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Hamburg-St. Pauli in den Siebzigerjahren: Auf den ersten Blick ist Fritz „Fiete“ Honka ein bemitleidenswerter Verlierertyp. Seine Nächte durchzecht der Mann mit dem kaputten Gesicht in der Kiezkaschemme „Zum Goldenen Handschuh“ und stellt einsamen Frauen nach. Keiner der Stammgäste ahnt, dass der scheinbar harmlose Fiete in Wahrheit ein Monster ist.

Kritik

Grauenvoller als Blutlachen, Knochenknacken und Sägenknirschen, blutverschmierte Päckchen und hinter Gipskarton wimmelnde Maden sind die Menschen. Sie trifft Fatih Akins (Aus dem Nichts) morbides Menetekel aus Horrorfilm und Milieustudie so perfekt, dass seine schaurige Mörder-Moritat trotz der theatralen Szenerie authentisch wirkt wie eine Reportage. Deren unbarmherziger Fokus richtet sich weniger auf das Spektakel zerstückelter Körper als auf das soziale Umfeld, in dem solche Taten geschahen und über Jahre hinweg unentdeckt blieben. Der Schrecken liegt nicht nur im gierigen Schielen des Täters, wenn er in seiner Dachwohnung über ein weiteres potenzielles Opfer herfällt, sondern in den hohlen Augen ihrer Saufkumpanin: dumpf und teilnahmslos.

So gucken sie fast alle in der titelgebenden Kiezkneipe, die zur lebensechten Kulisse des kranken Kabaretts wird: an der Theke vom Suff gezeichnete Visagen der Stammkunden, die sich hier mit ihren Spitznamen noch wie jemand Besonderes vorkommen. Wenn Akin Soldaten-Norbert (Dirk Böhling, Up! Up! To the Sky), Doornkaat-Max (Hark Bohm, Vera Brühne) und Gastwirt Siggi (Marc Hosemann, Zwei im falschen Film) mit Einzelporträts wie einen Comedy-Club (als der sie mit launigen Dialogen dramaturgisch vorwiegend fungieren) vorstellt, schwächelt seine Inszenierung nah an der Banalität einer Kiez-Klamotte. Doch das Drehbuch, das der Regisseur mit Heinz Strunk (Fraktus) nach dessen gleichnamigen Roman schrieb, findet immer wieder zurück zur Angstfratze der Typenparade.

Der von Honka (Jonas Dassler, Werk ohne Autor), mit Bundhose und Bärtchen eine Albtraum-Version erzdeutschen Spießbürgertums. Seine Dachbude ist ein perverses Puppenhaus voller Sexbildchen und Schnapsflaschen. Mit zweiten lockt er hierher alte Obdachlose, die sich selbst aufgegeben haben. Entgegen filmischer Konvention sind die nackten Körper der Opfer nicht aufreizend, nur mitleiderregend, ihr Mörder kein stylisher Patrick Bateman oder Mr. Sophistication, sondern die sabbernde, sentimentale, Schlager hörende, selbstmitleidige, sadistische Realität. Sie zeigt ihr wahres Gesicht in der Maske - der Maske eines Mörders, der diese ganze narzisstische Nostalgie nach Bockwurst, schlechten Schallplatten und maroden Mietskasernen zusammen mit der maskulinen Machtphantasie von Filmhelden-Frauenmördern abwürgt.

Fazit

Wahrhaftig bis zur Widerwärtigkeit und authentisch bis zur Absurdität: Fatih Akins Grand Guignol ist ein zynischer Abgesang auf das Deutschland nach dem Wirtschaftswunder. Dessen Lebensrealität wird auf der Leinwand bis ins kleinste schmutzige Detail lebendig. Die Präzision erstreckt sich auf physisch und psychologisch angemessen drastische Porträts verlorener Gestalten und von Minderwertigkeitskomplexen, Misogynie und pathologischen Trieben gelenkter Männlichkeit. Ersten lässt das morbide Mördermärchen einen Rest Würde; für Zweite weckt es den gebührenden Ekel - genau wie für die entmenschlichte Gesellschaft, die den Tod der Opfer weder registrierte noch juristisch sühnte.

Autor: Lida Bach

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