8.0

MB-Kritik

Die Truman Show 1998

Sci-Fi, Comedy, Drama – USA

8.0

Jim Carrey
Laura Linney
Noah Emmerich
Natascha McElhone
Holland Taylor
Brian Delate
Blair Slater
Peter Krause
Heidi Schanz
Ron Taylor
Don Taylor
Ted Raymond
Judy Clayton
Fritz Dominique
Angel Schmiedt
Nastassja Schmiedt

Inhalt

Die Truman Show ist seit beinahe dreißig Jahren ein TV-Klassiker auf der ganzen Welt. Seit seiner Geburt ist Truman Burbank (Jim Carrey) der Hauptdarsteller der Serie – ohne es überhaupt zu wissen. Produzent Christof (Ed Harris) entwarf eine künstliche Welt, genannt Seahaven, in der Truman von über 5000 Kameras 24 Stunden am Tag bei fast jeder Kleinigkeit beobachtet wird. Um die Fassade nicht zum einstürzen zu bringen sind seine Frau, Freunde und Verwandte allesamt Schauspieler. In Folge 10909 kommt es jedoch zu diversen versehentlichen Vorfällen die Truman misstrauisch werden lassen. Obwohl Schauspieler und Produzenten alles daran setzen Truman wieder in Zaum zu halten, lässt sich dieser nicht davon abhalten nach Ungereimtheiten zu forschen. Sein Streben nach einer echten Welt wird immer stärker, er plant seinen Ausbruch.

Kritik

Ein vom Himmel herabfallender Scheinwerfer reißt Truman Burbank für einen kurzen, aber prägenden Moment aus dem, was an allen anderen Tagen des Jahres seinen geregelten Alltag darstellt. Mit einer fürsorglichen Frau an seiner Seite, einem schicken Eigenheim, freundlichen Nachbarn, die er jeden Morgen beim Verlassen seines Hauses mit dem gleichen Slogan begrüßt, und einem unspektakulären Bürojob als Versicherungsangestellter scheint Truman das ganz normale, zufriedenstellende Leben der durchschnittlichen amerikanischen Mittelschicht zu führen. Von den gut 5.000 versteckten Fernsehkameras, die ihn rund um die Uhr filmen und jeden seiner Schritte und Tritte für ein Publikum auf der ganzen Welt ausstrahlen, hat der Protagonist von Peter Weirs Die Truman Show allerdings Zeit seines Lebens nichts geahnt. Nach einem Drehbuch von Andrew Niccol (Lord of War - Händler des Todes) erzählt der australische Regisseur die Geschichte eines Menschen, der schon als Baby vor den Augen der Fernsehzuschauer geboren wurde, um die Hauptfigur in seiner eigenen Show zu werden, von dessen Existenz nur er alleine nichts weiß. 

Alle anderen Menschen um Truman herum sind Statisten, die von Christof, dem Schöpfer und Produzenten der ununterbrochen live ausgestrahlten Sendung, angeheuert und Truman in der, in einem Hollywood-Studio errichteten, Küstenstadt Seahaven Island zur Seite gestellt wurden. Mit kräftigen Farben, in denen die weißen Gartenzäune und saftig grünen Wiesen dieses beschaulichen Städtchens aufleuchten, inszeniert der Regisseur das Bild der klassischen Vorstadtidylle, die gleichermaßen authentisch wie befremdlich erscheint. Ähnlich wie David Lynch (Eraserhead) in seinem einflussreichen Meilenstein Blue Velvet betont auch Weir von Anfang an die trügerische Künstlichkeit dieses uramerikanischen Szenarios der heilen Welt hinter heimischen Fassaden. Mit satirischer Schärfe und dramatischen Untertönen, die zwischen augenscheinlich unterhaltsamen Momenten verborgen liegen, wird der naive Traum der Vorstadtidylle buchstäblich als hermetisch abgeriegelter Mikrokosmos entlarvt, in dem die vorgespielte Authentizität aufrichtige Tatsachen verdrängt.  

