Liebeserklärung an die Welt des Tons, der Geräusche und Klänge mit einer Botschaft, die selbst in dunklen Zeiten Hoffnung vermittelt. Ebenfalls zur Zeit des 2. Weltkriegs ist der Film Mariana's Room angesiedelt. Im besetzten Czernowitz versteckt 1943 eine jüdische Mutter ihren 11-jährigen Sohn Hugo bei ihrer besten Freundin Mariana. Die Prostituierte riskiert ihr Leben, als sie Hugo in ihrem Zimmer in einem Bordell versteckt.

Jüdische Geschichte in den Nachkriegsjahren steht in dem ungarischen Film Orphan und dem französisch-schweizerisch-luxemburgischen The Safe House im Mittelpunkt. László Nemes' Coming-of-Age-Film Orphan erzählt die Geschichte des jungen Andor Hirsch, der denkt, der Sohn eines verschollenen jüdischen Vaters zu sein. Doch als eines Tages ein brutaler Schlachter die Vaterschaft beansprucht, beginnt ein erbitterter Kampf David gegen Goliath. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Gewalt der kommunistischen Herrschaft in Ungarn nach dem Volksaufstand 1956 zeichnet Nemes eine herzzerreißende Geschichte über einen Jungen auf der Suche nach der Wahrheit. The Safe House spielt in Paris im Mai 1968: Studentenrevolte und Generalstreik sollen die Welt verändern, der erschütterte Staat schlägt zurück. Christophe erlebt die dramatischen Wochen in der Pariser Wohnung seiner Großeltern. Mit Kunst, Philosophie und viel Liebe schafft er hier seine ganz eigene Welt – ein sicherer Hafen mit ganz eigenen Gesetzen. Der Film ist eine humorvolle Familiengeschichte mit verschrobenen Familienmitgliedern, deren Leben sich vor allem in den sicheren eigenen vier Wänden abspielt und der stilistisch an Die fabelhafte Welt der Amélie erinnert.

Mit Negative Capability und Fantasy Life waren darüber hinaus zwei Filme im Rennen, die stark an die früheren Werke Woody Allens erinnern. Negative Capability handelt vom Dozenten und Schriftsteller Joel, der in einer Midlife-Crisis steckt, wie sie im Buche steht: Seine Ehe ist am Ende, sein Vertrag als Literaturdozent wird nicht verlängert und Dating wird in der Lebensmitte auch nicht einfacher. Nun muss er sein Leben neu ordnen. Das emotionale und humorvolle Low-Budget-Drama ist eine Geschichte mitten aus dem Leben und über die Leiden eines mittelalten Mannes. In Fantasy Life wird die Hauptfigur Sam arbeitslos, hat Panikattacken und erhält bald unverhofft einen neuen Job als Babysitter für die Enkelinnen seines Psychiaters. Zu Dianne, Mutter der Mädchen und Schauspielerin im Karriereloch, entwickelt er eine starke Zuneigung. In humorvoller Art plädiert der Film für mehr Verständnis für psychische Erkrankungen und entwickelt sich insgesamt zu einem hoffnungsvollen Feel-Good-Movie.

Ein weiterer Schwerpunkt der Spielfilmsektion war die aktuelle Situation in Israel mit den innergesellschaftlichen Konflikten und dem seit Jahrzehnten schwelenden und nun erneut eskalierten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Der Film Some Notes on the Current Situation erzählt in sechs Episoden aus einem Land nach dem 7. Oktober als existenzialistisch-absurdes Porträt zwischen bitterböser Satire und surrealen Hommagen an die Filmgeschichte. Eine Tragikomödie über Raum, Zeit, Kino, Liebe und Krieg, gleichzeitig losgelöst und verwurzelt in einer entrückten Realität, in der es um Menschen zwischen Routine und Erinnerung, innerem Exil und äußerem Druck geht – die Postapokalypse im Kopf, die Geschichte hinter sich und gefangen in einer fragmentierten Gegenwart, die am seidenen Faden hängt. Nicht weniger politisch ist der Film The Sea des israelischen Regisseurs Shai Carmeli-Pollak über den 12-jährigen palästinensischen Jungen Khaled aus einem Dorf bei Ramallah, der bei einer Klassenfahrt an einem Checkpoint aufgrund einer fehlenden Genehmigung aus dem Bus geworfen wird und sich dadurch seinen sehnlichsten Wunsch nicht erfüllen kann. Kurze Zeit später setzt er seine Reise auf eigene Faust fort und irrt auf der Suche nach dem Meer durch Israel. Der Film gewann in Israel etliche Filmpreise, was der israelische Kulturminister als Skandal empfand. Umso wichtiger ist dieser Film, der zeigt, dass trotz aller Kritik an Israel und allen Boykottaufrufen für Kunstschaffende das israelische Volk nicht mit der politischen Führung gleichzusetzen ist und Israel eben doch noch ein demokratischer Staat mit Grundrechten wie Meinungs- und Kunstfreiheit ist. The Sea ist ein schöner Film, der für Menschlichkeit und gegenseitigen Respekt plädiert, und zwar unabhängig davon, welcher Nationalität oder welchem Glauben man angehört.

