Gesehen beim 32. Jüdischen Filmfestival Berlin Brandenburg
Die meisten Menschen können sich nicht einmal vorstellen, dass es etwas Besonderes ist, ans Meer zu fahren. Was viele Europäer als selbstverständlich betrachten, ist für manche Kinder auf dieser Welt der größte Traum. Nachdem der Regisseur Shai Carmeli-Pollak seine Tätigkeit als Aktivist aufgenommen hatte, traf er im Westjordanland viele Kinder und alle von ihnen hatten eins gemeinsam: Sie wollten unbedingt das Meer sehen. So entstand die Idee zum Film. Carmeli-Pollak führte nicht nur Regie, sondern schrieb auch das Drehbuch über einen palästinensischen Jungen, der unbedingt das Meer sehen will. Trotz der allgegenwärtigen Gefahr macht Khaled (Muhammad Gazawi) sich auf den Weg. Das Glück ist ja bekanntlich mit den Mutigen und so beginnt für den kleinen Jungen ein riesengroßes Abenteuer. Auf seinem Weg zum Meer begegnen ihm viele Fremde, die ihm helfen, ohne eine Gegenleistung dafür zu verlangen. Dem Regisseur war es wichtig, ein authentisches Bild der Menschen in Israel zu vermitteln und zu zeigen, dass man nur Veränderungen herbeiführen kann, wenn man sich kennenlernt und respektvoll miteinander umgeht.
Es ist eben nicht alles schwarz und weiß und auch wenn man auf verschiedenen Seiten eines Konflikts oder eines Krieges steht, bedeutet es nicht, dass man seine Menschlichkeit wegwerfen sollte, denn wir alle sind unabhängig von unserem Glauben, unserer Abstammung und unserer Nationalität letztendlich Menschen und das sollten wir niemals vergessen. Während der Dreharbeiten musste der Regisseur mehrere Checkpoints passieren und er fuhr viel mit Taxis. Dabei begegnete er vielen freundlichen Menschen. Manche wollten ihn sogar zu sich nach Hause einladen und ihm zeigen, wie sie wohnen. Diese Freundlichkeit hat der Regisseur in den Film eingebaut und ließ Khalid viele interessante Begegnungen haben. Unter anderem mit seiner Ehefrau und seiner Tochter. Sogar seinen eigenen Familienhund hat der Regisseur mitspielen lassen. Der Cast bestand nicht ausschließlich aus Schauspielern, sondern teilweise aus Menschen, die noch nie geschauspielert haben. Auch der Hauptdarsteller hatte zuvor keine Schauspielerfahrung und wurde vom Regisseur in einem Kickboxkurs entdeckt.
Das war definitiv eine gute Entdeckung, weil der Junge seine Rolle hervorragend spielt. Mit wenigen Worten, aber dafür mit vielen sehnsüchtigen Blicken kreiert er die Figur eines Jungen, der sich nichts sehnlicher wünscht, als das Meer zu sehen. Diese Prämisse des Films scheint auf den ersten Blick völlig harmlos zu sein, wenn die Figur doch nur kein palästinensischer Junge wäre. Allein das macht den Film für den israelischen Kulturminister zum Problem und er droht 2025 sogar damit, die staatliche Förderung für den Ophir Award („israelischer Oscar“) einzustellen, weil The Sea gleich mehrere Preise gewonnen hatte: in der Kategorie Bester Film, Bestes Drehbuch, Bester Darsteller (Muhammad Gazawi) und Bester Nebendarsteller (Khalifa Natour, Mein Herz tanzt) und die beste Filmmusik. Das zeigt, dass die Kunst- und Meinungsfreiheit lebt und, dass sie sich nicht von der Politik diktieren lässt, welche Geschichten in welchem Land erzählt werden dürfen und in welchem nicht.
Was The Sea auch noch sehenswert macht, ist die Tatsache, dass der Film nicht nur die Sicht des Kindes darstellt, sondern auch die Sicht des Vaters auf die Welt offenbart, der alles tut, um seinen Jungen wiederzufinden. Während der Sohn eher blauäugig an die Sache herangeht, ist sich der Vater stets dessen bewusst, in welcher Gefahr er sich befindet. Eigentlich weiß der Sohn das auch, doch es hält ihn nicht davon ab, ohne eine Genehmigung in für ihn unerlaubten Bereichen herumzulaufen. Trotzdem bleibt der Film nicht ernst, sondern zeigt in humorvoller Art, dass die Welt sich trotz der Konflikte weiterdreht und kaum jemand den Verhaftungen mehr Beachtung schenkt. Nach dem Motto „business as usual“ machen die Menschen einfach mit ihrem Leben weiter, egal ob direkt vor ihrer Nase eine systematische Diskriminierung stattfindet oder nicht. Dem Regisseur gelingt es ausgezeichnet, diese Kontraste darzustellen: ein Mikrokosmos, der einerseits an jede beliebige europäische Stadt erinnert, doch andererseits durch starke Präsenz der israelischen Armee aufzeigt, dass die Welt eben eine ganz andere ist, weil sie stark vom Militär beherrscht wird.
Neben den politischen Hintergründen beleuchtet der Film auch die eher angespannte Beziehung zwischen dem Vater und Sohn, die hauptsächlich über das Telefon stattfindet, weil der Vater viel arbeiten muss, um für seine Familie Geld zu verdienen. Gerade dadurch fühlt sich der Sohn vernachlässigt und entwickelt auch eine starke Sehnsucht nach dem Meer. Während man zunächst die Sicht des Kindes versteht, denkt man noch einmal um, wenn man den Vater kennenlernt. Er tut wirklich alles, um für seine Familie zu sorgen, und macht sich trotz seiner Arbeit und der Gefahr, die ihm droht, sofort auf die Suche nach seinem Sohn. Im Gegensatz zu den Zuschauern weiß er nicht, wo sein Sohn hin möchte. Die Kernfrage des Films lautet: Schafft es der Junge zum Meer? Je näher er an sein Ziel kommt, desto spannender wird der Film. Das Schöne an diesem Film ist nicht nur seine Botschaft, sondern auch die Tatsache, dass der Regisseur den Kindern, die bei dem Dreh mitgemacht haben, versprochen hatte, sie ans Meer zu bringen, was er hoffentlich gehalten hat.