Inhalt
Ein gewöhnlicher Arbeitstag auf der Baustelle. Den 40-jährigen Kranführer Thomas erreicht ein Anruf von seiner Frau Carla, er soll sie im Krankenhaus abholen. Dort trifft er sie weinend an und erfährt, dass sie einen Autounfall hatte. Carla erzählt von ihrem Tanzpartner David, mit dem sie sich ein Haus auf dem Land anschauen wollte und der bei dem Unfall ums Leben gekommen ist. Sie versucht mit aller Ehrlichkeit ihrem Mann offen alles zu erzählen, doch Thomas zieht sich mehr und mehr in sich zurück. Sie verstehen einander nicht.
Kritik
Die Frau des Bauarbeiters Thomas (Vladimir Vulevic), Carla (Agatha Bonitzer, Die Nonne), weint. Sie hatte einen Autounfall, bei dem ihr Beifahrer ums Leben kam. Carla selbst blieb unversehrt. Sie bricht in Thomas‘ Armen zusammen, nachdem er von der Baustelle zu ihr eilt. Zweimal wiederholt er die zentrale Frage des neuen Werks im geheimnisvollen und nie an Herausforderungen armen Oeuvres von Angela Schanelec (Mein langsames Leben, Der traumhafte Weg): „Warum weinst du?“ und bekommt keine zufriedenstellende Antwort. Kommunikation und ihre Dissonanzen machen das Herz dieser filmischen Dauerverfremdung aus. Passend bedient sich die Regisseurin des inszenatorischen Kniff, ihren Film fast ausschließlich mit Schauspieler*Innen zu besetzen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Das Ergebnis ist phonetisch zutiefst faszinierend: In den ellenlangen Monologen, die von Nacherzählungen abstrakter Alpträume über die Rekapitulation eines (fast-?)-Ehebruchs reichen, entblößen Konsonanten und andere klangliche Laute eine versteckte Dimension.
Zwar erhalten wir nie Aufschluss über das Innenleben von Schanelecs permanent wartender, spazierengehender oder mit dem Fahrrad umherfahrender Figuren, dafür aber Zugang zu einer abstrakte Veranschaulichung tief sitzender Verstörungen, auf welche die zentrale Frage des Filmes verweist: Wenn Sprache komplett arbiträr, also, etwas rein erlerntes und demnach unweigerlich verzerrendes ist, etwas was niemals Gefühle vollständig artikulieren kann, drückt sie dann auch etwas aus, was dem Sprecher potenziell entgeht, für den Empfänger aber immanent verständlich ist? Der Riss in der zentralen Beziehung von Meine Frau weint beginnt mit den Worten „Das ist doch etwas übertrieben“, eine Reaktion von Thomas auf Claras Vorschlag, noch den Nachfolgekurs des vom Paar gemeinsam besuchten Tanzkurses zu buchen. Thomas drückt zwar aus, der Tanzkurs habe Carla sicherlich glücklich gemacht und ihm auch gefallen, dennoch bleibt es offensichtlich, dass dieser für ihn mehr der Erfüllung seiner Frau als seinem eigenen privaten Interesse diente. Carla, die diesen Umstand zu spüren vermochte, fühlt sich von diesen Worten bloßgestellt. Interpretiert sie zu viel in Thomas‘ Aussage oder kann sie viel eher genau spüren, wie tief die Frustration des Paares untereinander wirklich sitzt? Diese Ausgangssituation wird in Schanelecs Film nicht gezeigt, sondern nacherzählt, während Thomas gerade mit Carla durch den Park wandert. Nahezu alle längeren Segmente dieses knapp 94 Minuten andauernden, ungefähr 83 Einstellungen und nur relativ wenige Locations umfassenden Filmes kulminieren in einem Monolog, der sich wie ein Paratext zum eigentlichen Text des Filmes und dessen formal zur absoluten Perfektion durchkomponierten Bildern anfühlt.