Mit Where To? befand sich ein Film im Wettbewerb, der bereits im Programm der Berlinale lief. Im Mittelpunkt stehen der fürsorgliche palästinensische Familienvater Hassan und der junge homosexuelle Israeli Amir, zwischen denen eigentlich Welten liegen. Aber in Hassans Taxi auf den nächtlichen Straßen Berlins treffen sie in einem episodischen Kammerspiel auf vier Rädern immer wieder aufeinander und entdecken, dass sie etwas verbindet. Der Film von Assaf Machnes erhielt eine Special Mention. Die Jury hob das Werk als leisen, aber eindringlichen Film hervor, der zeigt, „wie Empathie die Welt, in der wir leben, verändern kann“. Bereits im Rahmen der Eröffnung wurde die Kamerafrau des Films, Maayane Bouhnik, mit dem Preis zur Förderung des filmischen Nachwuchses ausgezeichnet, wobei besonders die Bildsprache des Films gewürdigt wurde. Der Gershon-Klein-Spielfilmpreis ging an Book of Ruth von Esty Shushan. Der Film erzählt von Ruth und ihrem Mann Shmuel, die nach dem Tod ihres kleinen Sohnes in ihrer ultraorthodoxen Gemeinde nach einem Weg suchen, mit dem Unfassbaren weiterzuleben. Während Shmuel sich zunehmend in eine gottesfürchtige, patriarchale Ordnung flüchtet, beginnt Ruth zu zweifeln und sucht nach eigenen Antworten auf Schmerz und Trauer. Die Jury würdigte Book of Ruth als eindringliche, bewusst ungeschönte Auseinandersetzung mit Glauben, Intimität und Verlust, die nicht erklärt oder mildert, sondern gerade aus ihrer radikalen Innenperspektive heraus ihre emotionale Wirkung entfaltet.

In der Sektion Dokumentarfilm ging der Gershon-Klein-Dokumentarfilmpreis an Reward for the Rain von Barbara Bernáth. Reward for the Rain begleitet die Holocaust-Überlebende Eva Fáhidi, die sich im hohen Alter noch einmal ihrer Vergangenheit stellt und für einen VR-Film die Geschichte der ungarischen Juden und Jüdinnen für jüngere Generationen festhält. Zugleich erzählt der Film von ihrer späten Liebe und ihrem Alltag mit ihrem Partner Bandi. Zum festen Bestandteil des Festivals gehört das Kurzfilmprogramm Nosh Nosh. In diesem Jahr wurden bereits im Rahmen der Eröffnung vier Filme gezeigt, die thematisch breit gestreut sind und zu denen wir euch ebenfalls Kritiken präsentieren können. Mit der Sektion The Other Israel wird in Zusammenarbeit mit dem 2007 in New York gegründeten „Other Israel“-Filmfestival eine Auswahl von Filmen gezeigt, die das Lagerdenken augenblicklicher politischer Diskurse in den Nahost-Debatten hinterfragen. Das Festival beschäftigt sich mit den wechselseitigen, komplexen Beziehungen der israelischen und palästinensischen Gesellschaften und mit der Situation anderer „Minderheiten“ in Israel. Einen weiteren Schwerpunkt setzte das diesjährige Festival mit der Sektion Nordic Jewish Focus auf Filme mit jüdischen Themen in skandinavischen Filmen. Vom Stummfilmklassiker Ikarus aus dem Jahre 1916, der als erster homosexueller Film der Filmgeschichte gilt, über die „Auslandsoscar“-Gewinnerin Susanne Bier wurden Filme gezeigt, die jüdische Erfahrung und Gegenwart beschreiben, von der Geschichtsreflexion bis zur pointierten Gegenwartskomödie.

Das Programm des 32. Jüdischen Filmfestivals war erneut mit spannenden und abwechslungsreichen Filmen gespickt, mit Weltpremieren, Deutschlandpremieren, Komödien, Dramen, Historienfilmen und Filmen der aktuellen Zeitgeschichte. Die Filme laden zu Diskussionen ein und zeigen ein differenziertes Bild auf das Judentum und auf Israel und regen dadurch ebenso zum Nachdenken an. Genau deshalb hat sich das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg seinen Platz in der Festivallandschaft verdient, denn mit viel Engagement wird hier ein breitgefächertes Angebot präsentiert und es gibt stets in zahlreichen Filmgesprächsrunden Gelegenheit zur Diskussion.

Vom Festival berichteten Andy Mieland und Yuliya Mieland

Unsere Festivalkritiken findet ihr zu folgenden Filmen:

The Holiness

Beshert

Snipped

No Witches in the Valley

Negative Capability

Fantasy Life

The Soundman

The Sea

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