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Nach dem Tod seiner Schwester kehrt Eric in seinen Heimatort im Grenzgebiet von New Mexico zurück. Einst flüchtete er vor Armut und Kriminalität zur Armee, nun, nach dem Irak-Einsatz traumatisiert und verkrüppelt, will er herausfinden, wer für den Tod seiner Schwester verantwortlich ist. Schnell keimt der grausame Verdacht auf, dass sein gewalttätiger Großvater etwas damit zu tun haben könnte…

Kritik

Damien John Harper, Jahrgang 1978, hat einen leicht ungewöhnlichen Werdegang hinter sich. Geboren in Boulder, Colorado, schloss er zunächst sein Bachelorstudium in Anthropologie ab, um anschließend zuerst als Ethnologe in Mexiko und später als Tauchlehrer in Brasilien zu arbeiten. 2006 verschlug es ihn schließlich nach München, wo er an der Hochschule für Fernsehen und Film sein Studium in den Richtungen Dokumentar- und Werbefilm begann. Mit dem Kurzfilm Teardrop liefert er 2011 noch während seines Studiums seinen ersten, fiktiven Film ab, der auf diversen Festivals erfolgreich lief. Sein Abschluss- und erster abendfüllende Spielfilm Los Ángeles – sicherlich maßgeblich geprägt durch seine Erfahrungen in Mexiko – gewann 2014 den First Steps Award in Berlin und machte neugierig auf die Zukunft dieses offenbar hochbegabten Globetrotters und quasi Quereinsteigers.

Nun also sein wichtiger, da bestätigender oder eventuell ernüchternder Folgefilm In the Middle of the River. Aufgrund seines Achtungs-Debüts von diversen deutschen Filmförderungen, dem ZDF sowie arte mitfinanziert und somit mehr als eine deutsche als US-Produktion ist dies nur anhand der Credits zu erkennen, denn Damian John Harper erzählt eine pure, amerikanische Tristesse, die neben ihrem vielleicht auch international verwendbaren Mainplot eine erschütternd ehrliche, beunruhigende und mahnenden Bestandsaufnahme eines Landes schildert, das sich mehr denn je am Scheideweg befindet und dessen Tendenz eindeutig Grund zur Sorge gibt. Angesiedelt im dem des Regisseurs sehr bekannten Grenzgebiet zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko scheint In the Middle of the River vordergründig eine melancholische Geschichte von Rache und Vergeltung innerhalb einer über Generationen hoffnungslos kaputten Familie zu erzählen, berichtet aber viel tiefgreifender über einen ganzen Landstrich und dessen Perspektivlosigkeit. Und die Folgen einer rechtorientierten, Problem verleugnenden und latent rassistischen Politik; einem Scheitern von Justiz und sozialer Gerechtigkeit, der einem Offenbarungseid gleichkommt, wenn sich nur jemand bequemen würde, die nicht nur indirekt dafür Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

„La Familia“ hat Kriegsveteran Gabriel (Eric Hunter) unübersehbar auf seinen Unterarm tätowiert, obgleich dieser Treueschwur mehr einem Wunschdenken denn der bitteren Realität entspricht. Notgedrungen hält die Sippschaft schon zusammen, wie es alle hier im Elendsviertel und Niemandsland-Ghetto tun müssen, aber letztlich dominieren auch intern die Gewalt, die Wut und die Ratlosigkeit, die alle auf unterschiedliche Weise kompensieren. Während seine indianische Großmutter versucht den Laden mit Liebe, Vergebung und Güte zusammenzuhalten, besäuft sich der weiße Biker-Großvater regelmäßig, um anschließend jedes Widerwort aus seiner Frau hinaus zu prügeln, wobei Enkel und Urenkel nur hilflos zusehen können. Eric ist nach dem ungeklärten, gewaltsamen Tod seiner Zwillingsschwester wieder daheim, will Licht ins Dunkel bringen, muss sich aber auch seiner eigenen Vergangenheit stellen. Einst war er nicht besser als die, die er nun verdächtigt. Nicht besser als sein brutaler Großvater, nicht besser als der Drogendealer und Zuhälter Trigger Finger, der seiner Schwester offenbar nahestand. Und zu allem Überfluss auch Eric’s ehemalige Geliebte vergewaltigt haben soll.

Die Suche nach dem Schuldigen, nach der Ursache für das Ableben der Schwester wird zur ungeahnten, unvorbereiteten Selbstreflektion, an deren Ende eine unbequeme, aber in seiner Ambivalenz eben völlig richtige Erkenntnis steht, deren Wahrheit mehr grau als schwarz oder weiß ist. Wie alles hier in dieser Gegend. Wie vielleicht nicht alles, aber erschreckend vieles in diesem Land zurzeit. Obwohl so getan wird, als wären pauschale, radikale Lösungen ein Allheilmittel. Wenn sich Eric’s jüngerer Bruder genauso wie er einst droht in einer Jugendgang zu versacken, die sich aus rassistischen Motiven gegen indianische Gleichaltrige richten (obwohl er selbst aus einer mehrfach gemischtrassigen Familien stammt) und bei den Hassattacken Parolen wie „Make America Great Again“ fallen, während Eric’s letzte Grundsicherung von OBAMA CARE erfolgt, da die Regierung seine Kriegsinvalidität und Traumatisierung nicht entsprechend anerkennt, dann ist In the Middel of the River mehr als nur ein beiläufiges Politikum. Und trotzdem ist es das Menschliche, das Soziale-Analytische, was diesen Film in erster Linie prägt und auch auszeichnet.

Ein plakatives Rachemotiv wird nicht reißerisch verwertet, stattdessen arbeitet sich Damian John Harper tief in die wahren Konflikte seiner Figuren und öffnet ihnen langsam, aber ungeschönt die Augen über sich selbst und wie sehr sie – trotz der massiven Ungerechtigkeit, der Schieflage ihrer Rahmenbedingungen – zum Teil natürlich immer noch selbst dafür verantwortlich sind, dass alles so ist wie es ist und besonders sie so sind, wie sie sind. Das ist auch der eigentliche Kern, die Aussage des Films. Es gibt natürlich Gründe, aber keine allgemeingültigen, universellen Entschuldigungen. Jeder ist am Ende des Tages nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere verantwortlich. Auch und besonders in Situation, die mehr als undankbar und auch möglicherweise unverschuldet sind. Womit trotzdem der Ball wieder zurückgeworfen wird an eine Gesellschaft, die sich modern, frei und gerecht schimpft und gleichzeitig die Ärmsten der Armen sich selbst überlässt oder gar dämonisiert, in der Hoffnung das „Problem“ möge sich von selbst lösen. Make America Great Again.

Fazit

„In the Middle of the River“ schildert anhand einer zermürbenden und subversiv-bohrenden Familientragödie einen sozialen Gesamtzustand, ohne dabei besserwisserisch mit billigen, unrealistischen Lösungen um sich zu werfen, was nur anmaßend und arrogant wäre. Probleme werden offengelegt, aber genauso ausformuliert, dass sich niemand – weder das Individuum noch die Allgemeinheit – vor der Verantwortung drücken kann. Niemand ist nur, aber eben auch, Produkt seines Milieus und es ist nicht damit getan, nur einzelnen Stellschrauben zu betätigen. Aber der Anfang ist oft schon damit gemacht, den persönlichen Frieden zu finden. Auch wenn das nicht unbedingt gleichzusetzen ist mit befriedigend.

Autor: Jacko Kunze

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