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Die Künstlerin Kyoko wacht in ihrem Appartment auf, getrieben von (Selbst-)Hass. Als ihre Agentin auftaucht, bringt sie sie bis zur sexuellen Unterwürfigkeit. Doch nicht nur das Arbeitsverhältnis, gar die gesamte Realität gerät aus den Fugen.

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Quelle: themoviedb.com

Kritik

Der japanische Regisseur Sion Sono, der in kurzen aber regelmäßigen Abständen das Independent-Kino seines Landes durcheinanderwirbelt, hat in seiner Vita sieben(!) Filme für das Jahr 2015 zu verbuchen. Im Jahr 2016 hingegen nur einen. Dafür einen ganz besonderen. Kleine Geschichtsstunde: Das traditionsreiche Filmproduktionsstudio Nikkatsu hat in den 70ern eine wahre Flut an Softcore-Pornofilmen veröffentlicht. Dabei durften sich junge Regisseur oft ohne jedwede kreative Eingriffe austoben, solange sie schnell produzierten, das Budget nicht überschritten und der fertige Film eine kommerzielle Auswertung ermöglichte. Diese Welle von Filmen genoss eine hohe Popularität, die auftretenden Frauen wurden zu „Roman Porno Queens“. Alle Jahre wieder passiert es nun, dass Nikkatsu an Filmemacher herantritt und ihnen die gleichen Voraussetzungen wie anno dazumal bietet. 2001 war es Takashi Miike, der mit Visitor Q das japanische Familienbild völlig selbstverständlich gegen die Wand klatschte. 2016 war die Zeit für Sion Sono gekommen, einen Nikkatsu-Softporn und seinen besten Film zu drehen.

Kleine Genrestunde: Der Pornofilm zeichnet sich durch das Aussparen jeglicher Psychologie aus. Es geht lediglich um das Aussehen der Körper, die Figuren werden auf ihre Körper reduziert. Der von Nikkatsu eingeführte Roman Porno hingegen verband eine Geschichte, Psychologie mit Nacktheit und dem Reiz der Erotik. Sonos Filmtitel Antiporno weist damit nicht etwa auf fehlende Nacktheit hin, sondern zeigt auf, dass der Filmemacher seiner Figur eine sehr komplexe psychologische Welt verleiht - noch dazu mit klarer feministischer Ausrichtung. Das Gegenteil eines Pornofilms sozusagen.

Dabei spielt der Extrem-Filmemacher von Anfang an mit offenen Karten (nur um später zu zeigen, dass er ein zweites, drittes und viertes Deck außerhalb des Sichtfeldes griffbereit hat): Ein opernhafter Tanz im schillernden Meer der warmen Farben eröffnet diesen Film. Es sind Bilder (vielleicht auch Zeiten) der Unschuld, in denen eine schemenhafte Figur durch den Raum tanzt. Allein, aber die Königin der eigenen Welt. Es folgt Ernüchterung. Der Raum ist eigentlich strahlend gelb, die Kerzen sind weg. Von draußen dringt nicht erfrischendes Licht in den Raum, sondern grelle Strahlen, die den Ort durchschneiden und das, was draußen ist, unerkennbar werden lassen. Das offene Badezimmer hingegen ist tiefrot, ein extremer Kontrast, der über eine unsichtbare Schwelle schreitet. Die junge, leichtbekleidete Dame (blendend dargestellt von Ami Tomite, Tag) kriecht eines morgens vom Gelben ins Rote. Sie liegt auf dem Boden, die Ventilatoren in den Wänden, durch die Tageslicht hineinkommt, ziehen Wunden über die Figur. Das Licht darf nur zerstückelt in den Raum gelangen.

Die Dame ist eine Berühmtheit, seelisch vernarbt, die in erzwungener Ekstase und unendlichen Extremen lebt. Sie muss ausrasten, sie muss schreien, heulen und befehlen - Grauzonen fühlt sie wahrscheinlich schon lange nicht mehr. Entweder brüllt sie ihr Spiegelbild an, das sie in ihren eigenen Händen hält, oder die (eingebildeten?) Menschen, die sich mit ihr abgeben. Sono zeigt hier das Bildnis eines Menschen, der von innen heraus verrottet, der bloß ein schwarzes Vakuum ist - in den saftigsten Farben. In der Wohnung selbst sind eingesperrte Tiere. Eine Echse, die als Baby (Ei?) in eine Flasche gegeben wurde - und mittlerweile zu groß ist, um entfliehen zu können. Ein eingesperrter und pechschwarzer Rabe, der bewegungslos in einem Gitterkäfig bleibt. Und nicht zuletzt Kyoko, die Autorin und Hauptfigur, die in dem spärlich eingerichteten Zimmer ausrastet. Ihre Managerin erzählt ihr vom vollen Plan des Tages und lässt sich dann versklaven. „Ich lebe für dich“, sagt sie. Die Autorin lacht, „Viel Glück dabei“.

