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Von seiner Mutter rückhaltlos unterstützt, macht sich der geistig ein wenig zurückgebliebene Forrest Gump in die Welt auf. Er bringt Elvis seinen Tanzstil bei, findet in der jungen Jenny eine echte Freundin, wird aufgrund seines Laufvermögens ein Football-Star, steht im Vietnamkrieg seinen Mann, rettet seinen Vorgesetzten Dan Taylor vor dem sicheren Tod und wird schließlich im Shrimps-Business zum Millionär. Doch all die Zeit kann er seine große Liebe Jenny nicht vergessen.

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Kritik

"Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen: Man weiß nie, was man bekommt."

Da gibt es einen Jungen, irgendwo in den Südstaaten. Seine Beine sind stark, doch sein Rückgrat gleicht dem eines Politikers. Beinschienen muss er tragen, was ihn nicht stört, hat ihm seine Mutter (Sally Field, Mrs. Doubtfire - Das stachelige Kindermädchen) doch erklärt, dass es nicht in Gottes Sinne ist, alle Menschen gleichzuschalten, würde sie sonst doch wohl alle Beinschienen tragen müssen. Dass dieser Junge nicht nur ein unverkennbares Wirbelsäulenleiden mit sich trägt, was ihm zum Ziel jugendlicher Aggressionen macht, sondern auch einen Intelligenzquotient vorzuweisen hat, der nicht einmal im Durchschnittsbereich anzufinden ist, macht ihm ebenfalls zu keiner Zeit zu schaffen, denn: Forrest Gump (Tom Hanks, Der Soldat James Ryan) verfügt über eine Naivität, die ihn davor bewahrt, sich seinem Dasein als minderbemittelter Dümmling bewusst zu werden.

Seine Beinschienen wird er, angesichts erwähnter jugendlicher Aggressionen, noch verlieren, nachdem er Elvis Presley zu einigen ausgefallenen Tanzbewegen inspirieren konnte. Vielmehr: Forrest Gump wird durch den Film sprinten, schneller, als alle anderen. Er wird Marathons hinter sich bringen, von einem Ozean zum anderen, von Bundesstaat zu Bundesstaat. Warum er läuft, unzählige Meilen im vierstelligen Bereich, weiß er selber nicht. Seine Naivität nämlich bewahrt ihn auch in diesem Fall davor, sich seinem Handlungen und Motivationen bewusst zu werden. Forrest läuft, weil ihm das Schicksal die Möglichkeit dazu gegeben hat - mehr braucht es nicht. Tatsächlich zieht sich diese Marschroute durch den gesamten, auf dem gleichnamigen Roman von Winston Groom basierenden Film: Forrest tut Dinge, weil er es kann. Er tätigt Handgriffe, weil sie ihm aufgetragen werden.

Und wenn das kein subversiver Ansatz ist, eine (fiktive) Biographie auf die Leinwände zu bannen, die sich (oberflächlich) so überdeutlich an den Statuten des traditionellen Erzählkinos respektive des Entwicklungsromans abarbeitet, was dann? Forrest Gump reift über die Jahre zum Volkshelden: Er wird aufgrund seiner Schnelligkeit zum Starspieler des College-Footballs, durch seinen Vietnam-Einsatz wächst er zum hochdekorierten Kriegsveteranen heran, als Pingpong-Nationalspieler wie Inhaber eines Shrimp-Imperiums darf er sich gleichwohl verdient machen. Das alles vollbringt er, ohne einen Funken intrinsischer Überzeugung. Forrest Gump besitzt also einen Hauptakteur, der ohne erkennbare Ideale agiert. Stattdessen scheint ihm das Schicksal, jenseits der kognitiven Einschränkungen, äußerst gewogen zu sein. Nun ja, fast, denn die Liebe seiner Jugendfreundin Jenny (Robin Wright, House of Cards) will ihm nicht in den Schoß fallen.

Im Herzen offenbart sich Forrest Gump als Film der Dissonanzen. Er oszilliert beständig zwischen den Tonalitäten und scheint dem Zuschauer die Frage nach der eigenen Identität fortwährend zu offerieren: Als beeindruckende Lebensgeschichte, die von einem historischen Schlüsselmoment zum nächsten springt, präsentiert sich Forrest Gump als fleischgewordener American Dream und weist dabei eine erzkonservative Moralität auf, die ihm jedwede Reputation aberkennen müsste. Robert Zemeckis (Zurück in die Zukunft) aber scheint sich über das satirische Potenzial als Gegenstand der Narration im Klaren zu sein und erlaubt eine weitere Lesart: Ist Forrest Gump nicht auch die zynische Abrechnung mit einem Land, in dem die hohlsten Nüsse den größten Gewinn machen? Amüsiert man sich hier nicht auch über all die uramerikanischen Erziehungsideale, in dem man sie in einem exorbitanten Ausmaß schicksalhafter Begünstigung auflöst.

Der selbstverständliche Nationalstolz jedenfalls findet seinen Ausdruck innerhalb reiner Glückssache. Forrest Gump, eine affektive und impulsive Persönlichkeit, der jegliches Talent zur (Selbst-)Reflexion verwehrt bleiben soll, füttert sein Konto mit mehreren Millionen US-Dollar, schüttelt drei verschiedenen Präsidenten die Hand und bereichert gleichwohl die Existenzen seines sozialen Umfeldes, weil er sich, natürlich gänzlich unbewusst, auf seine entwaffnende Dummheit verlassen kann. Und genau wegen seines schlichten Gemüts gewinnen Binsenweisheiten an Gewicht, sie werden zu profunden Erfahrungen, ist Forrest doch nicht in der Lage, sie auf ihren banalen Glückskekscharakter abzutasten. Ähnlich Emotionen, die verfließen, versucht man sie erst zu greifen. Das Leben ist wie eine Feder im Wind, mal wird sie durch eine Böe in luftige Höhen hinauf gerissen, um ihm nächsten Moment wieder selig dem Erdboden entgegen zu schweben.

Fazit

Man kann "Forrest Gump" sicher vorwerfen, reaktionäres Kino zu präsentieren, in dem im Zuge einer beeindruckenden Lebensgeschichte uramerikanische Werte glorifiziert werden. Jedoch sollte man das satirische Potenzial nicht unterschätzen, mit dem Robert Zemeckis hier operiert. Darüber hinaus erweist sich die mit Auszeichnungen überschüttete Romanadaption aber als hinreißendes Musterbeispiel für die Strahlkraft der Traumfabrik Hollywood: "Forrest Gump" ist formidables, durch und durch immersives Erzählkino, auf welche Lesart man sich auch immer berufen möchte. Ein Klassiker von blütenreiner, überzeitlicher Schönheit.

Autor: Pascal Reis

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