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In einer kalten abstrakten Zukunft beherrschen Straßengangs die Nacht. Sie tragen untereinander Kämpfe aus, drangsalieren Obdachlose oder berauben unschuldige Zivilisten, nur um sich danach in einer grellen skurril gestalteten Milchbar von ihren Taten zu entspannen. Alex (Malcolm McDowell) ist der Anführer einer dieser Gangs. Er ist jung, aggressiv, kühl, intelligent und besessen von Beethoven. Gesellschaftliche Regeln scheinen für ihn nicht zu gelten. Als er jedoch in Wahn eine Frau totschlägt, gibt es kein entrinnen vor dem scheinbar totalitärem Regime. Nach einer Verurteilung wegen Mordes, bleibt Alex nur ein neuartiges Experiment, um dem Gefängnis zu entkommen. Eine Art Therapie soll Alex von seiner Boshaftigkeit heilen. Doch kann es wirklich einen perfekten Bürger geben?
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Kritik

Das ein Film eine Form von Kunst ist, wird heute gerne mal außer Acht gelassen. Bei leichter, schnell zu verdauender Massenunterhaltung, ist es schwer geworden, noch den wirklichen Kunstcharakter zu identifizieren. Dennoch gibt es hin und wieder Werke, die Raum zur Interpretation lassen, die den Zuschauer fesseln, ihn beschäftigen, dies sogar über Jahre. Farben, Töne, Musik, Charaktere oder Inhalt, sind bei diesen Meisterwerken nicht einfach nur Mittel zum Zweck, sie werden genutzt um eine bestimmte Stimmung zu erzeugen, um zu wecken, Aufzuklären, oder darzustellen. Ein wahrer Experte dieser  nicht ganz einfachen Kreation war Stanley Kubrick. Noch heute gehören seine Filme wie Spartacus, Dr. Seltsam, oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben, 2001: Odyssee im Weltraum oder Full Metal Jacket zu den besten aller Zeiten. Wenn es aber um die Frage nach legitimer Gewalt geht, nach freier Entscheidung und dies gepaart mit Beethovens 9. Sinfonie, zählt  Uhrwerk Orange immer noch zu den besten Gesellschaftssatiren, das jemals in so drastischen Bildern das Licht der Welt erblickte.

Eine Welt ohne Gewalt, ohne Hass. Wie würde eine solche Welt aussehen und wie könnte der Mensch eine solche erschaffen können? Der Autor Anthony Burgess hat sich in seinem Roman Clockwork Orange genau diese Frage gestellt. In drastischen Gewaltexzessen, kühler Inszenierung, sowie einer gesellschaftskritischen Sicht, geht er dabei schonungslos vor und seziert das Thema bis in seine kleinsten Teile. Regisseur Stanley Kubrick nimmt sich genau dieser Art an. In Visuell beeindruckenden, wie erschreckenden Bildern, erzählt er die Geschichte um Alex so intensiv wie nur möglich. Der dazu passende musikalische Score, der aus düsteren melancholischen Klängen, aber auch aufheiternder Klassiker besteht, dürfte Clockwork Orange zu einem der Audiovisuell großartigsten Werke machen, die es jemals gab.  Schon ab der ersten Minute, wenn Alex diabolisch grinsend dem Zuschauer vorgeführt wird, besticht Kubrick durch seine typische minimalistische Art. Doch was nach diesem kurzen Intro folgt, ist eine Achterbahnfahrt der Emotionen, Gewalt und Philosophie, auf die man gefasst sein sollte.

