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Kriminaldrama aus dem Jahr 1985 von Michael Cimino, das auf dem gleichnamigen Roman von Robert Daley basiert. Der New Yorker Cop Stanley White bekämpft die Triaden in Manhattan und ihren skrupellosen Anführer Joey Tai. Während seiner Ermittlungen stürtzt er sich in eine Affäre mit der Journalistin Tracy Tzu.
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Kritik

„Es ist nicht die Bronx oder Brooklyn. Es ist noch nicht einmal New Work. Es ist Chinatown!“

Und dieses Chinatown ist nicht die exotische Touristenattraktion mit buntem Nippes und fröhlichen Paraden, es eine in sich geschlossene, undurchdringbare Subkultur. Ein Moloch, in dem eigene Regeln, Gesetze und unanfechtbare Strukturen herrschen. Über 1000 Jahre alt, die moderne Welt um sie herum nur knapp 200. Stanley White (Mickey Rourke, The Wrestler) ist der neue Marshall auf diesem fremden Planeten und nicht bereit, dem einer Kapitulation vor dem Verbrechen gleichkommendem Pakt zwischen Polizei und den inoffiziellen Obrigkeiten des Bezirks länger zu bewilligen. Erst recht nicht, als es zur Revolte im Kaiserreich kommt und eine Welle aus Blut und Drogen droht über die Canal Street hinaus zu schwappen.

Nach seinem kommerziell fatalen, künstlerisch erst Jahre später in seiner Klasse gewürdigten Jahrhundertflop-Meisterwerk Heaven’s Gate – Das Tor zum Himmel war Michael Cimino (Die Letzten beißen die Hunde) die Persona non grata in Hollywood. Zwei Jahre zuvor noch für sein fünffach Oscar-prämiertes Kriegsepos Die durch die Hölle gehen frenetisch gefeierte - damals aber schon wegen (albernen) Rassismusvorwürfen heftig attackiert -, wurde sein schonungslos-ehrliche Spätwestern nicht nur der finanzielle Kollaps für das Studio United Artists, sondern auch sein selbstgeschaufeltes Karrieregrab. Niemand wollte mehr den vorgeworfenen Größenwahn finanzieren, erst recht nicht nachdem Publikum und Kritiker den vorher noch gelobten Stil Ciminos die kalte Schulter zeigten. Fünf Jahre sollte es dauern, bis er den Versuch einer (aus heutiger Sicht schändlich unnötigen) Rehabilitierung wagen durfte, wieder nur mit gemischtem Feedback. Erneut zu Unrecht und aus gleichen Gründen: Denn auch Im Jahr des Drachen ist ein typischer Cimino. Ausschweifend (wenn auch lange nicht so wie bei seinen direkten Vorgängern), unbequem, nicht anbiedernd und radikal direkt, auf die Gefahr hin, dass wieder der große Aufschrei folgt.

Mickey Rourke – der vorher nur durch Nebenrollen oder seinen phänomenalen Auftritt in Francis Ford Coppola’s Independent-Produktion Rumble Fish auf sich aufmerksam machen konnte – darf hier erstmals seine Qualitäten als Zugpferd in einem großen Film unter Beweis stellen und meistert die Aufgabe mit Bravour. Eine denkbar schwierige, diskussionswürdige, ambivalente Rolle. Sein Stanley White ist keinesfalls das, was man als strahlenden Helden im Kampf gegen das Verbrechen versteht. Im Grunde genommen ist er ein schrecklicher Mensch. Ein mit Vorurteilen und tendenziell rassistischem Gedankengut behafteter Einzelgänger, der sich einen Dreck um politisch korrekte Ausdrucksweisen schert. Ein vermutlich misogyner Chauvi, der seine Ehefrau vernachlässigt und auf sich allein gestellt lässt, während er seine sexuellen Gelüste auf eine wirklich grenzwertige Art (erinnert an die immer noch umstrittene „Liebesszene“ aus Wer Gewalt sät) bei einer TV-Journalisten versucht zu befriedigen…und gleichzeitig sie für seinen einsamen Feldzug gegen die Triaden ausnutzt, was sie unvermeidlich mit ins Kreuzfeuer befördert.

Abermals wurde Cimino verteufelt, abermals provoziert er es (diesmal vielleicht bewusster) ein Stück weit selbst. Das chinesische Volk würde dämonisiert werden, sein Protagonist sei eine Glorifizierung für Fremdenhass und Frauenfeindlichkeit. Beides stimmt nicht. Dämonisiert werden hier nur reale Umstände, unter eben diese hier angeblich angegriffenen Menschen zu leiden haben. Niemals werden alle über einen Kamm geschoren, außer man will es zwanghaft so interpretieren. Dass Stanley White ein verbittertes Arschloch ist, darüber muss gar nicht diskutiert werden. Nur werden seine Methoden jemals gerechtfertigt? Im Gegenteil, und genau damit trifft Michael Cimino (wieder) einen extrem unangenehmen, wahrhaften Punkt. Der Selbsthass und die Intoleranz von Stanley gehen so weit, das er seinen eigenen Migrationshintergrund verleugnet, seinen Geburtsnamen ablegte. Er will das Richtige, nur zieht sich selbst, alles und jeden um sich herum rücksichtlos mit in den Abgrund, koste es was es wolle. Nicht in direkter Absicht, doch seine selbstzerstörerische, konsequente Natur lässt nichts anderes zu. Von einer Gutheißung dieser Mittel distanziert sich der Film mehrfach sogar direkt, lässt immer wieder die Stimme der Vernunft durch die wenigen, wirklich guten Menschen in diesem schmutzigen Krieg erklingen. Dass sie nicht auf Gehör stößt, ist nicht Aufgabe des Films. Er soll gerade zeigen, wie hoffnungslos dieser Kampf gegen Windmühlen ist.

Den Sehgewohnheiten wird vor den Kopf gestoßen. Eine ehrliche Identifikation mit dem auserkorenen Helden ist kaum möglich, zu sehr liefert er unweigerliche Reibungspunkte, könnte sogar waschechte Antipathien hervorrufen. Kein Platz für Schwarz und Weiß, nur abgestufte  Grautöne. Darauf läuft alles hinaus. Gut und Böse sind nicht immer totale Gegensätze, manchmal nur unterschiedliche, sich rivalisierende Seiten. Michael Cimino zelebriert mit Im Jahr des Drachen eine schonungslose, wie gewohnt exorbitant aufwändig inszenierte Oper der Gewalt, die sich nicht durch falschen verklärenden Konsens in Sicherheit wägt. Es ist wuchtig, hässlich und verstörend in seinem Inhalt, ästhetisch und umwerfend in seiner detaillierten Präsentation (und das nach der Vorgeschichte). Ein Comeback nach Maß, nur (leider) nicht mit der verdienten Nachhaltigkeit.

Fazit

Das Ende ist nur ein weiterer Neuanfang. Noch bevor die Toten begraben sind, wachsen der enthaupteten Hydra mindestens zwei neue Köpfe. Egal, was auf dem Schlachtfeld für Einzelschicksale besiegelt wurden. Mit was für einem brachialen, aber auf Tatsachen beruhenden Zynismus Cimino sein (mal wieder) unterbewertetes Meisterwerk beschließt, ist weit weg von Hollywood-Romantik. Er bringt den Reis zum Überkochen…und setzt danach ganz entspannt neuen auf. So läuft das. Ob man es mag oder nicht spielt keine Rolle, es ist die Realität. Die bei Cimino oft deutlicher zu sehen war, als es einem lieb ist.

Autor: Jacko Kunze

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