Sie trägt einen Mantel, der von weitem gesehen mit Blumen geschmückt ist. Blumen, die, geht man dichter heran, nicht mehr erkennbar sind, da ihre Bestandteile verpixelt wirken. Es hat was von einem Paul-Klee-Kunstwerk, mit einer trostlosen Moral. Die verpixelte Schönheit der Kleidung, der Blumen, sie werden von Sion Sono als erster Geniestreich des Films (viele, unzählige werden folgen) nicht auf die „verschwundene Schönheit“ der Frau hinweisen. Sondern auf die unterdrückte Identität, den Intellekt der Frau, die beide hinter dem Aussehen heutzutage zum Verstecken gezwungen werden. Sono rechnet mit der japanischen Gesellschaft ab, die oberflächlich urteilt, bei der Sexismus regiert und Frauen dazu gebracht werden, eine „Hure“ sein zu wollen, da einzig das beruflichen Erfolg versprechen würde. So auch Kyoko. Sie ist Autorin, Regisseurin, Malerin, Stylistin, undundund. Sie schmückt sich damit, ihre Darsteller ihrem Willen zu unterwerfen. Sie zu formen, bis sie ihre Identität verlieren. Eine Frau mit Macht sozusagen, die auf bitterste Art und Weise von Sono als weiteres Glied einer Kette entlarvt wird. Die Macht war nur Schein.

Und hier verstecken sich die größten Freuden des Films. Es ist lange her, dass ein Film den Zuschauer derart geschmeidig hinters Licht geführt hat. Selten passiert, dass man sich so gern hat ausliefern lassen, um ein Erlebnis der besonderen Art zu haben. Antiporno hat eine unzuverlässige Hauptfigur, die sich im Verlauf des Films emanzipiert. Immer wieder verändert Sono dabei den thematischen Schwerpunkt, nie aber die Stilistik, nie den Kern und die wahre DNA des Films. Stattdessen leuchtet er mehrere Aspekte aus und reiht diese so perfekt aneinander, dass man als Zuschauer den Film wie in einem Tanz erlebt. Ein Tanz, bei dem der Film führt und der Zuschauer sich führen lässt. Dabei geht der Regisseur auf verlorene Liebe, Einsamkeit, die Prostitution des Starlebens, Selbstzweifel, Kunst, Identität, den Verlust der Identität in der Kunst, Neid, Wahn, Trauer, Verzweiflung, Schuld, Feminismus und Coming of Age ein. Er wandert von Ebene zu Ebene, hin und vor und zurück und her, vermischt alles, vergisst nichts und schlägt nie, aber auch nie einen falschen Ton an. Meisterhaft.

Dieser Text konnte sich einer gewissen Sprunghaftigkeit nicht entbehren. Das hat wahrscheinlich mehrere Gründe, doch neben all den persönlichen sind wohl jene am interessantesten, die ihren Ursprung im Seherlebnis haben. Antiporno ist ein ungemein schneller Film, der sich nach völlig freiem Belieben in Kapitel verteilt, der zurückblickt, alle Wände niederreißt, sich selbst beschreibt, von quietschenden Farben ins Schwarzweiße wechselt, der den typischen Sono-Wahnsinn aufweist und dennoch selbst den Kenner überrascht und zu beeindrucken vermag. Und bei all dem atemverschlagenden Irrsinn, der sich hier ausbreitet und die Synapsen des Autors glühen lässt, fallen ein paar Momente zwischen die Stühle. Zwangsweise. Das liegt vor allem daran, dass Antiporno ein derart an Überaschungen reiches Erlebnis ist. Überraschungen, die erfreuen, über die man aber nichts schreiben kann, damit man nichts verrät. So kann auch dieser Text nur als Auszug der Gedankenwelt gewertet werden, die während und nach der Sichtung dieses Films entsteht.

Fazit

Als „the most exquisite pile of shit“ bezeichnet Kyoko Sonos Film „Antiporno“ am Ende. Zu dem Zeitpunkt, an dem der Zuschauer bereits in ergriffenen standing ovations applaudiert. Tatsächlich hat Sono es geschafft, auf 75 Minuten einen Film zu inszenieren, der immens vollgepackt mit Informationen und Metaphern ist, dabei nie schwammig wird und stattdessen immer präziser auf eine kulminierende Klimax hinarbeitet. „Antiporno“ ist wohl Sonos genauester, größter und ehrlichster Film. Ein Konzentrat des Regisseurs in reinster Qualität und sein Meisterwerk.

Autor: Levin Günther

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