Für Schanelec, deren entschleunigtes und sich nahezu völlig der visuellen Ebene verschworenes Kino eine radikale Ruhezone von einer unerträglich akzelerierenden Auffassung von Wirklichkeit, aber auch von einem Kino der permanenten emotionalen Manipulation darstellt, ist Meine Frau weint zwar eine Fortsetzung bereits etablierter Stilistiken, aber in völlig neuem Gewand. Anders als im vorangegangenen Music dient hier keine antike Tragödie als Vorbild, kein materieller Text, der im Stile des französischen Avantgarde-Künstlerpaares Jean Marie-Straub und Danielle Huillet über ein diegtisch-brüchiges, fast dokumentarisches Filmbild gelegt wird. Stattdessen erleben wir eine faszinierend-paradoxe, parallele Synthese und Abtrennung zwischen filmischem Bild und verbaler Artikulation. Dokumentarisch wirkt Meine Frau weint selten, dennoch existieren eine handvolle Ereignisse in dem Film, welche sie nicht meditiert oder inszeniert anfühlen. Darunter sind zahlreiche Blicke hinauf auf die Baustelle, auf Kräne, die in den Himmel ragen, aber auch auf die langen Fahrradfahrten von Carla, welche angenehm losgelöst von narrativer Motivation erscheinen. Manchmal, wie in einem Dialog zwischen Carla und ihrer Kollegin Claudia (Clara Gostynski), bricht die extradiegetische Ebene (wie gewohnt in Schanelecs Filmen: Das karge Berlin als Schauplatz) in den Film ein, nun in Form eines lärmenden Blasorchesters, welche den vermeintlich zentralen Austausch der beiden Frauen in die Unhörbarkeit verdammt. Dennoch erweist sich jene Ebene als so reduziert wie vielleicht noch nie in ihrer Filmografie, was sich besonders in dem körnig, flimmernden und präzise gestalteten 35mm-Bild ausdrückt. Bereits im ersten Bild, in dem der in einer stark akzentuierten, orangenen Weste sitzende Thomas wie auf einer Theaterbühne vor einer grellen, weißen Leinwand eingeführt wird, begegnen wir Kino in einer formal reduzierten Form, in der alles an seinem Platz zu sein scheint. Je mehr Elemente hinzugegeben werden, desto mehr drückt sich deren visuelle Restriktion aus: Nahaufnahmen von Tassen oder Trauben, die in der Spüle gewaschen werden, oder von halbherzig geschnittenem Obst auf einer Küchen-Arbeitsplatte mutieren zu expressiven Cezanne-Gemälden. Kameraschwenks während der Fahrtszenen sind noch das Dynamischste, an das sich die Inszenierung des Filmes heranwagt. Mehr als einmal blickt die Kamera erhaben auf ein Geschehen von weiter Ferne, bevor sich die Einstellung im nächsten Shot als die Perspektive einer Figur entpuppt.
Es ist dieses Spannungsverhältnis, dieser Konflikt, zwischen dem, was das Bild darstellen (und präsentieren) kann und dem, was jenseits dessen liegt, wie etwa einer antiken Vergangenheit oder einer traumatischen Hintergrundgeschichte, an dem sich Schanelecs Kino seit längerem orientiert. Mit Meine Frau weint betritt sie einen toten Winkel dieser Stilistik: Zwischenmenschliche Beziehungen. Während mangelnde Kommunikation und nicht artikulierbare Konflikte und Verstörungen immer einen Hauptaspekt innerhalb des Figurenensembles von Schanelecs Kino ausmachten, dienten diese mehr als Verdeutlichung von übergeordneten Themen. Nun aber bildet der Konflikt zwischen dem Hauptpaar des Filmes, Thomas und Carla, den thematischen Kern des Filmes. Viel erfahren wie nicht über sie: Carla mag, nach eigener Aussage, Sex (vielleicht das Einzige, was sie mag) und konnte erst in Gegenwart ihres (vermeintlichen) Liebhabers, des verstorbenen David, verstehen, wozu Worte eigentlich fähig sind („Als wäre es möglich, alles zu sagen“). Thomas wird von seinen Arbeitskollegen als nachdenklich aufgefasst. Schanelec versucht gar nicht erst, ihren Figuren so etwas wie Psychologie zu verleihen, denn derartige Formen von Rationalisierungen sind in ihrem expressiven wie zurückhaltenden Blick irrelevant. Psychologie ist eine Ebene, welche die Kamera als Erschaffer der filmischen Realität nicht wissen kann. Stattdessen geht es in Meine Frau weint darum, einen Konflikt visuell zu artikulieren. Ähnlich wie im Kino von Straub/Huillet ist eine Vergangenheit (und mit ihr eine Welt außerhalb der filmischen Diegese) in Form von Abstraktionen vorhanden, weswegen die Figuren permanent Ereignisse und Erlebnisse nacherzählen. Dasselbe Prinzip funktioniert für die Inszenierung: Die großen Inspirationen von Schanelecs Kino, der nüchterne Formalismus der Filme von Robert Bresson oder Yasujiro Ozu (von letzterem übernimmt sie das komponierte 4:3-Format) sind weniger als Inspiration präsent und mehr in Form einer offensichtlichen Vorlage, eines Anknüpfpunktes innerhalb der Filmgeschichte.
Der vielleicht wichtigste Anknüpfungspunkt, aus welchem sich das progressiv voranschreitende (nun einen neuen Höhepunkt der emotionalen Stase erreichende) non-mimetische Schauspiel von Schanelecs Darsteller*Innen ergeben, ist der des epischen Theaters von Bertolt Brecht entnommen, dessen berühmter Verfremdungseffekt das Publikum nicht fühlen, sondern mitdenken lässt. Dies ist die gleichzeitig größte und doch simpelste Hürde von Meine Frau weint: Man muss bereit sein, Konventionen des normalen Filmerlebnisses abzulegen und konsequent auf eine Immersion verzichten. Stattdessen sollten die Konflikte in der Filmsprache als solche zugelassen werden, denn sie führen in die innerfilmischen Divergenzen, die Schanelec mit Feingefühl und dennoch inszenatorischer Härte auszuloten versucht. Der Zweck des emotionslosen Schauspiels und die Verweigerung, „mitfühlen“ zu lassen, ergeben sich aus der Brechtschen-These, das „das Zeigen gezeigt werden muss.“ Damit steht ihr Kino ganz in der Tradition von Straub/Huillet, wobei Schanelec im direkten Vergleich zumindest eine Diegese abstrakt andeutet, statt vollkommen zu negieren. In beiden Fällen geht es darum, die außerfilmische Realität der individuellen Darsteller*Innen abzubilden. Der Stil dient dazu, auszudrücken, wie Akteure mit ihrem Text, der durch die verbogene Sprechart zu reinem, manipulierbarem Material verkommt, in Konflikt sind, wie sie mit diesem Ringen, wie dessen Rezitation nicht ausdrücken kann, was ihr Körper ausdrücken will.
