MB-Kritik

Born in Evin 2019

Documentary

Maryam Zaree
Soraya Zangbari
Sima Boulanger

Inhalt

Maryam Zaree sucht die Hintergründe der eigenen Geburt in Evin, einem der berüchtigtsten politischen Gefängnisse des Iran, zu erhellen. Innerhalb der Familie, die später nach Deutschland fliehen konnte, wurde über diese Zeit nie im Detail gesprochen, und erst nach langem Zögern beschließt Zaree, Fragen zu stellen: Wie hat sich die Traumatisierung durch Verfolgung und Gewalt in die Körper und Seelen der Überlebenden und die ihrer Kinder eingeschrieben? Wie kommen die Opfer persönlich damit zurecht, dass die Täter bis heute ungestraft an der Macht sind? Und was bedeutet es politisch, wenn eine Beteiligte versucht, sich im engsten Familienkreis durch das Dickicht des Verdrängten hindurchzuarbeiten?

Kritik

Die Vergangenheit lässt sich nicht totschweigen. Sie windet sich einen Weg ans Licht, wenn nicht in der ersten Generation, dann in einer folgenden. Es die von Maryam Zaree (Systemsprenger). Der jahrzehntelangen Heimlichkeit ihrer Eltern stellt die Schauspielerin sich mit einem Dokumentarfilm. Darin konfrontiert sie ihre Mutter Nargess mit deren Aufenthalt in Teherans berüchtigtem Gefängnis. Unzählige starben seit der Machtergreifung Ayatollah Chomeinis in Evin. Zaree ist dort geboren. Unter welchen Umständen, das weiß sie bis heute nicht, berichtet Zaree, die lange nichts von den außergewöhnlichen Bedingungen ihrer Geburt erfuhr. Keiner sprach darüber, bis das Trauma das Wort ergriff.

Die Regisseurin leidet selbst unter den verdrängten kindlichen Erinnerungen an Folter und Haft, die unvermittelt in Form von Angstattacken an die Oberfläche brechen. Das Erlebte schleift sie mit sich wie den Fallschirm, den sie in abstrakten Zwischenszenen hinter sich her schleift. Dergleichen überdeutliche Allegorien sind nicht nur penetrant, sie hindern den Fluss der Ereignisse, die in einer schmerzlichen Offenbarung gipfeln. Das konfrontative Auftreten gegenüber den direkt Betroffenen wirkt mitunter harsch, doch letztlich ist deren Geheimnis auch das der Tochter. Um aufarbeiten zu können braucht sie Antworten. Diese wiederum ermöglichen ihr ein tieferes Verständnis der Eltern. 

Indem ihre Mutter das Trauma anerkennt, nimmt sie die Tochter in neuer Weise an. Bis dahin ist es ein langer Weg, der sich während diverser Detouren zu Verwandten, Bekannten und weiteren Gefängniskindern bisweilen auch so anfühlt. Zugleich vermittelt die inszenatorische Degression jedoch die unterdrückten Ängste vor einer Wahrheit, die sich einmal ausgesprochen, nie mehr zurückdrängen lässt. Gerade diese Offenlegung - so qualvoll sie sein mag - ist unumgänglich zur Bewältigung einer Geschichte, die sich unendlich zu wiederholen droht. Nicht nur in Evin, aus dem viele Überlebende nie entkommen. Ein paar von ihnen kann die aufwühlende filmische Spurensuche befreien.

Fazit

Während sich Verwalter des Gefängnisses, dessen Namen wie ein Synonym für Hölle nachhallt, im Iran erfolgreich nach politischer Macht streben, kämpfen die Kinder einstiger politischer Gefangener mit dem vererbten Trauma. Eine dieser Generation ist Maryam Zaree, deren Regiedebüt die weitreichenden persönlichen und familiären Auswirkungen von Verdrängung und Verschwiegenheit aufzeigt. Dem Grauen begegnet sie mit trotzigem Galgenhumor und Selbstironie, die zwar nicht alle Narben heilen, aber den Schmerz erträglich machen - und die überflüssigen Metaphern, die das spannenden Material zu verwässern drohen. Doch dass sie sich von unsichtbarem Ballast zu befreien weiß, hat die vielversprechende Regisseurin ja bewiesen.

Autor: Lida Bach
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