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Die Prostituierte Kelly flieht vor ihrem Zuhälter und möchte sich in einer Kleinstadt ein neues Leben aufbauen. Doch auch wenn die Machthaber dort freundlich wirken, machen sie ihr deutlich, dass sie nicht erwünscht ist. Kelly kämpft um ihre Rechte, während hinter den Kulissen ganz andere Skandale abgewickelt werden.

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Kritik

What do your parents call you?“
- „They call me once a month. Everybody else calls me Marshmallow.

Es gab und gibt sie, diese Filmemacher, die stilsicher wichtige Streifen inszenieren, geschätzt wurden und werden und dennoch stets abseits des Mainstreams und den glänzenden Lichtern Hollywoods gedreht haben. John Cassavettes war so ein Regisseur, Abel Ferrara oder Harmony Korine fallen da ein. Samuel Fuller war ein Regisseur, der ebenfalls genannt werden muss. In den USA ist er nie über B-Produktionen hinausgekommen, doch gelang sein Werk vor allem auch durch die Würdigung der Köpfe der Nouvelle Vague in Frankreich zu mehr Aufmerksamkeit. Jean-Luc Godard (auf dessen Film Die Verachtung hier Bezug genommen wird und der Fuller nur ein Jahr später einen Gastauftritt verschafft) war ein besonderer Liebhaber der Fuller-Filme. Und während Polizei greift ein eindeutig dem Film Noir zuzuordnen ist, fällt die Kategorisierung bei Der nackte Kuss wesentlich schwieriger.

In den ersten Bildern drischt die Prostituierte Kelly (gespielt von Constance Towers, die auch in Fuller vorigem Film Schock-Korridor die Hauptrolle übernahm) auf die Kamera ein. Lebhafte Jazz-Musik erfüllt den Raum, der Zuhälter von Kelly kämpft mit ihr. Er reißt ihr die Perücke ab, entblößt ihre Glatze und sorgt dafür, dass Kelly noch gnadenloser zuschlägt, bis der Mann blutend auf dem Boden landet. Diese schnell geschnittenen Bilder der Gewalt erscheinen noch vor dem Vorspann. Kelly schlägt in die Kamera, durchbricht gewaltsam die Vierte Wand und dringt in die Welt des Zuschauers ein. Das hat dabei natürlich nicht nur einen Schauwert, sondern setzt den Zuschauer als Nutznießer Kellys mit dem Zuhälter gleich. Während des Vorspanns macht Kelly sich im Spiegel wieder zurecht; erneut durchbricht sie die Vierte Wand. Die Kamera ist diesmal der Spiegel, Fuller provoziert den Zuschauer. Erst konfrontiert er das Publikum, dann muss es hilflos zuschauen, wie Kelly ihren Sieg genießt.

Das mag abschreckend klingen, ist jedoch nur eine Hälfte der Wahrheit. So hat die Szene und die Art, wie sie gedreht wurde, noch weitere Bestandteile. Fuller etabliert die Protagonistin so als selbstbewusste, toughe Frau, die sich nicht degradieren lassen möchte. Gleichzeitig, durch die Scham durch das Reißen der Perücke, weiht der Regisseur uns in das Geheimnis der Hauptfigur ein; wir stecken quasi mit ihr unter einer Decke. Wir respektieren, dass sie für ihre Rechte kämpft, auch wenn sie keine strahlende Heldin ist. Dieser reißerische Beginn ist ein Weckruf par excellence, der das Publikum aus dem Trott des Alltags herausreißt und in den Film investiert. Fuller war nie zimperlich mit seinen Filmen und Zuschauern; dass sein Ziel aber nicht die Abschreckung, Belehrung, sondern die Besserung durch konstruktive Kritik ist, das macht er deutlich.

Kelly flieht vor ihrem Zuhälter und landet nach zwei Jahren der reise in einer Kleinstadt, die heimelig und freundlich wirken möchte, aber keinen Platz für „Menschen wie sie“ hat. Der Sheriff des Ortes nimmt ihre Dienste zwar in Anspruch, erwartet aber, dass sie weiterreist. Er empfiehlt ihr ein Etablissement im Nachbarort. Der ist bereits im nächsten Staat und deshalb außerhalb des politischen Einflusses. Später erfahren wir, dass der Sheriff scheinbar jede junge hübsche Dame in dieses Bordell zur Arbeit schickt. Auch er ist quasi ein Zuhälter. Fuller zeigt ein Amerika, das zutiefst verunsichert ist. Kriege und Politik sind absurde Unterfangen, die dazu führen, dass Freund von Feind nicht mehr unterschieden werden kann, dass man sich irgendwann nicht einmal mehr selbst erkennt. Kelly wird wie eine Krankheit behandelt, die abgestoßen werden muss. Der Spiegel, der zu Beginn noch für den Zuschaue unsichtbar war, rückt immer weiter in das Bild hinein. Je weiter Kelly an sich zweifelt, desto weiter rückt sie aus dem Blickfeld des Zuschauers. Sie verliert sich selbst - und wir damit ihr Bild.

Die typische Frau im Film Noir ist die Femme fatale, eine zumeist blonde Frau, die die Männer der Geschichte um ihren Finger wickelt und für ihre eigenen Zwecke mittels sexueller Reize ausnutzt. Kelly aber ist keine dämonisierte Figur, sondern eine, die nur gefährlich für ihre Umwelt wird, wenn sie Ungerechtigkeiten aufdeckt. Sie möchte ihr Leben umdrehen, möchte die Prostitution an den Nagel hängen und Krankenschwester sein, die behinderten Kindern hilft - aber sie stößt auf die Abwehr ihres Umfeldes. Ihre Zukunft ist bereits durch ihre Vergangenheit verbaut. Zudem zeigt Fuller einmal mehr, dass er Zeit und Aufmerksamkeit für die Figuren hat, die sonst im Schatten der Gesellschaft wandeln müssen. Und damit ist Der nackte Kuss typisch Film Noir.

Fazit

In „Der nackte Kuss“ zeigt Samuel Fuller - von der ersten Sekunde an - den Kampf einer Frau, die als Mensch anerkannt werden möchte. Der Regisseur zeichnet ein Amerika, das besessen ist mit Status, besessen mit einer scheinheiligen Moral, besessen mit einer Angst vor dem Fremden und dem eigenen Ansehen gegenüber Dritten. Der Film überzeugt mit seiner präzisen aber zurückhaltenden Bildsprache und garniert die Geschichte mit ein paar überraschend berührenden Szenen. So mag der Film wesentlich melodramatischer und weniger kriminalbehaftet sein, als man es von Fuller gewohnt ist. Dennoch überzeugt er einmal mehr mit seiner teils ruppigen, aber immens ehrlichen Art des Filmemachens und seinem Talent, das Gewohnte auf den Kopf zu stellen. Zum Beispiel mit einem Hochzeitsschleier als Leichentuch.

Autor: Levin Günther

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