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El Topo, ein Desperado, nimmt den Kampf mit den "vier Meistern der Wüste" auf - und das nur, um seine Freundin Mara damit zu beeindrucken, und die Einwohner eines Dorfes, die von dem Meistern niedergemetzelt wurden, zu rächen. Er gewinnt den Kampf, wird aber später schwer verwundet und totgeglaubt in der Wüste zurückgelassen.
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Kritik

„Du bist nun 7 Jahre alt und ein Mann, Miguel. Begrabe dein erstes Spielzeug und das Bild deiner Mutter!“

Daddy knows best, also lasst es uns ihm gleichtun. Graben wir ein Loch, schmeißen alles rein was wir vermuten, erwarten und als gegeben betrachten und wenn wir Glück haben, gräbt sich ein Film wie El Topo als Maulwurf auf der Suche nach Sonnenlicht aus dem wildwüchsigen Boden von Arthouse- und Genrekino. Mit einer (vermutlich) ungesunden, gleichzeitig grenzgenialen Prise aus Sinnsuche, Spiritualität, Wahnsinn, losen Ideenflicken, (trotzdem) extrem reflektierter, waghalsiger Religions- und Glaubensparabel, die das damalige Kino auf eine gewisse Art und Weise neu definierte und zum ersten Midnight-Movie in den USA wurde. Ohne einen Film wie El Topo scheint das Schaffen von dessen bekennenden Anhänger David Lynch (Eraserhead) kaum vorstellbar.

Ein komplett in schwarz gekleideter, mysteriöser Pistolero reitet in das Auge des Sturms ein, bzw. in dessen Schneise der Verwüstung. Er watet durch einen knöchelhohen See aus Blut, sieht sich konfrontiert mit einem makabren Windspiel aufgeknüpfter Körper, ausgeweideter Lebewesen und dem letzten Überlebenden, der um seine Erlösung winselt. Das darf der nackte Sohnemann als erste Männer-Amtshandlung erledigen, ist ja schließlich alt genug. Was in seinem verstörenden Ausmaß selbst aktuell die meisten Hürden locker überspringt, ist erst der Anfang und sogar der beinah „zugänglichste“ Moment von El Topo, einem nur als Western getarnten, eigenwilligen Darstellung des Leiden Christi, zumindest zu weiten Teilen. Mit dem zweiten seiner bis heute nur sechs Spielfilme schuf Alejandro Jodorowsky (Montana Sacra – Der heilige Berg) einen bewusstseinserweiternden, jegliche Konformität zersetzenden Bilderbogen purer Film-Ekstase. Als Regisseur, Drehbuchautor, Hauptdarsteller und Komponist in Personalunion. Zwischen grausamer Brutalität und bald schon Cartoon-hafter Überzeichnung versetzt El Topo den Zuschauer in einen einzigen Rauschzustand, der manchmal abstoßend, manchmal irritierend und jederzeit ungemein faszinierend seine ganz eigene Form cineastischer Extreme erschafft. Die Augen können sich auch nicht für einen Sekundenbruchteil vom Bildschirm abwenden, die Sorge ist zu groß nur einen einzigen Moment dieses niemals kalkulierbaren, psychedelisch-flirrenden Fiebertraums zu verpassen.

Nachdem der titelgebende, nicht mal ansatzweise irgendwie charakterisierte Held seinen Sohn zu Gunsten einer namenlosen Schönheit verstößt (womit Jodorowsky seinen eigenen, traumatischen Vaterkomplex nicht unbedingt auf-, aber einarbeitet), gilt es zu ihrer Wohlgefallen die vier großen Revolverhelden der Wüste auszuschalten, um selbst deren Platz einzunehmen. Der dunkle, alttestamentarische Racheengel wird nun in vier sonderbare Duelle geschickt, mit Anleihen bei antiken Sagen und Mythologien, vom alten Griechenland bis zu Arthus und Excalibur. Bis er mit seinem Gott hadert, von seinen „Jünger(inne)n“ verraten, sinnbildlich gekreuzigt und begraben wird, nur um aufzuerstehen, in einem blasphemischen, Sekten-geführten Sodom & Gomorrha aufzuräumen, einen Aufstand der Aussätzigen zu ermöglichen und letztlich mit der eigenen Sünde in Form seiner schwarzgekleideten Nemesis konfrontiert zu werden. Auch wenn sich die simple heruntergebrochene Inhaltsangabe von El Topo liest wie das Buch des Apostel Jodorowsky, ihn nur darauf zu reduzieren wäre viel zu wenig. Aus dem roten Leitfaden – wenn man dem Vorgeführten überhaupt etwas Ähnliches zugestehen möchte – webt er ein Quilt der verschiedenen Glaubensrichtungen und spirituellen Ausrichtungen, malt ein Fresko aus den Farben von Gewalt, Vergeltung, Schicksal, Glaube, Hoffnung, Erlösung und Verdammnis. Wie es im Prinzip auch u.a. die Bibel macht, nur wesentlich radikaler, ungeschönter...und deutlich weltoffener.

Fazit

Bewusst an der Grenze zum Skandalösen und manchmal darüber hinaus ist "El Topo" ein Film, der sich kaum exakt beschreiben, sondern nur erleben lässt und dieses ganz klar jedweder Narration unterordnet. Er will erstaunen, provozieren; diskutiert und gedeutet werden und schafft dies mit einem schier endlos wirkendem Repertoire aus Einfallsreichtum, Absurditäten, Gleichnissen und bizarren Momenten. Eine scheußlich-schöne Insel im nicht genau zu kategorisierenden Bermudadreieck des absonderlichen Kinos, das nicht jeder verstehen und lieben muss, aber kaum gar keine Reaktion hervorrufen kann. Ein phänomenaler Trip, gefahrloser lässt sich die Wahrnehmung definitiv nicht ausdehnen.

Autor: Jacko Kunze

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