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Inhalt

Deutschland im Jahr 1943: Während eines Luftangriffs in einer deutschen Stadt heiratet Maria den Soldaten Hermann Braun; das Standesamt wird durch die Explosion einer Fliegerbombe zerstört. Hermann muss sofort wieder an die Front, und Maria ist auf sich allein gestellt. Nach Kriegsende nimmt sie ihr Schicksal in die eigene Hand. Die Nachricht, Hermann sei gefallen, veranlasst die mit ihrer Mutter und ihrem Großvater lebende Maria, als Bardame für den Lebensunterhalt der Familie zu sorgen. Sie beginnt eine Beziehung mit Bill, einem afroamerikanischen GI, der sich um sie kümmert und sie mit begehrten Gütern wie Nylonstrümpfen und Zigaretten versorgt. Marias Mann ist jedoch noch am Leben und kehrt aus der Kriegsgefangenschaft zurück.

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Kritik

Die Umstände, unter denen Die Ehe der Maria Braun verwirklicht wurde, sind in vielerlei Hinsicht eindrucksvoll. Mit Mühe und Not gelang es Rainer Werner Fassbinder (Katzelmacher), ein Budget in der Höhe von über 1,5 Millionen D-Mark zusammenzutragen. Natürlich wurden die vorgesehenen Produktionskosten während der Dreharbeiten überschritten und Fassbinders Laune, die dem Film von Beginn an bereits nicht sonderlich gewogen war, verfinsterte sich zusehends in streitsüchtige Gefilde. Tagsüber wurde gedreht, nachts hielt sich Fassbinder mit dem Konsum von chemischen Drogen wach, um das Drehbuch zu seinem Mammutprojekt, Berlin Alexanderplatz, fertigzustellen. Eigentlich sollte man ob dieser nicht gerade positiven Hintergründe doch glauben, Die Ehe der Maria Braun sei ein Debakel. Aber oftmals passiert Kunst genau dann, wenn man am wenigsten mit ihr rechnet.

Und wie könnte es im Prinzip, bei einem Namen wie Rainer Werner Fassbinder, auch anders sein: Natürlich ist Die Ehe der Maria Braun ein Kunstwerk – und womöglich ist es gleichwohl Fassbinders reifster Film. In jedem Fall zählt dieses Werk zu den größten Erfolgen des Querdenkers und brachte ihm, nach dem im Ausland ebenfalls äußerst rentablen Angst essen Seele auf, weiteres Ansehen auf dem internationalen Markt – selbst ein Francois Truffaut (Geraubte Küsse) äußerste sich seinerzeit voller Begeisterung. Vor allem ist es beeindruckend zu sehen, wie Fassbinder es schafft, den sogenannten Historienfilm auf ganz individuelle Art und Weise zu interpretieren (und transzendieren). Denn anstatt sich in der Geschichtsträchtigkeit der Materie zu verkapseln, dient das Historische einer Spiegelung der aktuellen Lage. Die Vergangenheit greift immerzu in die Gegenwart hinein.

Die Ehe der Maria Braun, Auftakt der inoffiziellen BRD-Trilogie, empfängt uns mit einem Porträt von Adolf Hitler und verabschiedet uns mit einem Porträt von Konrad Adenauer. Beide Aufnahmen sind gesäumt von Explosionen, Hitler wird von einem Bombenanschlag von der Wand gerissen, Adenauer wird von einem entzündeten Gasofen hofiert. Rainer Werner Fassbinder spannt eine Klammer des Verrats um seinen Film. Beide haben sie ihre politischen Ämter genutzt, um das Volk zu hintergehen. Und Die Ehe der Maria Braun ist ebenfalls ein Film des Verrats; eines schleichenden, subkutanen Verrats, der auf den Schultern einer sagenhaft agierenden Hanna Schygulla (Die bitteren Tränen der Petra von Kant) ausgetragen und ausgebadet wird. Angesiedelt im Nachkriegsdeutschland, schafft es Fassbinder die weibliche Perspektive zu wahren und sich gleichwohl vom kanonisierten Bild der Trümmerfrau zu distanzieren.

