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Dass sich ihre blinde Zwillingsschwester unter mysteriösen Umständen das Leben genommen haben soll, kann Julia nicht einfach hinnehmen. Sie muss herausfinden, was wirklich geschehen ist, und begibt sich auf Spurensuche. Während sie nach und nach etwas Licht in die Sache bringen kann, verliert Julia gleichsam selbiges. Langsam erblindet sie.
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Quelle: themoviedb.com

Kritik

Für Genrefreunde ist das Filmland Spanien schon lange kein Geheimtipp mehr, inzwischen scheint sich das auch für die breite Masse rumzusprechen. Während die Franzosen mit düsteren Krimidramen, Gangsterfilmen und ihren ultra-deftigen Terrorstreifen im europäischen Vergleich in diesem Jahrtausend verstärkt auf sich aufmerksam machten, überzeugten die Spanier eher mit weniger expliziten Grusel,- Mystery- oder Suspensethrillern. Ein Name ist dabei in den letzten Jahren in der öffentlichen Wahrnehmung besonders präsent: Oriol Paulo, der mit The Body & Der unsichtbare Gast zwei der international erfolgreichsten spanischen Thriller dieses Jahrzehnts  inszenierte. Zu beiden verfasste er zudem das Drehbuch (ebenso für den kürzlich bei uns auf dem Heimkinomarkt veröffentlichten Boy Missing), wie auch zu Julia’s Eyes, gemeinsam mit dessen Regisseur Guillem Morales (The Uninvited Guest), für den sein zweiter Spielfilm erstaunlicherweise der bis heute letzte geblieben ist. Erstaunlich deshalb, da dieser Film deutlich besser ist als diejenigen, mit denen sich sein Autor erst wirklich einen Namen gemacht hat (mal schauen, wie lange der Mini-Hype anhält).

Julia’s Eyes verbindet Elemente des klassischen Suspense- und Whodunnit-Thrillers mit denen des Horrorfilms, sogar ganz zarte Berührungspunkte zum Giallo sind kaum von der Hand zu weisen. Orientiert sich dabei inhaltlich wie stilistisch sichtlich an großen Regisseuren wie Alfred Hitchcock (Vertigo – Aus dem Reich der Toten) oder Brian De Palma (Der Tod kommt zweimal), leiht sich Motive aus Klassikern wie Mitternachtsspitzen oder noch „augenscheinlicher“ Warte, bis es dunkel ist aus und findet im weitesten Sinne auch Parallelen zu Dario Argento’s Meisterwerk Opera. Wie auch dort dreht sich vieles um Visualisierung, die Kraft und Macht des Sehens. Die damit einhergehende Möglichkeit der Täuschung, der bewussten Manipulation aber auch die Möglichkeiten der Wahrnehmung, wenn sie um einen ganz entscheidenden Faktor reduziert wird. In dem Fall schrittweise, unaufhaltsam und womöglich irreversible. Wenn Julia (toll, wie immer: Belén Rueda, Das Waisenhaus) langsam in den Wahnsinn getrieben wird und dadurch jedesmal wieder ein Stück ihrer Sehkraft einbüßt, kann sich der Zuschauer unweigerlich wesentlich intensiver mit ihrer Ohnmacht, ihrer aufkeimenden Angst im pochendem Takt zu der fortschreitenden Hilflosigkeit identifizieren. Irgendwann scheint Julia ausgeliefert -  und wir gleich mit.

Unabhängig von der ohnehin mit fähiger Hand und ohne überflüssiges Hauruck-Verfahren aufgebauten, aber stetig steigenden Spannungskurve hat Julia’s Eyes einen so einfachen wie in der Überlegung fantastischen Kniff parat: Sobald Julia sich endgültig nicht mehr auf ihre Sehkraft verlassen kann, sitzen wir mit ihr in einem Boot, zumindest personenbezogen. Einen Film aus der kompletten Perspektive eines Blinden will wohl niemand sehen…wäre auch recht…dunkel? Aber von nun an gibt es auch für die Zuschauer keine Gesichter mehr, bis auf das "eigene". Wie Julia muss man sich auf die Stimmen, die Aussagen der Beteiligten und den eigenen Instinkt verlassen. Wer spielt falsch, wer nicht und sind „die“ überhaupt die, für die sie sich ausgeben? An sich kein großer Move, den in der Form aber kaum ein Film wirklich konsequent durchgezogen hat und der diesem grundsätzlich schon spannenden, hochwertig und hingebungsvoll vorgetragenen Thriller das gewisse Etwas verleiht.

Dass die Auflösung letztlich etwas zu trivial und zweckdienlich ausfällt (auch da lässt der gute alte Giallo verschämt grüßen) ist schade, aber war ehrlich gesagt auch beinah zu erwarten und um mal Tacheles zu reden: Doch lieber so was, als wie später (bzw. ganz aktuell) bei Oriol Paulo üblich, nachdem er offenbar den M. Night Shyamalan-Fernkursus in Twistologie belegt hat und nun selbst einen extrem geil aufgebauten Plot mit einem übertriebenen Mumpitz-Schwurbel-Spektakel am Ende mit dem Arsch wieder einreißt. Dagegen ist so ein handelsüblicher, akzeptabler Rausschmeißer von der Stange schon wieder fast seriös, zumindest angenehm bodenständig. Und spricht wohl für ein Vertrauen in die eigentlichen Qualitäten, die nicht durch einen überstrapazierten Zaubertrick gepimpt werden müssen. Zurecht.

Fazit

Ein inszenatorisch elegantes, visuell und sensorisch clever ausgearbeitetes Schauerstück mit Anleihen bei den Größten des Genres, ohne sich dabei entscheidend zu überheben. Natürlich ist dabei kein neues Meisterwerk vom Himmel gefallen und inhaltlich läuft es auf eine gerade mal mittelprächtige Auflösung hinaus, der Weg ist hier aber eindeutig das Ziel. Ganz in der Tradition des europäischen Genrekinos vergangener Tage. Dahingehend erweist sich „Julia’s Eyes“ als echter Glücksgriff, der es absolut wert ist gesehen zu werden…solange man noch dazu in der Lage ist.

Autor: Jacko Kunze

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