In der ersten halben Stunde ist  Clockwork Orange eine Anreihung von Gewalttaten, Beethoven, sowie der Kampf von Alex um Anerkennung. Sei dies in Familie, oder Freundeskreis. Hier zeigt Kubrick eine Welt auf, in der es keine Regeln gibt. Sobald jedoch die Staatsmacht auf den Plan kommt, nimmt der Film eine drastische Wendung. Alex wird im Gefängnis äußerlich geläutert. Seine Boshaftigkeit weicht der Unterwerfung. Innerlich ist er jedoch weiterhin das Scheusal, was sich nach Freiheit sehnt. Einsicht oder gar Reue bleiben ihm Fern. Alex ist jedoch dem autoritärem System vollends ausgeliefert.  Er wird eine Nummer, in einer bis aufs letzte mit Gehorsam durchstrukturierten Hierarchie. Doch hier fängt die Kritik an bestehenden Systemen oder gar Rechtsprechungen erst an. Alex ist schuldig, dies steht außer Frage. Als er sich jedoch dem Experiment unterzieht, um ein guter Bürger zu werden, so ändert sich nicht nur die Sicht auf Alex. Der Staat, oder gar die Politik, die Alex dazu zwingen wollen seinen freien Willen zu opfern, ist ebenso kriminell wie Alex selbst. Das Mitleid fällt auf ihn, denn er scheint nun Opfer eines korrumpierten und degenerierten Systems zu sein. Selbst als Alex später auf seine alten Opfer trifft, werden diese selbst zu Peinigern.

Genau hier entfaltet Clockwork Orange sein wahres Potenzial. Es ist dem Zuschauer selbst überlassen, über die jeweiligen Situationen zu urteilen. Was ist Gerecht? Dies liegt nun mal stark im Auge des Betrachters. Die objektive, wie auch die subjektive Gewalt, treffen hier in einem Setting aufeinander, was einen nicht mehr los lässt. Gut, böse, schwarz oder weiß. Kubrick zeigt mit seinem Werk eindeutig, dass solch klare Grenzen nicht so einfach gezogen werden können. Schlussendlich bleibt die Frage bestehen, wer an der Gesamtsituation von Alex Mitschuld hat. Ist es das scheinbar diktatorische System, die isolierte angstvolle Gesellschaft, oder gar die desinteressierte Familie. Oder ist es doch die Frage danach, ob einem Menschen grundsätzlich die Freiheit gegeben werden sollte, sich schlecht und falsch zu verhalten. Damit ist wohl Clockwork Orange eines der wenigen Werke, die wie ein großartiges Kunstwerk, eben von vielen Seiten interpretiert werden können.

Da Regisseur Stanley Kubrick ein Perfektionist war, ist jede Szene bis auf das letzte durchdacht und hervorragend in Szene gesetzt. Besonders der Einsatz von Kamera, Licht, sowie Musik, sind über jeden Zweifel erhaben. Gewaltszenen mit I’m Singing in the rain zu untermalen, ist ein Geniestreich ohne gleichen. Durch Einsatz von Beethoven, aber auch anderen Klassikern wie Sir Edward Elgar, ergibt sich so ein Gesamtbild, was durch seine komplexe Audiovisuelle Präsens zu bestechen weiß. Auch die Dialoge sind ebenso geistreich wie vielschichtig. Durch den Gebrauch des Nadsat, einem Englisch-Russisch-Gemisch, sind diese jedoch nicht leicht zu verstehen, geben dem ganzen allerdings eine Eigendynamik, die Kubricks Werk eine ganz eigene Sprache verleiht. Neben der Geschichte, der Inszenierung, sowie dem künstlerischen Aspekt, ist es vor allem Malcolm McDowell, der zum Highlight avanciert. Schon früh legte der gebürtige Brite damit wohl seine hervorragendste Schauspielleistung ab. Kühl, frech, dämonisch, aber auch aufrecht und stolz, zeichnet er seine Rolle und setzte damit schon 1971 sein eigenes Denkmal.

Fazit

"Clockwork Orange" ist kein einfacher Film. Wer seichte Kost erwartet, ist bei Stanley Kubrick stets an der falschen Adresse. Kubricks Werk will zum nachdenken anregen, zum philosophieren, aber auch zum genießen. Durch die beindruckende Darstellung, gelingt ihm das auch ohne Mühe. Noch heute wird regelmäßig diskutiert und neu gedeutet. Doch Fakt ist, dass die Gesellschaftssatire über das "Uhrwerk Mensch", wie der Name auch interpretiert wird, heute immer noch so aktuell ist wie damals. Die Fragen bleiben die gleichen und damit Kubricks intelligenter Gewaltfilm ein zeitloser Klassiker.

Autor: Thomas Repenning

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