Inhalt
1846: Ercell hat sich auf den Cayman Islands ein harmonisches Familienleben aufgebaut, bis Captain Connor mit seiner Bande blutrünstiger Piraten auftaucht, auf der Suche nach einem ihm entwendeten Goldschatz. Um ihre Familie und ihr Zuhause zu schützen, muss Ercell zum Äußersten greifen…
Kritik
Ahoi, ihr Landratten, bereit auf ein waschechtes Piratenabenteuer? Ja? Tja, schade, gibt es in dem Sinne eigentlich gar nicht, obwohl es im ersten Moment tatsächlich so aussehen könnte. The Bluff, so heißt die neueste MGM-Produktion als Amazon Prime Exclusive, die uns ein schon vor Jahrzehnten beerdigtes Genre vermeidlich wiederbringt. Piratenfilme waren speziell in den 1940er Jahren ein echtes Ding, aber schon im folgenden Jahrzehnt nahezu ausgestorben. Vereinzelt gab es dann mal immer wieder Einzelexemplare mit zaghaften Reanimationsversuchen, die sich in der Regel dann aber zu einem finanziellen Fiasko entwickelten. Bis Disney mit Fluch der Karibik 2003 der ganz große Wurf gelang. Aber nachdem das Franchise um Jack Sparrow auch die treuesten Anhänger irgendwann wieder vergrault hatte, liegt das Genre an sich schon wieder vollkommen brach. Was in der Tat bedauerlich ist (also nicht zwingend wegen Fluch der Karibik…), aber grundsätzlich birgt dieses stiefmütterlich behandelte Sub-Genre des Abenteuerfilms doch so viel Raum, der einfach nie beackert wird.
Aber wie gesagt, wer bei The Bluff auf einen ernsthaft relevanten Vertreter dieser Art gehofft hat, kann sich getrost über die Planke verabschieden. Zwar gibt es hier Piraten, ein exotisches Inselsetting und zumindest anfangs einen Hauch von frischem Wind, aber schneller als man kielgeholt werden kann, entpuppt sich das eher als eine Form von Karneval im Actionformat. Sobald der gewalttätige Seebär Captain Connor (Karl Urban, Dredd) mit seiner gesichtslosen, dafür zahlenmäßig reichhaltigen Bande von Kanonenfutter die Heimat und vor allem das Familienidyll von Ercell (Priyanka Chopra Jones, Heads of State) bedroht, entpuppt sich der Film von Frank E. Flowers als eine Mixtur aus John Wick, Rambo und am Ende gar Kevin – Allein zu Haus, bei der Zeit, Ort und Drumherum ziemlich austauschabar sind. Das beeinflusst maximal die Wahl der Waffen, ansonsten könnte das mit leichten Detailänderungen auch auf Helgoland im Jahr 1950 oder VÖLLIG EGAL wann und VÖLLIG EGAL wo spielen, denn letztendlich hangelt man sich hier nur von Actionszene zu Actionszene, die dann zumindest nicht zimperlich ausfallen.
Vor 20 Jahren wäre eine 16er-Freigabe noch vollkommen utopisch gewesen, heute sind abgetrennte Gliedmaße, von Kanonengugeln zerfetzte Körper und jedwede noch so explizite Art von Stichwaffeneinwirkungen überhaupt kein Problem mehr. Da lässt man sich wenigstens nicht lumpen. Die handfesten Actioneinlagen von The Bluff sind gar nicht mal so schlecht, verlieren durch ihren Verzicht auf Plastizität und den Einsatz von CGI natürlich auch wieder massiv an Wirkung, aber das ist ja ein altbekanntes Problem. Das schmaddert leider nur in der Theorie. Ansonsten ist der Look des Films allgemein sehr suboptimal. Diese sehr grelle Sonnestudio-Beleuchtung vermittelt mehr das Gefühl einer Fotosession für eine Reisekatalog als an einen dreckig-brutalen Piraten-Film. Inhaltlich ist das sowieso eine redundante Rummelplatz-Attraktion, da weder Story noch Figuren jedwede Substanz besitzen und es nur darum geht, halbwegs solide Schauwerte aufzufahren. Das mag kurzfristig bzw. zwischendurch auch mal funktionieren, nutzt sich aber auch wahnsinnig schnell ab, da die Latte für so etwas inzwischen auch deutlich höher liegt. Hier gibt es keine großen oder spektakulären Set-Pieces, sondern einfach nur mal aufs Maul oder spritzendes CGI-Blut. Reicht zum nicht Einschlafen, auf Dauer ist das aber auch relativ ermüdend und nichtssagend.
Hauptdarstellerin Priyanka Chopra Jones darf zumindest gerne ein Lob ausgesprochen werden. Die wirft sich richtig ins Zeug, wobei sie natürlich nicht durch nuanciertes Method-Acting, sondern durch eine physische Einsatzfreudigkeit punkten kann. Das ist dafür definitiv ordentlich. Ansonsten bleibt hier schon kurz nach der Sichtung ernüchternd wenig hängen und das, obwohl der Film allein durch seine – theoretische – Sub-Genre-Ausrichtung einen gewissen Exoten-Status haben müsste.
Fazit
Nicht schrecklich oder komplett langweilig, aber bis auf ein paar solide Actionsequenzen leider doch sehr irrelevantes Streaming-Futter, das wie so oft sehr deutlich macht, warum das keine Kinoauswertung bekommt. Da es keine Videotheken mehr gibt, ist das halt der „neueste Hit“ auf dem Streaming-Portal ihrer Wahl. Früher hat man das auf gut Glück mitgenommen, weil die guten Sachen schon alle weg waren.
Autor: Jacko Kunze