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Weil ihr Vater Rav, ein angesehener Rabbiner, gestorben ist, kehrt Ronit Krushka in ihr altes, jüdisch orthodoxes Heim zurück. Dort wurde sie einst verstoßen, weil sie ihre beste Freundin Esti liebte. Eine Beziehung zwischen zwei Frauen ist in der streng-orthodoxen Gemeinde aber nicht ansatzweise denkbar. Als sie sich nun wiedersehen, flammt die alte Leidenschaft zwischen Ronit und Esti wieder hoch. Doch die Sache ist nun noch komplizierter. Denn Esti ist mittlerweile mit Ronits Cousin Dovid verheiratet.

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Quelle: themoviedb.com

Kritik

Ungeheuerlich, dass der neue Film von Sebastián Lelio, der nicht nur bei der Berlinale für Gloria eine Auszeichnung entgegennehmen durfte, sondern auch bei der diesjährigen Oscar-Verleihung für Eine fantastische Frau mit einem Goldjungen prämiert wurde, in Deutschland nicht einmal eine limitierte Kinoauswertung erhalten hat. Dabei unterstreicht Ungehorsam, seinen neues, für Lelios Verhältnisse überraschend kühles Werk, warum der chilenische Filmemacher sich zu einem echten Liebling der internationalen Fachpresse herauskristallisieren konnte: Sein Gespür für die Lebens- und Gefühlswelten der Charaktere, die er immer mit außerordentlicher Aufmerksamkeit untersucht, zeugt von wahrhaftiger, aufrichtiger Menschenkenntnis. Vor allem aber beweist Lelio mit Ungehorsam nun um ein weiteres Mal, dass er zu den großen Autorenfilmern des Weltkinos gehört, die sich wahrlich mit dem Titel eines Frauenregisseurs schmücken dürfen.

Mit seinem ersten englischsprachigen Film zieht es Lelio geradewegs nach New York City, wo sich die Ronit Krushka (Rachel Weisz, Der ewige Gärtner) als Fotografin verdient macht. Sie entstammt einer jüdisch-orthodoxen Familie aus London, hat sich jedoch vor Jahren die Recht erkämpft, aus dieser Gemeinschaft auszubrechen und ihr Leben nach den Statuten der persönlichen Freiheit zu errichten. Als sie die Nachricht erreicht, dass ihr Vater, ein verehrter Rabbiner, der für meine Gemeinde als Fels des Glaubens galt, verstorben ist, kehrt Ronit nicht nur nach England zurück, sondern auch tief in ihrer Vergangenheit. Brillant ist allein die Sequenz zu Anfang, in der wir die Reaktion von Ronit auf den Tod ihres Vaters in einer Montage des emotionalen Überdrucks verfolgen: Alkohol in einer Bar, Geschlechtsverkehr mit einem Fremden, Schlittschuhlaufen auf einer Eisbahn.

Genau so, wie sich Ronit dafür entschieden hat, ein Leben abseits ihrer Herkunft zu errichten, sucht sie sich auch Wege der Trauer, die nicht mit ihrem religiösen Elternhaus übereinstimmen. Auch das verdeutlicht Ungehorsam: Die Freiheit zu besitzen, individuell zu trauern. Ohne Gebetsbuch, ohne rituelle Abstimmung. Mit ihrer Heimkehr entfaltet Regisseur Lelio sodann einer Konfliktsituation, die seit Menschengedenken besteht: Der (oftmals unmögliche) Einklang von Sexualität und Glaube. Dovid (Alessandro Nivola, Jurassic Park III) ist ein alter Jugendfreund von Ronit und inzwischen mit Esti (Rachel McAdams, Spotlight) verheiratet, zu der Ronit in Teenager-Tagen eine leidenschaftliche Romanze pflegte. Esti hat sich ganz den Restriktionen der jüdischen Konfession unterworfen, doch die alten Gefühle brechen die Schalen der konditionierten (und von ihrem Umfeld aufoktroyierten) Frömmigkeit schnell wieder auf.

Das Begehren, welches Ronit und Esti füreinander empfinden, ist über die Jahre nicht verflogen, es wurde nur verschüttet. In einer Minute der unbeobachteten Zweisamkeit folgen auf Blicken die ersten Berührungen, die in Küsse übergehen. Ungehorsam beschreibt hier das seelische Leid zweier Individuen, die sich ihrer persönlichen Vorstellung von Freiheit nicht hingeben können, weil sie patriarchalen Strukturen unterliegen, die im Wandel der Zeit niemals hinterfragt wurden: Das Wort der jüdischen Urväter ist Gesetz. Die gesellschaftlichen Erwartungen müssen eingehalten werden. Wenn sich Ronit und Esti nahe sein wollen, müssen sie ausbrechen: Also steigen sie kurzerhand in die Bahn, mieten sich ein Hotelzimmer in einem anderen Stadtteil von London und lieben sich. Eine Szene, die so befreiend und aphrodisierend ist, dass sogar die sicherlich gewöhnungsbedürftige Geste, seinen Speichel langsam in den Mund des Partners fließen zu lassen, etwas ungemein Sinnliches mit sich bringt.

Ungehorsam aber ist kein Film der Fluchtgebärden, sondern ein Film des Aufbegehrens, auf Auflehnens. Sebastián Lelio lotet die emotionalen Tiefenschichten seiner Dreckeckbeziehung dahingehend aus, den religiösen Traditionalismus gegen die (zwischen-)menschliche Selbstermächtigung antreten zu lassen und kann sich im grenzenlosen Taumel der Emotionen, die hier mehr und mehr aufkochen, auf ein formidabel agierendes Schauspieltrio verlassen. Vor allem Rachel Weisz und Rachel McAdams brillieren in den komplizierten Figuren von Frauen, die sich den Reglementierungen einer Männerdomäne untergeben sollen, ihren Bedürfnissen jedoch keinen Riegel vorschieben können. Ungehorsam ist letzten Endes ein Film darüber, wie zwei Menschen aus der Verheimlichung ihrer Selbst ausbrechen und sich den Anspruch auf Eigenverantwortung über ihre Existenz zurückholen. Und das ist so feinfühlig, intim, exakt beobachtet und wirklichkeitsgetreu – man möchte diesem Film stehende Ovationen spendieren.

Fazit

Ein wundervoller, intimer und ebenso eindringlicher Film über die Liebe zweier Frauen, die gegen den religiösen Traditionalismus und patriarchale Strukturen aufbegehren und auf ihren Anspruch auf individuelle Freiheit bestehen. Dass dieser dieser großartig gespielte und ebenso feinfühlig inszenierte Film in Deutschland keine Kinoauswertung erhalten hat, ist schier unglaublich (und eine ebensolche Frechheit).

Autor: Pascal Reis

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