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Quelle: themoviedb.org

Inhalt

Im München des Jahres 1955 lernt der Sportreporter Robert Krohn die attraktive Veronika Voss kennen, einen ehemaligen UFA-Star. Robert wird der Geliebte der rätselhaften Frau und versucht das Geheimnis ihres Lebens zu entwirren.

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Quelle: themoviedb.org

Kritik

Mit der Eröffnung seiner BRD-Trilogie, Die Ehe der Maria Braun, hat sich Rainer Werner Fassbinder (Welt am Draht) mit einer Nutznießerin des Wirtschaftswunders befasst. Maria Braun hatte das Glück, die Waffen einer Frau einzusetzen, um sich eine Karriere zu ermöglichen, die ohne das Massensterben von Millionen und Abermillionen nicht denkbar gewesen wäre. Glücklich wird sie dennoch nicht. Die Sehnsucht der Veronika Voss, zweiter Teil jenes inoffiziellen Triptychons, in dem sich Fassbinder ganz explizit mit dem Befinden der jungen Bundesrepublik beschäftigt, verfolgt nun ein Opfer des Aufschwungs und nimmt in gewisser Weise die thematische Gegenposition zum Vorgänger ein, obgleich Die Ehe der Maria Braun und Die Sehnsucht des Veronika Voss gleichermaßen Werke über das rigorose Scheitern an sich und der Welt darstellen.

Dreh- und Angelpunkt ist hier nun der ehemalige UFA-Star Veronika Voss (Rosel Zech, Die Zärtlichkeit der Wölfe), die vor dem zweiten Weltkrieg zu den schillernden Größen der Schauspielerei zählte, inzwischen allerdings keine Angebote mehr bekommt. Dass sich Die Sehnsucht der Veronika Voss lose an den letzten Lebensjahren der authentischen UFA-Schauspielerin Sybille Schmitz (Tagebuch einer Verlorenen) orientiert, ist kein Geheimnis. Fassbinders warmherziger Umgang mit der stetig verblassenden Voss ist auch eine Art Ehrerbietung für die an einer Überdosis Schlaftabletten verstorbene Schmitz, die Fassbinder Zeit seines Lebens zu seinen Lieblingsdarstellerinnen zählte. Eines der großen Probleme, warum es für Veronika Voss nicht mehr läuft, ist die Tatsache, dass sie eine Vergangenheit besitzt: Die Bewohner der Bundesrepublik können sie greifbar mit dem Vergangenen in Verbindung bringen.

Und das Deutschland der 1950er Jahre war an nichts mehr interessiert, als die Vergangenheit ruhen zu lassen. Nein, sie vollends aus dem eigenen Bewusstsein zu radieren. Man redete sich sogar ein, dass man durch das Verbrennen der NS-Akten endgültig entnazifiziert wurde und der Holocaust ein Ammenmärchen der Alliierten gewesen sei. Mitbekommen hat man schließlich nichts – und womöglich war das Gestern nur ein Traum, aus dem man endlich hat erwachen dürfen. Das Wirtschaftswunder floriert und floriert, die Menschen konnten sich ihre Arbeit aussuchen, konnten guten Geld verdienen und sich dadurch ein Labyrinth des Schweigens modellieren, in dem genau die Individuen nicht erwünscht sind, die noch immer eine Stimme besitzen. Veronika Voss ist eine zu grelle Persönlichkeit, als dass man ihr wirklich glauben könnte, sich anzupassen.

Ihr Fall scheint, gerade auch durch das damalige Protegieren mit Joseph Goebbels, die logische Konsequenz einer Zeitrechnung zu sein, die sich neu konfigurieren möchte. Die sich kontinuierlich weiterentwickeln will und all jenes abstreift, was nicht kompatibel mit der forcierten Zukunftsorientierung ist. Der Sportreporter Robert Krohn (Hilmar Thate, Der neunte Tag) sieht sich von einer ungreifbaren Faszination für Veronika Voss befallen. Dieser Frau, die so merkwürdig-realitätsentrückt ist, die im Prinzip nur um das Überleben kämpft, aber immer noch weiß, wie sie ihre Reize einzusetzen hat. Rainer Werner Fassbinder veranschaulicht mit Die Sehnsucht der Veronika Voss in erster Linie die Schwierigkeit, die eigene Bedeutungslosigkeit zu akzeptieren. Veronika funktioniert nicht mehr. Das weiß sie, aber kann es nicht wahrhaben. Wie auch? Wenn sie als Diva nicht mehr existiert, dann ist das ein Todesurteil. Willkommen im Brennglas der Geschichte.

Mit leisen Anklängen einer dem Film noir entliehenen Kriminalgeschichte, die sich, Fassbinder-typisch, wenig daran interessiert, Zugeständnisse an Genre-Mechanismen oder Stilismen zu bemühen, bleibt Die Sehnsucht der Veronika Voss eine sublime Charakter-Studie, die sich gleichermaßen auf den Zustand der noch in Kinderschuhen steckenden Bundesrepublik transferiert. Die Geißel der Gegenwart ist die Tatsache, eine Vergangenheit gehabt zu haben. Veronika Voss ist der Inbegriff dieser Vergangenheit. Sie will strahlen, leuchten, scheinen. Die Menschen sollen sich um sie reißen, sie begehren, ihr aus der Hand fressen. Die einzigen Sternchen, die hier allerdings noch funkeln, sind die Lichtreflexionen, die die Discokugel in die klinisch-weißen Räume wirft. Es ist eine Ära der Verwirrung und Verirrung, eine Ära des Lichts und des Schattens. Und jedem, der den eigenen Niedergang nicht anerkennt, wird nachgeholfen.

Fazit

Das bedrückende Porträt eines gefallenen UFA-Stars wird zum bedrückenden Porträt einer jungen Bundesrepublik, die sich nichts sehnlicher wünscht, als die Vergangenheit vollends zu verdrängen. Veronika Voss allerdings wird zum Sinnbild dieser Verdrängung. Immer wieder versucht sie sich ins Bewusstsein zurückzukämpfen – und doch ist ihr Kampf nur die Vorspiegelung einer bitteren Akzeptanz, nicht mehr erwünscht zu sein. Rainer Werner Fassbinder inszeniert das als Kriminalgeschichte, die sich wenig um Genre-Konventionen interessiert, stattdessen dringt er tief in das deutsche Volksempfinden ein.

Kritik: Pascal Reis

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