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Eine Gruppe junger Terroristen plant Bombenattentate an verschiedenen Plätzen mitten in Paris. 

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Kritik

Wie Phantome gleiten die Protagonisten in Bertrand Bonellos (Haus der Sünde) Nocturama fast schon unsichtbar durch Paris. Während sie für kurze Zeit in einer U-Bahn zur Ruhe kommen, über die Straßen der französischen Hauptstadt laufen oder ihr Weg in Gebäudekomplexe führt, ist den Bewegungen dieser jungen Menschen eine ebenso unscheinbare Ruhe wie nervöse Koordination eingeschrieben, die früh darauf hinweist, dass ihr anfangs voneinander isoliert wirkendes Verhalten einem höheren Ziel folgt.

Dieses Ziel enthüllt der Regisseur in seinem ganzen Ausmaß erst spät, wenn fast die gesamte erste Hälfte des Films bereits verstrichen ist, doch schon zuvor ergibt sich durch kleine, präzise eingestreute Details langsam ein klares Bild, vor dessen finaler Enthüllung immer stärkere Unruhe und Spekulation aufkommt. Nachdem zum ersten Mal hochexplosiver Sprengstoff an der gemeinsamen Tischrunde herumgereicht wird, entpuppt sich die Gruppierung aus scheinbar willkürlich zusammengewürfelten, geschätzt 17-25-Jährigen endgültig als terroristisch motiviertes Kollektiv, das einen minutiös konstruierten Plan verfolgt, um Paris offensichtlich in Angst und Schrecken zu versetzen.

Mit seiner Thematik bohrt Bonello den Finger in eine der schmerzhaftesten Wunden des aktuellen Zeitgeschehens und begibt sich außerdem an einen Schauplatz, der aufgrund seiner Nähe zu realen Anschlägen wie von selbst zu alarmierenden Schutzmechanismen führt. Indem er unentwegt lauernde Paranoia, bedrohliche Warnzeichen und auffälliges Verhalten jedoch auf ein minimalistisches Mindestmaß zurückschraubt, setzt der Regisseur eine provokativ entschleunigte Symphonie aus glänzend gefilmten Einzelszenen in Gang, die unaufhaltsam und doch mit quälender Gewissheit auf einen unvermeidlichen Höhepunkt zusteuert.

An konkreten Motiven sowie umfassender Charakterisierung mangelt es dem Film dabei ganz bewusst. Bonello verleiht seinen Figuren klare Gesichter verhältnismäßiger junger Menschen, doch was sich hinter diesen befindet, lässt sich trotz vereinzelter Ausdrücke nur deuten und nie mit Gewissheit festlegen. Mit distanzierter Eiseskälte formt er die unscheinbaren Frauen und Männer, die auf der Schwelle zwischen naivem, unsicheren Leichtsinn eines jugendlichen Heranreifens und einer festen Entschlossenheit der Erwachsenenwelt stehen, zu gefährlichen Attentätern. Die wenigen Worte, die von den Protagonisten mit einer scheuen Zurückhaltung ausgesprochen werden, als geschähe dies unter Zwang, führen in diesem Zusammenhang zu einer bisweilen verstörenden Stille, die selbst nach der Explosion der Bomben erschreckend schnell zurückkehrt.

In der zweiten Hälfte treibt der Regisseur sein dramaturgisch ohnehin unkonventionelles Werk noch weiter in eine nach innen gekehrte Richtung, wenn sich die Gruppe nach dem erfolgten Anschlag in einem verlassenen Kaufhaus einquartiert. Wo sich George A. Romero (Die Nacht der lebenden Toten) in seinem stilbildenden Horror-Klassiker Zombie - Dawn of the Dead aus dem Jahr 1978 noch dazu hinreißen ließ, die isolierte Menschheit auf ihr zombifiziertes, konsumgieriges Ebenbild prallen zu lassen, werden die jungen Erwachsenen in Nocturama mit dem konfrontiert, was ihr glattes, oberflächliches Erscheinungsbild am treffendsten widerspiegelt. 

Zwischen leblosen Schaufensterpuppen, luxuriösen Gegenständen, leeren Betten, gemütlichen Sofas und delikaten Lebensmitteln versinken die Gruppenmitglieder in ihrer eigenen Leere. Die aufkeimende Ungewissheit über die Folgen ihrer Tat vermischt sich zunehmend mit dem dumpfen Gefühl der Verwirrung über die eigentliche Motivation, wobei Bonello surreale Halluzinationen, moderne Hits, irrationales Handeln und betretenes Schweigen nutzt, um inmitten des weitestgehend ruhigen Szenarios eine ganz eigene Form des apokalyptischen Wahns zu entfachen. 

Wenn das Echo von Songs wie Willow Smiths (Madagascar 2Whip My Hair oder Chief Keefs I Don’t Like durch die Gänge hallt, scheint der Film unlängst einen direkten Abstecher in die sinnentleerte, von äußeren Stimulanzen zerfressene Psyche der Figuren unternommen zu haben, die im grandiosen Finale zur gnadenlosen Erschütterung gebracht wird. Wie in einer Endlosschleife spult der Regisseur drastische Momente wieder und wieder aus einer neuen Perspektive ab, bis nichts übrig bleibt als verzweifelte Hilferufe sowie alles verschlingende Flammen in den Tiefen des Seeleninfernos.

Fazit

Bertrand Bonellos ungewöhnliche Mischung aus distanzierter Charakterstudie und detailliertem Terrorismus-Thriller ist von Anfang an offen gegen sämtliche Konventionen erwartbarer Klischees gebürstet. „Nocturama“ fasziniert viel mehr durch eine ausgefeilte Inszenierung, durch die der Regisseur seiner zeitgemäßen Thematik einen überraschend subtilen Anstrich verleiht, der sich atmosphärisch immer stärker verdichtet und schließlich in die kaputte Psyche der Figuren vordringt, um dort in einem eindringlichen Finale endgültig chaotische Unruhe zu stiften.

Autor: Patrick Reinbott

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