Dabei lässt sich Die Truman Show nicht nur als Spiegel für eine artifizielle Gesellschaft auffassen, die Tag für Tag durch immer gleiche Verhaltensweisen, aufgesetzte Gesten und endlos wiederholte Floskeln in einer falschen Bilderbuchwelt vor sich hin vegetiert, sondern auch als prophetischer Vorreiter der nur kurze Zeit später aufkeimenden Reality-TV-Formate. Als Zuschauer sollte man im Fernsehen erstmals nicht mehr Fiktion zu sehen bekommen, sondern ein Abbild der Realität, mit echten, unverstellten Menschen anstelle professioneller Schauspieler. Ein natürlicher Hang zum Voyeurismus ist der wesentliche Antrieb, der dem Reality-TV zu einem regelrechten Boom verhalf und das Interesse der Zuschauer an intimsten Einblicken in privateste Regionen dieser vermeintlich realen Persönlichkeiten entfachte. Weir nimmt die Mechanismen des Reality-TV mit seinem Film bereits vorweg, wenn er die Kamera von Peter Biziou beispielsweise mit dramatischen Zooms arbeiten lässt, um die bewusste Inszenierung in den Bewegungsabläufen der Hauptfigur hervorzuheben und so den Charakter eines jederzeit durchchoreographierten Lebens erkennbar zu machen. 

Dem Regisseur geht es neben der Konstruktion und somit auch Sichtbarwerdung eines solchen Formats aber zunehmend um die deutlichen Risse, die sich durch Widersprüche, Ungereimtheiten und unvorhersehbare Komplikationen einen Weg in diese Scheinwelt bahnen. Verhandelt wird dieser Zwiespalt schließlich über die sich verändernden Verhaltensweisen des Protagonisten, der glücklicherweise ausgerechnet von Jim Carrey (Der Mondmann) gespielt wird. Nachdem dieser fünf Jahre vor der Veröffentlichung von Weirs Film mit dem Sensationserfolg von Filmen wie Die Maske, Ace Ventura - Ein tierischer Detektiv und Dumm und Dümmer, die noch dazu alle im gleichen Jahr erschienen sind, zum erfolgreichsten, beliebtesten Comedy-Star Amerikas aufgestiegen ist, zeigt Die Truman Show einen wesentlich vielschichtigeren Carrey, der hinter der stets gut gelaunten Fassade seiner Figur zum misstrauischen Zweifler gerät. 

Das große Talent des Schauspielers, sein Gesicht wie eine Gummimaske zu grotesken Fratzen und Grimassen verziehen können, wird in diesem Film daher konsequenterweise ab absurdum geführt. In einer Szene, in der Truman längst die Echtheit seiner Existenz sowie der Welt um sich herum in Frage stellt, rast er mit seiner (falschen) Frau auf dem Beifahrersitz auf der Suche nach einem Ausweg durch die Straßen der Stadt, während sich sein Gesicht im hysterischen Wahn unter manischen Schreien verformt. Jeglicher Unterhaltungswert, der von diesem Spiel sonst immer ausgeht, weicht in Die Truman Show stattdessen offengelegter Verzweiflung, die der Regisseur in dieser denkwürdigen Anklage gegen vorgetäuschte Trugbilder, moralisch verwerfliche Medieninstitutionen sowie unersättlich voyeuristische Konsumenten äußert.

Fazit

Durch seine großartige Verschmelzung von oberflächlich angetäuschter Unterhaltung, einer bissigen Mediensatire und einer Entlarvung der typisch amerikanischen Vorstadtidylle als künstliche Fassade voller artifizieller Lügen hat Peter Weir mit „Die Truman Show“ einen ebenso großartigen wie denkwürdigen Film geschaffen. Mit der Unterstützung eines vortrefflich besetzten Jim Carrey in der Hauptrolle hält der Regisseur nicht nur einer bestimmten Gesellschaftsschicht präzise den Spiegel vor, sondern nimmt gleich noch eine ganze Strömung von Reality-TV-Formaten vorweg, die den blanken Voyeurismus des konsumgierigen Zuschauers erschreckend zum Vorschein bringt.

Autor: Patrick Reinbott
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