Bond Nummer 11 und jetzt wird es richtig wild. Im direkten Vorgänger Der Spion, der mich liebte verkündete Bösewicht Stromberg noch, wie sinnlos es wäre, sich auf die Eroberung des Weltraums zu konzentrieren, wenn doch der Meeresgrund noch kaum erforscht wäre. Über einen klassischen Case von „schlecht gealtert“ kann man im Bond-Franchise ja traditionell ein sehr langes Lied singen, aber schon verblüffend, wie schnell sich dieses Statement selbst zerlegt hat. Vor allem, da es nicht mal als ein ironischer Teaser gedacht war, denn wie es schon der Abspann seinerzeit verkündete, sollte eigentlich For Your Eyes Only (In tödlicher Mission) der nächste Teil der Reihe werden. Aber dann kam da so ein ungeplanter Straßenfeger namens Krieg der Sterne daher und da auch Unheimliche Begegnung der dritten Art 1977 richtig abräumte, warf man im Hause Albert R. Broccoli alle Pläne über den Haufen. Bond im Weltall, das musste jetzt der heiße Scheiß sein und so wurde die dritte Roman-Vorlage von Ian Fleming namens Moonraker vorgezogen – obwohl diese inhaltlich praktisch nicht mit dem fertigen Drehbuch zu tun hatte. Moonraker und Schurke Drax (Michael Lonsdale, Die Braut trug schwarz) sind reines Namedropping, der Rest ist eine hyperaktive Ansammlung von purem Unfug und hanebüchenem Chaos, das aber in einem sensationellen Big-Budget-Champagner-Exploitator mündet, für den die Welt – bzw. eher der Planet – jetzt schon nicht mehr genug ist. Oder jemals sein wird.
Der Anfang ist bereits super, wenn James Bond (in seinem vierten Einsatz und schon jetzt etwas betagter wirkend, geht aber noch: Roger Moore) in einem Sky-Dive-Opener wieder auf den MVP des letzten Teils, Richard Kiel als „Beißer“ trifft, dieser aber leider einen defekten Fallschirm erwischt hat. Jeder andere wäre damit platt wie eine Flunder, aber dem unkaputtbaren Nager reicht ein schlichtes Zirkuszelt, um aus der Nummer unverletzt rauszukommen. So kann es gerne weitergehen und keine Sorge – es wird noch viel, viel besser. 007 führt sein neuester Fall – die Suche nach einem entwendeten Spaceshuttle namens „Moonraker“, mit dem quasi Pendelflüge zwischen All und Erde ohne Materialverschleiß möglich sind – unter anderem nach Venedig, wo er mit seiner Amphibien-Kondel den Markusplatz crasht, dass selbst die Tauben richtig dumm aus dem Gefieder gucken. Danach geht es zum Karneval in Rio de Janeiro, wo Bond sich erneut in luftigen Höhen mit dem „Beißer“ herumschlagen muss, wobei dessen x-te Niederlage zum persönlichen Glücksfall wird, denn selbst auf den hässlichsten Topf passt noch irgendein schiefer Deckel, was wohl zu der skurrilsten Szene im gesamten bisherigen Franchise führt (warum hat die eigentlich keine Zahnspange? Episch verpasste Chance).
Insgesamt lassen sich die ersten zwei Drittel so zusammenfassen: im Minutentakt wird auf James Bond ein Attentat nach dem anderen verübt, aber wie der Road Runner kommt er jedes Mal völlig unversehrt heraus und sein wechselnder Wile E. Coyote – meistens der „Beißer“, aber auch mal andere Handlanger, die leider nicht so unzerstörbar sind – guckt immer ziemlich dumm in die Röhre. Das ist unfassbar bescheuert, aber in seiner Kurzweile und der Kuriosität der Mordversuche gleichzeitig irre kreativ wie ungemein unterhaltsam. Aber selbst das ist ja nur kleiner Gruß aus der Küche, denn nachdem Roger Moore sich zwischenzeitlich als Clint Eastwood (Für eine Handvoll Dollar) verkleidet und mit einer Python gerangelt hat, fliegt die ganze Bande (ja, auch Lady „Beißer“) sogar auf eine Raumstation, damit die Party dort erst völlig schwere- und hemmungslos wird. Gut, dass die Marines (!) am Ende doch endlich zum ersten und vermutlich letzten Mal innerhalb weniger Minuten ihr Raumschiff (???) startklar machen konnten um als Kavallerie eingeflogen kommen, damit es zum Lasertag-Showdown kommen kann.
Heidewitzka Herr Kapitän, was ist denn hier los? Moonraker – Streng geheim ist von Minute eins an komplett absurd und es wird immer heftiger. Aber ganz ehrlich: das ist so geil! ENDLICH ist die Bond-Reihe an einem Punkt, an dem man komplett auf jedwede „Seriosität“ scheißt (als wenn die jemals wirklich da gewesen wäre) und dem eh immer schon praktizierten Nonsens jetzt mal ganz offiziell die Fesseln abstreift. Es ist dumm wie die Hölle, dauernd passiert irgendein Quatsch, allen sonst relevanten Kritikpunkten wird praktisch selbst das Wasser abgegraben, da sich die Serie nun selbst komplett parodiert – aber das ist der logische Peak! Wo sollte es denn sonst noch hin? Das Bond-Universum brauchte diesen Point of No Return zwingend. Das ist die Königsdisziplin des Schwachsinns, aber mit so einem Aufwand, einer Selbstverständlichkeit und einer Freude an der eigenen Demaskierung auf die Spitze getrieben – Wow! Ganz viel Respekt und Liebe für einen Film, den du in so einem etablierten (aber eigentlich schon längst totgelaufenen) Franchise erstmal bringen musst.