Inhalt
Überall wird die Mode-Designerin Christie Smith für ihre extravagant-schrillen Monochrom-Fashion gefeiert. Was die meisten allerdings übersehen, ist, dass ihr Haute-Couture-Imperium auf Ausbeutung aufgebaut ist. Corvette und ihre Mitstreiterïnnen tun sich nun zusammen, um der Modezarin Einhalt zu gebieten und Klassengerechtigkeit herzustellen.
Kritik
Wenn wir einen Film sehen, präsentiert uns das immer auch mit der Möglichkeit, den Denkprozess zu beobachten, den der oder die Filmemacherïn vor unser aller Augen auf der Leinwand ausbreitet. Das als solches sollte einem eine gewisse Bewunderung abtrotzen, weil ein*e jede*r Regisseurïn, der oder die sich daran versucht, sich zwangsläufig auch entblößt, im schlimmsten Fall gar bloßstellt. Wer eine solche Entblößung oder Bloßstellung fürchtet, so lässt sich im Umkehrschluss festhalten, ist also denkbar ungeeignet fürs Filmemachen. Wenn sich eines nicht über den amerikanischen Rapper und Filmemacher Boots Riley sagen lässt, dann wohl, dass er nicht im Verdacht steht, solchen Befürchtungen allzu ausgiebig nachzuhängen. Die Verve, mit der er nach dem vielbeachteten Debüt Sorry to Bother You erneut alles in die Waagschale legt, folgt einmal mehr der dieser Tage allerorts anzutreffenden Devise, alles erst einmal an die Wand zu werfen und das Publikum darüber befinden zu lassen, ob denn auch etwas “kleben” geblieben ist.
Das Überwältigungskino schlägt nach Ausartungen à la Megalopolis, Eddington oder auch Nadav Lapids Yes! also einmal mehr zu, wenngleich die Prämisse doch eigentlich bescheiden daherkommt. Denn bei wem der Titel I Love Boosters gewisse Erwartungen hervorruft—auf welche Weise soll hier wer und was ‘geboostet’ werden—wird sich in einer ebenso unerwarteten Situation wiederfinden wie der gut aussehende Clubgänger, den Rileys Protagonistin Corvette (Keke Palmer) in der Eröffnungsszene mit vieldeutigem Augenschlag und weniger ambiguem Hüftschwung vom Dancefloor eines Clubs in ein Hinterzimmer führt. Dort nämlich muss jener Clubgänger feststellen, dass es sich nicht um einen Bootycall handelt, sondern um eine “Shopping-Opportunity”. Ein ganzes Lager an High Fashion, für die es eine Klientel zu gewinnen gilt, tut sich dort vor seinen Augen auf, designed aus dem Hause Christie Smith. Deren Namensgeberin, (gespielt von einer auf größtmögliche Absurdität abzielenden Demi Moore, die sich damit nach The Substance regelrecht festbeißt im grellen Genrekino), hat sich mit ihren farbgesättigten Monochrom-Kostümen ein Modeimperium aufgebaut, das allerdings, wie sich bald zeigen wird, auf tönernen Füßen steht—was in diesem Fall bedeutet: fußend auf der Ausbeutung aller Glieder der sich von den chinesischen Textilfabriken bis in Christie Smiths kalifornische ‘Metro Designer Stores’ erstreckenden Wertschöpfungskette.
Der Dreh ist nun, dass Corvette und ihre Freundinnen Sade (Naomi Ackie) und Mariah (Taylour Paige) gleichzeitig in Lohnarbeit bei Christie Smith stehen, selbige allerdings—zunehmend systematisch—bestehlen. Neben dem Outsourcing, den die Firmenbossin in China betreibt, geht diesen Coups, einer abstruser als der andere — wie viel Kleidung lässt sich vor dem Verlassen der Boutique unter die eigene stopfen? Mit wie vielen Ablenkungsmanövern kommt man noch davon? — auch Ausbeutung im eigenen Haus voran. In einer Szene etwa sehen wir, wie der Preis für die extravaganten Mitarbeiterïnnenkostüme von den Lohnchecks subtrahiert werden. Was also zunächst noch als schlichtes Rebellinnentum daherkommt, weitet sich bald schon zu einem revolutionären Klassenkampf aus, an dessen Ziel der Sturz des Christie-Smith-Imperiums steht. So weit, so gut.
