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Die psychisch instabile Ingrid Thorburn sieht in der Bloggerin Taylor Sloane die Verkörperung all dessen, was sie gern sein würde. Ingrid beginnt das öffentliche Leben ihres Vorbildes zu verfolgen, bis sie eines Tages beschließt, sich persönlich mit Taylor anzufreunden. Das ist allerdings ein Plan, der aus dem Ruder läuft, denn Ingrids anfängliche Bewunderung schlägt schnell in gefährliche Besessenheit um. 

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Kritik

Ein doppeltes Antippen mit dem Finger genügt, um einen Post auf Instagram zu liken. In diesem Zusammenhang erscheint es fast schon absurd, dass eine derart simple Geste, die ungefähr eine Sekunde Zeit in Anspruch nimmt, von dem sozialen Netzwerk umgehend in ein Herz verwandelt wird. Dieses Symbol, das in der Regel mit dem tief empfundenen, über längere Zeit entwickelten Gefühl der Liebe in Verbindung gebracht wird, ist im Zeitalter von Social Media und dem unbedingten Bedürfnis nach Anerkennung inmitten der gefühlt grenzenlosen Konnektivität des Internets somit längst zur Währung verkommen. In der Welt von Matt Spicers Regiedebüt Ingrid Goes West, die gleichzeitig unserer wirklichen Welt entspricht, ist diese Währung, die sich durch ein Like ausdrücken lässt, das bedeutendste Zahlungsmittel für die Protagonistin. 

Sichtlich teilnahmslos und doch wie eine Abhängige doppelklickt sich Ingrid Thorburn zu Beginn des Films durch ein gepostetes Instagram-Foto nach dem anderen, um den Frauen, der sie auf der Online-Plattform folgt, ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Ingrid betrachtet die Personen hinter den Profilen nicht mehr nur wie herkömmliche Menschen, die einem jederzeit auf der Straße begegnen könnten, sondern wie höhergestellte Lebensformen, denen die junge Frau so nah wie möglich kommen will. Rational scheint sie allerdings schon lange nicht mehr handeln zu können und so zeigt der Regisseur die Hauptfigur nach einem schmerzhaften Zwischenfall, bei dem eine Ladung Pfefferspray zum Einsatz kommt, als psychisch labile Persönlichkeit, die aufgrund ihrer instabilen Verfassung unter Medikamente gesetzt wird. 

Bereits mit diesen anfänglichen Szenen legt Spicer die grundlegenden Themen seines Werks offen. In Ingrid Goes West setzt sich der Regisseur mit Celebrity-Obsession, Gefahren des Personenkults sowie den Mechanismen moderner Social-Media-Technologien auseinander. Gerade Letzteres wird zum Schlüsselelement dieses Films, der ebenso treffsicher wie drastisch aufzeigt, wie den Nutzern größtmögliche Nähe zu ihren Idolen vorgetäuscht wird, während naive Träume und hohe Erwartungen bei einer realen Begegnung plötzlich wie Seifenblasen zerplatzen würden. Auch Ingrid ist nach ihrem anfänglichen Erlebnis, das sie in den Augen ihres näheren Umfelds als psychopathische Stalkerin gebrandmarkt hat, weiterhin fieberhaft auf der Jagd nach einer Seelenverwandten, die sie sich mithilfe des Nachstellens sowie Nacheiferns zahlreicher Instagram-Posts ganz einfach selbst erschafft. 

Mit dem recht üppigen finanziellen Nachlass, den sie von ihrer kürzlich verstorbenen Mutter geerbt hat, reist Ingrid nach Venice. Dort wohnt Taylor Sloane, die durch das stilvolle Bewerben von Markenprodukten als angesagte Influencerin mit beachtlicher Reichweite geschätzt wird. Durch ihr strahlendes Auftreten und die ästhetisch auf Hochglanz polierten Bilder sowie kurzen Videos vermittelt Taylor den Eindruck eines perfekten Lebens mit makellosen Oberflächen, dem neben unzähligen Nutzern auch Ingrid schnell verfallen ist. Die Versuche der Protagonistin, in Venice auf ihr großes Idol zu treffen und eine Freundschaft mit Taylor zu schließen, inszeniert Spicer durch die gelungene Vermischung leichter Fremdschäm-Momente und bissiger Verwicklungen als schwarze Komödie, die immer stärker in noch dunklere Gefilde abzurutschen droht. 

Als es Ingrid mithilfe einer gezielten Manipulation gelingt, ein freundschaftliches Verhältnis zu Taylor und ihrem Künstler-Ehemann Ezra aufzubauen, pendelt Ingrid Goes West fortlaufend zwischen einer treffsicheren Zeitgeist-Satire, in der künstlich aufrechterhaltene Fassaden, verzweifelte Notlügen und illusionäre Vorstellungen zur sicheren Katastrophe führen, und einem einfühlsamen Drama, das seine Figuren nicht nur vorführt, sondern genauso ernst nimmt. Aubrey Plaza (Life After Beth), die vermutlich noch nie besser gespielt hat als hier, verleiht ihrer unberechenbaren, ständig zwischen unterschiedlichsten Stimmungslagen schwankenden Hauptfigur dabei ebenso bizarre Wesenszüge wie einen überaus tragischen Kern. Durch diesen entpuppt sich Ingrid schließlich als einsame, verletzte Frau, die in ihrer tiefen Verzweiflung nur nach jemandem sucht, bei dem sie ihr eigenes Dasein vergessen und sich wieder verstanden fühlen darf. Als genauso geglückte Besetzung erweist sich Elizabeth Olsen (Wind River), die in der Rolle von Taylor Sloane zunächst typische Ideale der glatten, oberflächlichen Social-Media-Prominenz verkörpert, bis auch bei ihrer Figur irgendwann die Maske fällt.

Fazit

Als präzises, unterhaltsames und zugleich erschütterndes Porträt einer Internet-Kultur, die der Regisseur als giftigen Albtraum der labilen, aufmerksamkeitssüchtigen sowie mitunter bedauernswerten Menschen hinter den Nutzerprofilen interpretiert, möchte man „Ingrid Goes West“ spätestens nach seiner eindringlichen Schlusspointe, die mit vergnüglicher Boshaftigkeit im Gedächtnis bleiben wird, sein Herz schenken. Am besten per Doppelklick, dann direkt weiter zum nächsten Post.

Autor: Patrick Reinbott

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