Wenn „Zeigendes“ gezeigt werden muss, geht es darum, die Akteure in den Mittelpunkt zu stellen: Da ist zu einem Vladimir Vulevic als tragischer Thomas, der sich in der Rekapitulation eines Traumes nur als „der Hässliche“ bezeichnet. Aus seiner Körpersprache ergibt sich ein Bild von hilfloser Unterwerfung und der Scheu, einen Stolz gegenüber seiner Partnerin einzufordern. Der überraschend bissige Humor des Filmes ergibt sich zumeist aus seiner Rezitation und Performance: Wenn er immer wieder englische Begriffe in sein Sprechen einfließen lässt oder in seiner Schilderung urplötzlich sexuell explizit wird, so entsteht eine humorvoll-befremdende Intimität, die sich dennoch wie ein klaffender Abgrund anfühlt. Zum anderen ist da Agathe Bonitzer als Clara, die in der Rechtfertigung ihrer Handlungen an den Worten nur verzweifelt. Ganz in ihrem Element rahmt Schanelecs Film sie erst, als sie mit dem Fahrrad an Autobahnen vorbei und durch Parks gleiten lässt. Hier wird die Figur zum in der Landschaft aufgehenden finalen Pinselstrich auf der Leinwand des Kinos, während der Wind anmutig durch die Bäume weht.
Der Konflikt des Paares verweist auf eine höhere Ebene, die sich symbolisch ergibt: zwischenmenschliche Beziehungen als die Basis für die Geburt einer neuen Welt. Aus Thomas‘ zahlreichen Äußerungen ergibt sich eine tiefsitzende Angst vor Zwischenkörperlichkeit und vor Zeugung und Geburt. Als Bauarbeiter ist für ihn Kreation ein mechanischer Prozess. Mehrmals blickt die Kamera an den gigantischen Kränen empor, voller Ehrfurcht davor, was hier geschaffen wird. Thomas fragt: „Wie alt sind unsere Kräne?“ Das Materielle hat für ihn ein inorganisches Leben. Die Einsamkeit des Arbeiters ist das Resultat einer Entfremdung. Sie ergibt sich aus dem Verlust transzendenter Werte, ein Umstand, der sich auch in Thomas‘ Kollegen Valentin ausdrückt, der während des Einstimmens eines Liedes zu seinem Geburtstag nur apathisch dasitzt und äußert, er „sei einfach geboren worden.“ Die Bewohner der brüchigen, filmischen Realität von Schanelecs Film haben ihre Bestimmung verloren, sie agieren reduziert auf rein funktionale Faktoren. Sie haben keinen Bezug zu der Welt, die sie kreieren. Doch auf der anderen Seite hält ihr Film die Scheu vor einer körperlichen Art der Mitteilung, jenseits des Sprechaktes, fest. Nirgendwo wird diese Verstörung gegenüber einer solchen bedingungslosen Kommunikation eindeutiger als in der makellos durchchoreographierten Tanzszene, in der sich Thomas zusammen mit mehreren anderen Figuren zu Leonard Cohens „Lover Lover Lover“ ausgelassen bewegt, während Clara diese Performance verschläft. Es ist der vielleicht einzige Moment der Euphorie in Meine Frau weint, aber auch dieser scheint trügerisch: Nach Erwachen und bei Anblick des Tanzes ergreift Clara die Flucht, während der Gesang ihr nachhallt. Sie kann und will diese körperliche Einheit nicht ertragen. In Schanelecs Film wird bedingungslose Kommunikation ohne Meditation immer nur angedeutet, betritt sie aber endlich die Bühne, muss sie ausgehalten werden.
Fazit
Mit „Meine Frau weint“ hat Angela Schanelec ein verfremdendes und in jeder Minute bedingungslos forderndes Beziehungsdrama geschaffen. Vollkommen einer eigenwilligen und formal perfektionierten Bildsprache verschrieben, muss man bei diesem Film auf Identifikation und Immersion zugunsten einer betörenden Reflexion über den brutalen und fehlerhaften Prozess menschlicher Kommunikation verzichten. Wer diesen Schritt wagen kann, wird mit einem fordernden und an Impressionen reichen Filmerlebnis belohnt.
Autor: Jakob Jurisch