{{ tweet.login }}

{{{ tweet.body | format }}}

Wird geladen...

×
×

Erwähnungen

×

Benachrichtigungen

Inhalt

Anfang der 70er Jahre. Die junge Michaela Klingler verlässt ihr streng katholisches Elternhaus, um ein Studium zu beginnen. Glücklich genießt sie die ersten Schritte in der neuen Freiheit. Doch Michaela wird von ihrer Vergangenheit eingeholt: Sie hat immer öfter mit Wahnvorstellungen zu kämpfen, hört Stimmen und glaubt, von Dämonen besessen zu sein. Schließlich begibt sich Michaela in die Obhut eines jungen Priesters und stimmt einem Exorzismus zu...

  • Sojzrfvlja1hrz1dholr5jofv27
  • 8al4bkmyqjbxqmhstfh21azei9z

Kritik

In der schwäbischen Provinz, irgendwo in der Nähe des nicht minder provinziell erscheinenden Tübingen, scheint die Welt schon lange nicht mehr in Ordnung zu sein. Um diesen Eindruck zu erwecken, benötigt Hans-Christian Schmid (Crazy) nur wenige Aufnahmen der Interaktionen zwischen der 21-jährigen Michaela (Sandra Hüller, Toni Erdmann) und ihren Eltern Karl (Burghart Klaußner, Das weisse Band – Eine deutsche Kindergeschichte) und Mariannae (Imogen Kogge, Nachtgestalten). Herzenswärme hat Michaela hier schon lange nicht mehr erfahren, vor allem von ihrer Mutter nicht, die einen Anflug an Zuneigung höchstens der jüngsten Tochter Helga (Friederike Adolph) zuteil werden lässt. Woher diese innerfamiliäre Kälte rührt? Höchstwahrscheinlich, so mutet es jedenfalls an, aus dem strengen Moral- wie Verhaltenskodex des erzkatholischen Glaubens, unter dessen Flagge Familie Klingler ihr Dasein fristet.

Der Alltag im Kreise der Familie ist methodisch ausgerichtet und wird von religiösen Exerzitien und Sakramenten diktiert. Die Klinglers erscheinen wie evangelikale Archetypen aus dem süddeutschen Hinterland. Ein Flecken Erde, um den die Gegenwart einen großen Bogen gemacht hat, eben weil hier Ideale aufrechterhalten werden, die offenkundig nicht mehr zeitgemäß sind. Dass Hans-Christian Schmid sich mit seinem weitreichend gefeierten Requiem auf den wahren Fall der Anneliese Michel bezieht, einem jungen Mädchen aus Leiblfing, die 1976 an extremer Unterernährung starb, nachdem zwei römisch-katholischer Priester an ihr 67-mal den großen Exorzismus vollzogen hatten. Dass man ob dieser Information gerne die Augen verdrehen möchte, nachdem das Kino- und Direct-to-DVD-Programm inzwischen vom grobschlächtigen Besessenheitshorror regelrecht verstopft scheint, mutet nachvollziehbar an, ist hinsichtlich der Inszenierung und Narration von Requiem vollkommen unangebracht.

Ja, die Geschichte besitzt einen wahren Kern, doch Handlungen und Figuren sind vollkommen frei erfunden, was dem Zuschauer eine Texttafel zu Beginn erklärt. Als Zuschauer möchte man sich nun fragen, wo der Wahrheitsgehalt der Geschichte denn dann nun eigentlich liegt? Die Antwort darauf liefert Hans-Christian Schmidt eindrücklich und eindringlich: Überall. In jeder Fotografie. In jeder Einstellung. Requiem ist kein Der Exorzismus der Emily Rose, sondern ein subtiles Seelendrama, welches sich mit dem zerrissenen Wesen seiner Hauptdarstellerin beschäftigt, aber niemals den Fehler begeht, die Dämonen aus ihrer Sicht einzufangen. Der Blick Schmidts ist ein rationaler, ein nüchterner – und deswegen ein ebenso subkutaner und nachhaltiger. In tristem, grau-grün gehaltenem Naturalismus verfolgen wie Michaela dabei, wie sie versucht, einen Fuß in die Welt außerhalb ihrer Elternhauses zu legen, ihrer die Realität kontinuierlich verklärenden Sozialisation aber nicht mehr entfliehen kann.

Die streng-religiöse, ja, unbeweglich-fundamentalistische Erziehung der Eltern hat sich in das innere Wesen Michaelas eingebrannt. Und genau deswegen ist sie unfähig, ihre Epilepsie, ihre psychischen Auffälligkeiten, ihre physischen Ausfälle, in den Kontext einer rein irdischen Erkrankung zu setzen. Bei der Geisteskrankheit, unter der Michaela leidet, muss es sich natürlich um einen Dämon handeln, medizinische Abhilfe erscheint da geradezu lächerlich. Wie Hans-Christian-Schmidt die Gefahren religiöser Besessenheit an die Oberfläche trägt, ohne sich jemals in plakativen Momente zu verlaufen, zeugt von der Intelligenz und Weitsicht des Regisseurs. Beinahe noch brillanter ist allerdings der Umstand, wie Requiem es gelingt, sich nach und nach zur Antithese des Horrorfilms aufzuschwingen und konsequent an jedem Genre-Regelwerk vorbeierzählt. Alles, was dem Genre selbst zuträglich sein könnte, wird in einer gnadenlosen Nüchternheit ausgeblendet, bis nur noch das exzellent gespielte Sterbeamt einer jungen Frau bleibt, die ärztliche Unterstützung nicht in Anspruch nehmen kann, weil sie es ihr so beigebracht wurde.

Fazit

Ein beeindruckendes Stück deutscher Filmkultur. Nicht nur führt Hans-Christian Schmidt Sandra Hüller zur schauspielerischen Meisterleistung, er inszeniert auch einen Film über die Gefahren von religiösem Fundamentalismus und destilliert daraus eine regelrechte Antithese zum herkömmlichen Exorzismus-Horrorfilm. Eigentlich schon jetzt ein Klassiker des deutschen Films, die Menschen müssten es nur endlich einsehen (respektive ihm überhaupt eine Chance geben).

Autor: Pascal Reis

Wird geladen...

×