Wobei auch Maria Braun eine – auf allegorischer Ebene - Art Trümmerfrau darstellt, betrachtet man ihr in Scherben und Geröll zerschlagenes Innenleben. Nachdem sie glaubte, ihren Mann an den Frontdienst verloren zu haben, verabschiedet er sich kurze Zeit später aus Liebe zu seiner Frau in das Gefängnis. Maria, die ihren Mann liebt, sieht sich unerfüllten Sehnsüchten ausgesetzt, bandelt mit anderen Männern an und nutzt die Waffen einer Frau, um sich nach und nach einen ansehnlichen Gesellschaftsstatus zu erarbeiten (oder erschleichen?). Maria wird zu einer Nutznießerin des wirtschaftlichen Aufschwungs, welcher auf dem Massensterben von Millionen und Abermillionen basiert. Sie klettert die Karriereleiter – gefühlt – tagtäglich eine Sprosse höher, handelt dabei vordergründig aus einem uneigennützigen Vorwand und macht sich selber des Verrats schuldig: Sie verrät ihre privaten Gefühle.

Wie sie aber einmal zu ihrem Mann sagt, ist diese Zeit ohnehin eine äußerst schlechte für Gefühle. Schließlich bleiben diese, egal, wie man es dreht und wendet, unerfüllt. Und Rainer Werner Fassbinder, der in Die Ehe der Maria Braun nicht nur seine persönliche Filmsozialisation einfließen lässt (ein Douglas Sirk scheint einmal oftmals direkt entgegenzublicken), gestaltet seinen Historienfilm, der kein Historienfilm ist, auch als Reflexion über die Erzählmechanismen des Kinos, wenn er auf die Verdrängungsmechanismen seiner Protagonisten zu sprechen kommt. Im Halbschatten, im Verborgenen, zwischen Gitterstäben und hinter einem die Charakter versperrenden Mobiliar nämlich lauert oftmals eine Wahrheit, vor der sich nicht nur Filmemacher verschließen, sondern auch die involvierten Akteure, die vom Wandel, vom Aufbruch, vom Neuanfang sprechen, den Unterschied zwischen einem Bombenanschlag oder dem Donnern eines Presslufthammers jedoch nicht mehr auseinanderdividieren können.

Die Ehe der Maria Braun schildert den schwerwiegenden Konflikt zwischen Privat- und Berufsleben; zwischen innerseelischen Interessen und gesellschaftlichen Zwängen und legt somit nicht nur die Profilneurosen des Bürgertums offen. Hier ist das soziale Ansehen erst einmal belangvoller als die innere Beschaffenheit. Der Schein obsiegt über das Sein. Das Wirtschaftswunder bleibt eine Vorspiegelung von nationaler Gesundheit, letztlich ist dieses Nachkriegsdeutschland aber doch nicht in der Lage, den Krieg zu überstehen, wenn es sich schon Gedanken darüber macht, wie es den Frieden überleben soll. Bruchsteine, Scherben, Chaos. Auf den Straßen und in den Herzen. Das Wesen der Figur der Maria Braun lässt sich auf das allgemeine Befinden der gesamten Bundesrepublik projizieren: Oberflächlich mit sich im Reinen, innerlich aber ausgehöhlt und entkernt. Das Schicksal einer Frau, wird zum Schicksal eines Landes. Das Kino ist hier ganz bei sich selbst.

Fazit

Rainer Werner Fassbinder spannt eine Klammer des Verrats um sein (ungeliebtes) Werk und schickt eine berauschende Hanna Schygulla in den Kampf, mit diesem Verrat fertigzuwerden. "Die Ehe der Maria Braun" ist dabei ein Werk von mannigfacher Bedeutung: Ein Film über die erzählerisches Mechanismen des Kinos; ein Film über die Befindlichkeiten des Nachkriegsdeutschland; eine Spiegelung der Gegenwart und natürlich das melodramatische Porträt einer Frau, die doch eigentlich nur lieben will. Großartig.

Autor: Pascal Reis

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