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Inhalt

Vito Juvara, der junge Stellvertreter eines sizilianischen Mafiabosses, hat sich die 15jährige, aus ärmlichsten Arbeiterverhältnissen stammende Francesca als Braut auserwählt. Zunächst ist das Mädchen angezogen von den Avancen, wiedersetzt sich aber schnell den Besitzansprüchen des brutalen Verbrechers. Als sie die Verlobung auflöst, hat das weitreichende, fatale Konsequenzen.

Kritik

Kurz vor seiner (taktischen) Inhaftierung gibt Don Antonino den Staffelstab nicht nur symbolisch weiter an den jungen, ehrgeizigen und nachweißlich loyalen Platzhalter Vito (mit stahlblauem Röntgenblick: Alessio Orano, Lisa und der Teufel), sondern ihm gleich noch einen guten Ratschlag mit auf den Weg: Familie & Arbeit seien das unumgängliche Fundament, um es in den Kreisen der Cosa Nostra zu etwas zu bringen. Ein Mädchen mit gutem Ruf aus niederen Kreisen sollte es im Idealfall sein, denn die sind unkompliziert, vorzeig-, dank- und formbar. Gesagt, getan. So macht Vito der erst 15jährigen Francesca (bei ihrem Leinwanddebüt tatsächlich erst 15, kaum zu glauben: Ornella Muti, Flash Gordon) den Hof. Vergrault mit Nachdruck den eigentlich auserkorenen Verlobten/Cousin und kann bei dem Mädchen aus einer bettelarmen, nach einem Erdbeben in einer Notunterkunft untergebracht und mit karger Landwirtschaft mehr schlecht als recht überlebensfähigen Familie anfangs durchaus Eindruck schinden. Er, der weltmännisch-selbstbewusst auftretende Kerl mit Geld und dem Respekt (= Furcht) der gesamten Gemeinde im Rücken interessiert sich für sie.

Ein Kind, das maximal äußerlich die Formen einer Frau angenommen hat, wird urplötzlich zur Prinzessin des neuen Kronprinzen. Ein modernes, sizilianisches Anti-Märchen ohne „Wenn sie nicht gestorben sind“ und Happy End, dafür steht Regisseur & Autor Damiano Damiani (Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert) schon allein mit seinem klangvollem Namen und einer Vita, geprägt von ungeschönt-realistischen Justiz-, Mafia- und Sozialdramen, die sich nie so recht als reine Genrearbeiten katalogisieren lassen. Fast alle seine Arbeiten beschäftigen sich mit sozialen und gesellschaftlichen Missständen, meist schmerzlich-zeitaktuell und verpackt in Form eines Thrillers (oder Westerns), was eigentlich nur als Gerüst dient, um eine brisante Diskussion über wirklich relevante Themen an zu schubsen. Den Finger in die Wunde zu legen und obwohl Die schönste Frau – Recht und Leidenschaft (auch das ist Damiani: Der deutsche Titel klingt etwas umständlich) sicher auch im Mafia-Milieu angesiedelt ist und nicht nur zu einem geringen Teil als authentischer, sogar wichtiger Beitrag zu diesem Sub-Genre angesehen werden muss, den Kern der Handlung bildet eigentlich ein feministisch-geprägtes Klagelied über soziale „Gepflogenheiten“, die mittelalterlich erscheinen, aber im (nicht nur provinziellen) Sizilien der 70er Jahre offenbar noch gang und gäbe sind. Und wahrscheinlich nicht nur dort und nicht nur damals.

Weil sich eine junge Frau – genau genommen noch ein Kind (!) – nicht mit der ihr selbstverständlich zugewiesenen Rolle als Besitztum oder Handelsware arrangieren will, sondern nach anfänglich naiver Bauchpinselei tatsächlich ihren eigenen Willen zum Ausdruck bringt und sich nicht auf ein gehorsames Objekt reduzieren lassen will, erzeugt sie zunächst nur einen als unbedeutend belächelten Sturm im Wasserglas, der sich aufgrund ihrer charakterlichen Integrität und unerschütterlichen Furchtlosigkeit zu einem Orkan hochschaukelt, der bis dahin stillschweigen akzeptierte Grundsatzfragen neu stellt. Unterlegt mit einem nervösen Mundtrommel-Score von Ennio Morricone (arrangiert von Bruno Nicolai, da treffen zwei Giganten ihres Faches aufeinander) entwickelt der Plot sich ähnlich emanzipiert und mutig wie seine Protagonistin (von der blutjungen Ornella Muti – passend zum Gesamtpaket - gleichzeitig hinreißend wie beeindruckend verkörpert) von der Damiani-typischen Justiz-Versagen-Schelte hin zu einem wahren Kraftakt weiblicher Stärke, der sich nicht nur über alle gängigen Rollenmuster hinwegstemmt , sondern gleichzeitig auch einer moralische Standhaftigkeit huldigt, ohne sie mit falschem Pathos als wirklich bewundernswert und glaubhaft transportiert.

Wenn die betont volksnahen Mafiosi die Ärmsten der Armen mit ihren milden Gaben in Schutzhaft nehmen, um ihre riskante Drecksarbeit zu erledigen. Exekutionen auf offener Straße als notwendiges Übel akzeptiert werden und – wie es Francesca’s Vater sagt – „Die Armen nichts machen können“ angesichts der Entführung, Vergewaltigung und sogar einer anschließend doppelt-pervers anmutenden „Verlobungsfeier“ mit ihnen als erniedrigten Ehrengäste, dann tritt dieser Bankrotterklärung eines jedem Rechtsstaates ein mutiges Mädchen gegenüber, dessen Vorpreschen gar die eigentlichen Gesetzeshüter überrumpelt. Damiano Damiani schildert sizilianische Normalität als ein erschreckendes, aber niemals unglaubwürdiges oder überspitztes Armutszeugnis einer angeblich modernen Gesellschaft, in der Kriminalität, männliche Dominanz und existenzielle Furcht eine viel größere Rolle spielen, als es außerhalb dieser in der Zeit stehen gebliebenen Sub-Kultur jemand glauben möchte, der nicht direkt davon betroffen ist.

Fazit

„Die schönste Frau – Recht und Leidenschaft“ ist eine intensive, clever vorgetragene und mitreißende Milieu- wie Gesellschaftsstudie, die ohne schmuckvolles Mafia-Chichi sowohl Genre-Ansprüche wie auch wirklich relevante, real-übertragbare Themen angemessen und qualitativ hochwertig umzusetzen weiß. Damiano Damiani ist einer der wenigen Filmemacher, die ein Sub-Genre – oder eher eine grundsätzliche Kohärenz, die wie ein eigenes Genre anmutet  - so einzigartig geprägt hat, dass es erstaunlich ist, wie selten sein Name im Großen und Ganzen in der zweiten bis eher dritten Reihe verschwindet. Moderner, wichtiger ist (Genre-)Kino heutzutage keinesfalls, da kommen nur „Gomorrha – Reise ins Reich der Camorra“ und sein legitimer Nachfolger „Suburra“ mit. Alles andere ist gut gemeint…oder von Damiano Damiani.

Autor: Jacko Kunze

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