5.8

MB-Kritik

Vor Morgengrauen 1981

Horror, Thriller – USA

5.8

George Kennedy
Mike Kellin
Chris Lemmon
Gregg Henry
Deborah Benson
Ralph Seymour
Katie Powell
John Hunsaker
Charles Bartlett
Jamie Rose
Hap Oslund
Barbara Spencer

Inhalt

Fünf junge Menschen brechen zu einem Campingausflug in die Wälder auf. Auf die Warnungen eines Rangers legen sie eben so wenig Wert wie auf die eines offensichtlich verrückt gewordenen Jägers. Bis sie am eigenen Leib feststellen müssen, dass dort oben in den Bergen etwas auf sie wartet…

Kritik

In den frühen 80er Jahren boomte das US-Horrorkino in ungeahntem Ausmaß. Der Grundstein wurde freilich im vorangegangenen Jahrzehnt gelegt, in dem aufstrebende Regisseure wie Tobe Hooper, Wes Craven, John Carpenter oder auch ihr kanadische Kollege David Cronenberg aus dem Nichts moderne Klassiker schufen, die dem ganze Genre neue, radikale und revolutionäre Impulse verliehen. Sie streuten die Saat, geerntet wurde spätestens jetzt. In ihrem Fahrwasser entstanden unzählig viele B-Movie, selbst vor dem großen Durchbruch des Heimvideo-Markts. In der Flut gingen natürlich etliche Exemplare mehr oder weniger unter. Oftmals nicht grundlos, doch manchmal tat man ihnen unrecht. Vor Morgengrauen von Regisseur und Autor Jeff Lieberman (Squirm – Invasion der Bestien) ist einer dieser versteckten Rohdiamanten, der selbst in Kenner-Kreisen nur einen eher mittelmäßigen Ruf genießt.

Speziell 1981 war die direkte Konkurrenz gewaltig. Mit Freitag der 13. Teil 2 wurde Jason Vorhees etabliert, Michael Myers wetzte in Halloween II – Das Grauen kehrt zurück erneut die Messer und Blutiger Valentinstag ließ die Spitzhacke mit voller Wucht kreisen. Da konnte man diesen sehr günstig produzierten und mit viel weniger plakativen Schauwerten versehenen Backwood-Horror schnell mal übersehen oder in den falschen Hals bekommen, den entgegen der vermutlich gestreuten Erwartungshaltungen wird hier nicht nach kurzer Warmlaufphase die grobe Schlachteplatte des Hauses serviert. Was nicht bedeutet, dass Vor Morgengrauen ein Kind von Gore-Traurigkeit ist. Diese aber auf sehr ausgewählte, kurze Momente reduziert und statt durch Masse lieber durch eine beinah surreal-obskure Klasse besticht, die zugebener Maße etwas überraschend und unvorbereitet über einen hereinbricht. Was das Ganze umso erfreulicher macht.

Es beginnt zackig und lässt schnell jemanden durch scharfe Klinge sterben, der Grundstein für den vermuteten Billig-Slasher vom Fließband ist gelegt. Als dann noch frisches Abschlachtmaterial in Form von Camping-freudigen Twens in die Wälder reitet (darunter später bekannte Gesichter wie Gregg Henry, Guardians of the Galaxy, oder Chris Lemmon, Thunder in Paradise), scheint die Sache geritzt. Prinzipiell läuft der Film auch nach erprobter Methodik und wenn man einfach nur den Inhalt wiedergibt dürfte niemand einen Unterschied ausmachen können. Statt jetzt aber einfach wie die wilde Wutz rumzusauen wagt sich Jeff Lieberman auf interessantes Terrain. Deutlich inspiriert von Klassikern wie Beim Sterben ist jeder der Erste oder The Hills Have Eyes - Hügel der blutigen Augen, aber auch dem mystisch-verstörenden Öko-Schocker Long Weekend entsteht ein verblüffend effektvoller Suspense-Backwood-Slasher, der deutlich mehr an seiner Atmosphäre als an deftigen Eye-Catchern interessiert ist. Aus der schlichten Prämisse und den einfachen Möglichkeiten werden inszenatorisch erstaunlich eindringliche Momente gezaubert, untermalt durch ein Sirenen-artiges Pfeifen im Wald, dass sich wunderbar mit dem konstanten Knacken von Ästen und dem Rauschen des Blattwerks zu einer bedrohlich-beharrlichen Sound- und Stimmungskulisse vermengt. Hier wird nicht einfach nur blind verreckt, irgendwie gelingt es Vor Morgengrauen die bestechenden Details der großen Vorbilder zu extrahieren und für sich selbst neu anzumischen.

Jeff Lieberman ist sicherlich kein Künstler oder Genre-Genie, aber hier versteht er exakt, wie er aus einem an sich unspektakulär anmutenden Mitläufer ein aufregendes, sogar bereicherndes Kleinod kreieren kann, dessen Reiz sich bestimmt nicht flächendeckend erschließen wird. Der Ton macht die Musik. Diese Floskel trifft selten so sehr den Nagel auf den Kopf wie bei Vor Morgenrauen. Das mag oberflächlich alles nach Schema F ablaufen und dabei nicht mal sonderlich hochwertig aussehen, aber wie geschickt dieser Film mit seinen limitierten Voraussetzungen hantiert ist beispielhaft. Gekrönt von einem Final Girl-Spot, der selbst weniger euphorischen Zuschauer garantiert in Erinnerung bleiben dürfte. So was gab es definitiv sehr selten bis nie zu sehen. Und wenn, bitte melden.

Fazit

Frühe, kläglich unterschätzte Perle des Backwood-Horrors. Atmosphärisch eine Granate benötigt „Vor Morgengrauen“ keine rasanten Splatter- und Nakedei-Einlagen, obwohl der geneigte Genre-Fan zumindest auf die Blutwurst nicht gänzlich verzichten muss. Aber das ist nicht der Schwerpunkt. Und genau damit erkämpft sich der Film nicht unbedingt ein Alleinstellungsmerkmal, aber (in der Form) eine Qualität, mit der er selbst die meisten prominenten Klassenkameraden seines stattlichen Jahrgangs deutlich überflügelt.

Autor: Jacko Kunze
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