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Jedes Mitglied aus der Familie der 16-jährigen Justine ist Tierarzt und Vegetarier - und auch die Jugendliche will diese doppelte Tradition fortsetzen. Als die noch unbedarfte Schülerin allerdings an die Ausbildungsstätte für Tierärzte kommt, in der sie ihre weiterführende Bildung erlangen soll, trifft sie hier auf eine Welt der Dekadenz und Rücksichtslosigkeit. Trotzdem versucht Justine alle Rituale mitzumachen, um nicht den Anschluss zu verlieren und dazuzugehören. Auf das Drängen ihrer Schwester Alexia hin, lässt sie sich sogar dazu drängen, die Campus-Tradition zu vollziehen und eine rohe Kaninchenleber zu essen. Doch dieses ungewöhnliche Mahl löst eine Kette von unvorhergesehenen Konsequenzen aus, denn Justine entdeckt plötzlich einen ganz besonderen Hunger in sich...

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Kritik

Es ist ein harmloses Fleischbällchen, das zu Beginn von Julia Ducournaus Raw eine angespannte Stimmung erzeugt. Als die jugendliche Vegetarierin Justine während des Essens mit ihren ebenfalls strikt vegetarisch lebenden Eltern in der Kantine eines dieser Fleischbällchen in ihrem Kartoffelbrei bemerkt, nachdem sie sich eine Gabel voll in den Mund gesteckt hat, reagiert sie mit einem überraschten Schock darauf. Sie spuckt das ungewollte Nahrungsmittel sofort wieder aus, während die Mutter ein erbostes Gespräch mit dem Mitarbeiter der Kantine beginnt. Was an diesem Auftakt des Films sofort auffällt, sind die Handlungen der einzelnen Beteiligten. Während der Vater die Ereignisse noch mit einem Lächeln überspielt, verhalten sich vor allem Mutter und Tochter, als würden sie nach einem strikten Kodex leben, bei dem jede geringste Abweichung zur folgenschweren Eskalation führt. 

Diesen Kodex aus vorbestimmten Regeln, eingeprägten Vorschriften und einem Lebensstil, der einem Menschen von Geburt an auferlegt wurde, beleuchtet Ducournau in ihrem Langfilmdebüt, um ihn schließlich auf anarchisch-bösartige Weise zu durchbrechen. In der Geschichte des Films wird Justine auf eine Schule geschickt, die sie zur Tierärztin ausbilden soll, womit sie genauso wie ihre Eltern und ihre ältere Schwester einer Familientradition folgt. Der Alltag in dieser Schule ist vergleichbar mit dem College-Alltag, wie er in amerikanischen Filmen häufiger abgebildet wird. Die Neuankömmlinge müssen sich den erfahreneren Studenten auf devote Art unterordnen, demütigende Prüfungen durchleiden, nutzen ihre Freizeit vor allem für ausufernde Partys und vegetieren in öden Unterrichtsstunden vor sich hin. 

Für die schriftlichen Tests und praktischen Versuche interessiert sich die französische Regisseurin jedoch nur am Rande. Im Mittelpunkt von Raw steht viel mehr die Persönlichkeit von Justine, die an dieser Schule eine radikale Wandlung durchläuft. Dabei geht es nicht darum, dass das jugendliche Mädchen ein Leben auf eigenen Beinen fernab des Elternhauses erlebt, sondern um tieferliegende, abgründige Veränderungen. Nachdem sie beispielsweise in einem frühen Ritual dazu gezwungen wird, ein kleines Stück rohe Kaninchenniere zu verzehren, kommt Justine unweigerlich mit dem in Berührung, vor dem sie ihr gesamtes bisheriges Leben lang abgeschirmt wurde. 

Ein juckender Ausschlag auf der Haut, ein ständig knurrender Magen und der ungewohnte Appetit auf Fleisch sind die alarmierenden Vorzeichen, die Justines Persönlichkeit plötzlich extrem verformen und mit einer Seite von sich selbst konfrontieren, die sie bislang nicht kannte. Ducournau inszeniert mit ihrem Film die Variante einer typischen Coming-of-Age-Geschichte, in der sie von Entdeckungen und Erkenntnissen erzählt, die ein junges Mädchen im heranwachsenden Alter durchlebt. Dabei unterfüttert die Regisseurin ihren Genreentwurf mit blutigen, abschreckenden Motiven des Kannibalenfilms. So werden sensible Befindlichkeiten, die Ducournau mit neugieriger Einfühlsamkeit inszeniert, immer wieder von brutalen Erschütterungen durchzogen, die in atmosphärischer Intensität unvermittelt auf vermeintlich gewöhnliche Momente einstürzen. 

In einer frühen Szene, in der die Neuankömmlinge mit literweise Tierblut übergossen werden, kommt dieser Ansatz bereits in voller Pracht zur Geltung. Die Regisseurin inszeniert diesen Vorfall in Zeitlupe, begleitet von extremen Klängen auf der Tonspur, und folgt somit einer desorientierenden, schlafwandlerischen Traumlogik, die sich im weiteren Verlauf des Films noch stärker auf einzelne Szenen auswirkt. Momente, in denen Justines Körper in ein sinnliches Licht gerückt wird, wenn sie sich beispielsweise ihrem eigentlich homosexuellen Mitbewohner hingibt, den sie schon länger begehrt, werden zum Albtraum verzerrt, als ihr fleischliches Verlangen überhand nimmt und sie sich selbst in den Arm beißt, um schlimmeres zu verhindern. 

Trotz der drei bis vier Szenen, bei denen sich der Betrachter regelrecht zum Hinsehen zwingen muss, ist Raw jedoch weit vom reinen Schockfaktor entfernt. Ähnlich wie zuletzt in Ana Lily Amirpours (The Bad BatchA Girl Walks Home Alone At Night und Robert Eggers‘ The Witch steht der grausige Horror in Ducournaus Film gleichzeitig für ein emanzipatorisches Aufbegehren, durch das die Protagonistin nach und nach aus ihrem Zustand familiärer Restriktion erwacht und ganz zu sich selbst finden und ihre Gelüste frei ausleben darf, wenn auch unter gewöhnungsbedürftigen, zweifelsohne provokanten Umständen. Die Schlussszene, in der die Regisseurin noch eine besonders zynische Pointe enthüllt, wäre da gar nicht mehr nötig gewesen.

Fazit

Julia Ducournaus „Raw“ ist eine ebenso sensible Coming-of-Age-Beobachtung wie ein brutaler Kannibalen-Fiebertraum. Der Hunger auf Fleisch wird dabei zum Sinnbild für eine verwirrte Protagonistin, die sich aus familiären Restriktionen und jugendlichen Ängsten emanzipieren will und unter radikalen, sicherlich provokant überhöhten Umständen zu ihrer eigenen, bislang verborgenen sowie unterdrückten Persönlichkeit vorkämpft. Es ist ein ungewöhnlicher, einfallsreicher Film, der manchmal etwas zu überstürzt zwischen den extremen Stimmungslagen pendelt, dabei aber trotzdem Eindrücke hinterlässt, die sich nicht so leicht wieder abschütteln lassen.

Autor: Patrick Reinbott

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