{{ tweet.login }}

{{{ tweet.body | format }}}

Wird geladen...

×
×

Erwähnungen

×

Benachrichtigungen

Inhalt

Rom im Jahre 37 n. Chr.: Der deutlich von der Syphilis gezeichnete Kaiser Tiberius sucht einen Nachfolger. Leider sind seine letzten näheren Verwandten, sein schwächlicher Enkel Tiberius Gemellus und sein verkrüppelter und einfältiger Neffe Claudius, wenig geeignet, und so holt er Gaius, genannt Caligula, zu sich. Dieser ergreift seine Chance, bringt Tiberius um und nimmt den Siegelring des Caesar und damit die Herrschaft an sich. Als Imperator erklärt er seine Schwester Drusilla zu seiner Geliebten. Im Verlauf der Handlung wird seine Abhängigkeit zu ihr immer deutlicher. Sie nennt ihn in der deutschen Synchronfassung "Stiefelchen" ("Caligula": lateinisch Diminutiv zu caliga, "Soldatenstiefelchen").

  • 7urytqudoobfzf5srhhi9kflp4w
  • M3y02wlrhtlly3gvtceittnqa5
  • 670appxvowdc7p90tpiqolhyean
  • 2s3d7xtoqdatkpidz223imhtzs3
  • E8yon84bxlf66envj84hrrzti7i
  • Bd9vsm3kuluvbscktlpjkg8rdqf
  • Diopczorijzsd8pghtsxm9tuljj

Kritik

Wenn wir auf die großen Skandalfilme zu sprechen kommen, dann fallen gewiss Titel wie „Die 120 Tage von Sodom“, ein Meisterwerk, von Pier Paolo Pasolini, oder „Men Behind the Sun“, gerne missverstanden, vonTun Fei Mou, die auch heute noch polarisieren und weitreichend kontrovers diskutiert werden. Der Archetyp des Skandalfilms, das eingeprägte Urbild eines eben solchen, hört indessen auf einen anderen Namen: „Caligula“. Ein Film wie ein Phänomen, dessen berühmt-berüchtigter Ruf ihm seit jeher, ähnlich wie seinem fokussierten Imperator, weit voraus eilt. Schauspieler distanzierten sich von dem vom Penthouse finanzierten Projekt, nachdem der Film im Kasten war, schoben ihre Mitwirkung auf den Drogeneinfluss, während Regisseur Tinto Brass, der zuvor im Erotikbereich Fuß fasste oder das Western-Genre auf den Kopf stellte (siehe „Yankee“) vom Filmschnitt ausgeschlossen wurde, damit Bob Guccione und Franco Rossellini zum Nachdreh bitten konnten und zahlreiche Szenen veränderten, um noch einige Hardcore-Szenen hinzuzufügen – Brass' Version war dem Penthouse-Chef Guccione nämlich immer noch zu brav.

In blutroten Lettern erstreckt sich ein Satz aus dem Evangelium nach Markus über den Bildschirm: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gönne, und nähme an seiner Seele Schaden?“ Eine Frage, die sich Caligula (Malcolm McDowell) gewiss nie stellte, mangelte es diesem Menschen doch schlichtweg an einem gesunden Maß an Selbstreflexion, und wir sehen ihn in der nächsten Szene unbeschwert mit seiner Schwester Julia Drusilla (Teresa Ann Savoy) in den Wäldern herumtollen: Zwei Erwachsene, im Herzen noch Kinder geblieben, die eine offensichtlich inzestuöse Beziehung miteinander führen. Danach geht „Caligula“ schon in die Vollen und zeigt auf, wohin die famosen 17,5 Millionen Dollar Budget geflossen sind: Die Kulissen sind von berauschender Anmut und rekonstruieren das Rom zu Zeiten der julisch-claudischen Dynastie in bahnbrechender Opulenz. Unter Tinto Brass' Ägide, der eine durchweg ausschweifend-opernhafte Inszenierung pflegt, verfällt „Caligula“ einer einmaligen Schwülstigkeit, die man in diesem orgiastischen Überdruss so noch nie zu sehen bekommen hat.

Wenn Caligula auf den von Syphilis gezeichneten Tiberius (Peter O'Toole) trifft, der auf der Suche nach einem Nachfolger ist, bewahrt sich Caligula in seinem Auftreten noch eine gewisse Demut, die er, bezieht er nach Tiberius Tod den Thron, vollends ablegen wird – So wie alle weiteren ehrenwerten Charaktereigenschaften. Er nimmt seine Schwester zur Geliebten und lässt das Volk die Willkür seiner Herrschaft mit Wonne am eigenen Leibe erfahren. „Caligula“ bestärkt die Spekulationen rund um die Zustände des mythologischen Roms in Bezug auf die Machtergreifung Caligulas, in dem er den machtbesessenen Imperator zum Gastgeber bacchantischer Feste macht, die in ihrer expliziten Darstellung zu keiner Sekunde anregend, sondern nur abstoßend wirken, was die ausufernde Dekadenz jener historischen Epoche nachhaltig akzentuiert. Wenn er ein frischvermähltes Paar „weiht“, in dem er die Frau auf einem Tisch brutal entjungfert, um sich anschließend an dem Blut an seinen Fingern zu laben, bis er auch den Mann auf den Tisch bittet und ihm die Faust mit seinem Siegelring voraus rektal einführt, kommt die Tyrannei Caligulas einem Fass ohne Boden gleich.

Verräter werden mit einer rotierenden Sensenmaschine enthauptet und Caligula, ein Sadist vor dem Herren, erfreut sich an den von ihn veranlassten Grausamkeiten, bis auch er mit einem schweren Schicksalsschlag konfrontiert wird und seinem Wahnsinn, der ihm schließlich aus jeder Pore quillt, von außen kein Einhalt mehr geboten wird. „Caligula“ auf einen hochbudgetierten, aber im Kern doch handelsüblichen Pornofilm zu degradieren, wäre ein Fehler. Sicher, „Caligula“ geizt nicht mit nackter Haut, reiht Felatio-Szenen bis zum Zerbersten aneinander und nimmt die Genitalien seiner involvierten Orgienteilnehmer genauestens unter die Lupe. Doch diese Szenen stimulieren nicht, sie sind widerlich, betonen vielmehr des Imperators maßlose Exzessivität, bis er in seinem von Macht längst paralysierten Zustand die logische Konsequenz seines ekelerregenden Verhaltens erfahren muss. Caligula erklärt sich zum König, und weil Rom eine Republik ist, geht er noch einen Schritt weiter und stellt sich auf eine Stufen mit den Göttern. Dass er gehasst wird, ist ihm egal, Hauptsache man fürchtet ihn. „Caligula“ ist eine ungehemmt bebilderte Charakter-Studie, von tänzelnden Flöten und weinenden Geigen unterstützt. Eigentlich ein unmöglicher Film – und doch so einnehmend.

Fazit

Man darf den Unkenrufen keinen Glauben schenken: „Caligula“ ist nicht der überbordende Pornofilm, zu dem er immer wieder gemacht wird, was ihn letztlich allerdings kein Stück weniger exzessiv macht. Tinto Brass hat mit seinem Skandalfilm des Jahrhunderts vielmehr eine brachiale Charakter-Studie inszeniert, die mit einem ungebremsten Malcolm McDowell in der Hauptrolle alles an sich reißt, was ihm zu nahe kommt. Für Cineasten ist dieser einmalige Ausflug in das antike Rom selbstredend Pflicht.

Autor: Pascal Reis

Wird geladen...

×