Während der Wholesale-Verkauf aus dem Hinterzimmer Erinnerungen an Sean Bakers sozialrealistischen Prince of Broadway wachruft, ist der Stil unverkennbar Rileys. Was vor allem bedeutet, dass jede noch so abstruse Idee — oder die Idee einer Idee — ihren Weg in den Film findet. Angesiedelt in der kalifornischen Bay Area befinden sich die Büroräume der Modezarin etwa in einem tiefschräg aus der Skyline herausragenden Wolkenkratzer—ein schiefer Turm von San Francisco. In einer Szene sehen wir Corvette in Christie Smiths Büro eindringen, hereingeschmuggelt in einem mobilen Kaffeestand — ein trojanischer Kaffeewagen? Doch neben solchen kleinen Gags bricht sich wiederholt die allzu große Absurdität bahn.
Als eine der zentralen Metaphern des Filmes sehen wir eine Abfall-Kugel, bestehend aus Rechnungen und Zwangsräumungsmitteilungen, deren Umfang, während sie durch die hügeligen Straßen der Innenstadt rollt und mehr und mehr dieser unliebsamen Post in sich aufnimmt, stetig anwächst. Die Botschaft ist klar: mit der sozialen Gerechtigkeit ist es nicht so weit her, die Verarmung innerhalb der chronisch-überteuerten Bay Area droht die Geringverdienerïnnen zunehmend zu überrollen.
Die Dinge erfahren eine entscheidende Wendung, als Corvette und die ihrigen auf Jianhu (Poppy Liu) und Violeta (Eiza González) treffen, die sich auf die eine oder andere Weise ihrer Bewegung anschließen und sie gewissermaßen zu einer politischen Formation entwickeln: während Jianhu auf eine globale Perspektive insistiert, offeriert Violeta ein theoretisches Fundament. Hier allerdings kommen wir auf die eingangs adressierte Idee des Filmes als Ausdruck eines Denkprozesses zurück. Offenkundig hat sich Riley während der Drehbuchentwicklung mit Marxismus und den Situationist International beschäftigt, weshalb sich im Film Konzepte wie Détournement, Dekonstruktion und “These – Antithese – Synthese” wiederfinden. Letzteres zeigt uns bereits, wie weit es mit Rileys theoretischem Fundament wirklich her ist.
Prinzipiell ist an eklektischer Vulgärtheorie nichts auszusetzen, vielleicht ist sie sogar nicht unpassend für einen Film, der sich offenkundig als Popcornkino positioniert. Die Katze beißt sich indes in den Schwanz, wenn der Geist einer solchen Theorie zugunsten quietschbunter Blödelei geopfert wird. Die fantastischen Elemente eröffnen hier weniger Denkräume als dass sie das Publikum von den sehr realen Mechanismen des kapitalistischen Systems ablenken. Hin und wieder werden Dinge angedeutet; ja vielmehr ist es ein Film der Andeutung zum Gestaltungsprinzip erhebt.
Auch vom bemühten Feminismus schweigt man besser, so denkbar denkfaul mutet dieser an. Hin und wieder etwa begegnet Corvette dem gleichen Mann (gespielt von LaKeith Stanfield), für den sie der Inszenierung nach bestimmt zu sein scheint, doch dessen Mystique wird immer wieder durch Banalitäten dekonstruiert.
Fazit
Im gleichen Maße, in dem Boots Rileys Sorry to Bother You 2018 noch erfrischend und ja, bisweilen sogar geistreich daherkam, entblößt sich I Lover Boosters schnell als eine weitere dieser gescheiterten Revolutionen, wie sie etwa Paul Thomas Andersons One Battle After Another ausstellte. Nur dass man letzterem immerhin zugute halten muss, sich jenes Scheitern eingestanden zu haben. Was von I Love Boosters letztlich bleibt ist, so paradox es klingen mag, ein ideenreicher Film ohne Idee.
Autor: Patrick Fey